Archiv der Kategorie 'Yvonne Hegel'

Würzburg und seine Denkmäler III

In diesem Hause wohnte von 1858-1864 Matthäus Friedrich Chemnitz, der Dichter des unvergänglichen Liedes: Schleswig-Holstein meerumschlungen. Er lebte von 1851-1864 als Sekretär der Maindampfschiffahrt und des polytechnischen Vereins in Würzburg. In Dankbarkeit die Stadt Würzburg 1938.

So steht’s geschrieben in der Maulhardgasse, hinter dem Kaufhof.

Wie man kürzlich nachlesen konnte, möchte Würzburgs Kulturreferent Muchtar Al Ghusain Würzburgs in Stein gehauene Opferkultstätten „in ihren Kontext stellen“, „den Diskurs suchen“. Ich zöge die diskursverweigernde Schlagkraft einer Abrissbirne vor.
Wie schwierig es jedoch wäre, überhaupt etwas von Würzburgs Artefakten zu verschonen, wenn man die Verehrung des nationalistischen Opfers aus der Welt schaffen wollte, verdeutlicht die Tafel zu Ehren des Herren Matthäus Friedrich Chemnitz: Schleswig-Holstein meerumschlungen ist genauso wie das Lied der Deutschen ein Kind der vormärz’schen Kriegsgeilheit mit ihrer antidänischen und vor allem antifranzösischen Stoßrichtung. Halten wir uns weiter an Herrn Al Ghusains Intention: In welchem Kontext würdigte die Stadt Würzburg 1938 Herrn Chemnitz? Würzburgs damaliger Oberbürgermeister Theo Memmel, der noch am 02. April 1945 verlauten ließ, dass man jeden erhänge, der für den Feind arbeite, hat die Tafel sicher nicht wegen Chemnitzs Verdiensten um die Mainschifffahrt anbringen lassen. Es handelt sich schlicht und einfach um ein noch heute gehegtes und gepflegtes Nazidenkmal.

Der Studentenstein, die Kriegerdenkmäler, all die Kultstätten der nationalen Huldigung, was bewirkt es, sie in ihren historischen Kontext zu stellen? Das Vergangene und das Gegenwärtige werden auf künstliche Weise entknotet. Vergangenes ist vergangen, obwohl es auch auf die Gegenwart ihre Schatten wirft, sein Geist weiter existiert.

Und die Geschichte des nationalen Opfers lebt weiter. Ausgerechnet auf der Homepage der Stadt Würzburg, ausgerechnet bezüglich des Herren Nazi-Oberbürgermeisters Theo Memmel. Unter der Rubrik Stadthistorische Streiflichter erfährt man: „Im Gegensatz zu Gauleiter Dr. Otto Hellmuth, der sich bereits vor der Entscheidung in Richtung Nürnberg abgesetzt hatte, blieb Oberbürgermeister Theo Memmel in Würzburg und kämpfte mit einem von drei Volkssturmstoßtrupps in der Randersackerer Straße aufopfernd aber sinnlos gegen die überlegenen Angreifer.“ Welch schön gezeichnetes Heldenepos! Gauleiter Dr. Otto Hellmuth, der feige Verräter, flüchtete sich nach Nürnberg, Herr Memmel aber, der scheiternde Held, setzte sich aufopferungsvoll für seine Stadt ein. Liest man diesen Text, verwundert es fast, dass man Herrn Memmel nicht posthum den Kulturpreis der Stadt Würzburg verliehen hat.

Die Verehrung des nationalen Opfers lebt weiter, auf der Homepage der Stadt Würzburg, bei jedem Volkstrauertag, bei jeder Kranzniederlegung des Intercorporativen Convents am Studentenstein. Denkmäler in ihren historischen Kontext zu stellen, solange der Mythos des Opfers für die Volksgemeinschaft Realität besitzt, bedeutet, die geistigen Abgründe der Gegenwart totzuschweigen.

Als hätte man auf mich gehört…

…hat Wolfgang Jung einen tatsächlich lesenswerten Artikel über Heike Pauline Grauf geschrieben, der sich vom groben, bratwurstjournalistischen Geschreibsel seiner KollegInnen deutlich unterscheidet.

„Was soll‘n die Nazis raus aus Deutschland?

…Was hätte das für‘n Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ (Die goldenen Zitonen)

Viel zu späte Anmerkungen zum NSU, der Würzburg-ist-bunt- und der Antifademo im Dezember

Eine Nazibande zieht über ein Jahrzehnt mordend durchs Land und der Inlandsgeheimdienst versagt auf ganzer Linie. Die zivilgesellschaftliche Empörung über die Terrorakte fällt recht schmal aus, denn die Deutschen glauben wirklich, dass ihr Land bunt sei. Die jahrelange nationale Selbstbeweihräucherung qua Fanmeilendeutschland, das popkulturelle Bekenntnis zur „Heimat“ von Lena bis Nena, zeigen ganze Wirkung.
Sie haben nie aufgehört, selbst den Rechtsradikalismus noch als Argument gegen „Multikulti“ zu interpretieren: Die deutschen PatriotInnen, die politisch Inkorrekten, die KämpferInnen gegen die so genannten „Gutbürger“, die sich auf den Mainpostkommentarspalten auskotzen, die BürgerInnen, die selbst noch brennende Asylbewerberheime als Grund für eine Verschärfung der Asylgesetzbegung anführten. Das Problem heißt Deutschland.

Wenigstens gab es in Würzburg, im Vergleich zu vielen anderen ach so bunten Städten, eine solche Demo, kann man sagen. Der antineonazistische Reflex des linken Bürgertums ist nicht der schlechteste. Die zivilgesellschaftliche Empörung muss jedoch, bei allem ernstgemeinten Engagement gegen den Rechtsterror, ein Deutschland zeichnen, das es so nicht gibt. Sie muss eine Stadt konstruieren, die auf breiter Front gegen den rechten Terror sich ausspricht, ohne die Gesellschaft anzugreifen, in der der Nationalsozialismus zuhause ist. Nahezu jeder Kommentar in den Kommentarspalten der Mainpost beweist das Gegenteil. „Blaubi“ schreibt: „ ‚So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus‘: die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Migranten wiederspiegelt lediglich den Integrationswillen der ‚Einreisenden‘“. „45acp“ schreibt: „Ich vermisse den Respekt der meisten Ausländer unserem Land gegenüber und höre immer nur Forderungen und Nörgeleien“. „Taucher“ schreibt: „Der bundesweit von bestimmten Kreisen angeheizte Gruppenzwang zum kollektiven Schuldkomplex ist abartig und hochneurotisch.
Hier schreiben keine organisierten Neonazis, hier schreibt Würzburg. Hier schreibt die Gesellschaft, deren flammendes Bekenntnis zur Nation dazu neigt, das „Fremde“ in Brand zu stecken. Man wird sich ja noch wehren dürfen.

Schneller auf den rechten Terror reagierten in Würzburg antifaschistische Zusammenhänge, die unter dem Motto „Naziterror stoppen! Gegen Rassismus auf allen Ebenen!“ im Dezember durch die Straßen zog. „Derzeit feiert die bürgerliche Heuchelei und Doppelzüngigkeit einen neuen Höhepunkt. Während man sich einerseits über die kühl geplanten und brutal durchgeführten Morde des sogenannten ‚Nationalsozialistischen ‚Untergrunds‘ (NSU) echauffiert, treibt gleichzeitig der bürgerliche Rassismus a la Sarrazin in Medien und Politik neue Blüten.“ Zu einer Demo, die den Widerspruch zwischen der Zeichnung eines antineonazistischen Deutschlands und einer Gesellschaft, die den Rassismus selbst hervorbringt, thematisiert, kann ich mich kritisch-solidarisch verhalten.
Es steht aber die Frage im Raum, weshalb man die Demo überhaupt verantstaltet: Der linksradikale Point-of-view kann nicht an die Frau bzw. an den Mann gebracht werden, das deutsche „Volk“ wird nicht von den so genannten Herrschenden, wer auch immer das sein soll, zu einem Volk von RassistInnen gemacht, das deutsche „Volk“ ist ein sich seiner vernunftpotentiale selbstentmündigender Haufen, der dann und wann zum völkischen Mob wird. Dieser Standpunkt ist nicht vermittelbar, nicht durch eine Demo, nicht durch eine immitierte Stärke der antifaschistischen Bewegung.

Viele Konfliktlinien, die die radikale Linke hervorbrachte, geraten in Vergessenheit: Da die AnhängerInnen der Szene aus jugendkulturellen Milieus stammen und spätestens ab Mitte zwanzig damit beschäftigt sind, ihre „Jugendsünden“ zu verdrängen, können sich die wenigsten daran erinnern, was die antideutsche Antifa begriffen hatte. Bevor antideutsch ein identitäres Label für peinliche Wald- und Wiesenpolitikanten aus den Landkreisen wurde, die viel gelesen, aber nichts begriffen haben, verstand der klügere Teil der Antifaschistischen Aktion aus den neunziger Jahren wenigstens, dass die reflexhafte Feststellung, dass irgendein Scheißkaff bunt sei, nichts anderes als eine Lüge ist, die die Deutschen jedoch allzugerne selbst glauben. Viele Aueinandersetzungen der radikalen Linken sind von gestern und dennoch aktuell wie eh und je, obwohl ihr Personal mittlerweile aus ganz anderen Personen besteht, „alte“, linksradikale SpießerInnen wie mich ausgenommen. Das Dunkeldeutschland von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen ist aber noch immer da. „Ist es nicht eher so, dass jede Haltung und Handlung gegen die gesellschaftliche, geographische und politische Konstellation dieses Landes einen Akt der Menschlichkeit darstellt? Dass das Destruktive im Land der Deutschen das einzige Konstruktive ist? Ja, Sisyphusarbeit, vielleicht erfolglos, vielleicht frustrierend, vielleicht lebensgefährlich. Es ist aber die einzige Form, das Leben hier einigermaßen erträglich zu machen. Die einzige Form, für die es sich heute lohnt, hier etwas zu machen. Alles andere erregt den Verdacht, dass man irgendetwas Großes mit diesem Land und seinem Inventar vorhabe. Und das ist tödlich.

Dieses wundervolle Licht in Würzburg, wie farbig, ich mag es kaum mit schwarzer Tinte aufschreiben“ schrieb einst Gertraud Rostosky. Das Licht der Vernunft war es nicht.

Verfassungsschutz und Linke II

…und dieser „VS-Bericht“ von Karl Marx erinnert mich an viele meiner FreundInnen, zu finden hier.

Spitzelbericht der preußischen Polizei
über Karl Marx von 1852/53

Der Chef dieser Partei (der Kommunisten) ist Karl Marx; die Unterchefs sind Friedrich Engels in Manchester; Freiligrath und Wolff (Lupus genannt) in London; Reine in Paris; Weydemeyer und Cluß in Amerika; Bürgers und Daniels waren es in Köln; Weerth war es in Harnburg. Alle außer diesen sind nur einfache Mitglieder. Der schaffende und handelnde Geist, die eigentliche Seele der Partei ist aber Marx; darum will ich Sie auch mit seiner Persönlichkeit bekannt machen.

Marx ist von mittlerer Statur, 34 Jahre alt; trotz seines besten Alters werden seine Haare schon grau; seine Gestalt ist kräftig; seine Gesichtszüge mahnen sehr an Szenere (einen ungarischen Revolutionär), nur ist sein Teint mehr braun, sein Haar und Bart ganz schwarz; letzteren rasiert er gar nicht; sein großes, durchdringend feuriges Auge hat etwas dämonisch Unheimliches; man sieht ihm übrigens auf den ersten Blick den Mann von Genie und Energie an; seine Geistesüberlegenheit übt eine unwiderstehliche Gewalt auf seine Umgebung aus, Im Privatleben ist er ein höchst unordentlicher, zynischer Mensch, ein schlechter Wirt; er führt ein wahres Zigeunerleben, Waschen, Kämmen und Wäschewechsel gehört bei ihm zu den Seltenheiten; er berauscht sich gern. Oft faulenzt er tagelang, hat er aber viel Arbeit, dann arbeitet er Tag und Nacht mit unermüdlicher Ausdauer fort; eine bestimmte Zeit zum Schlafen und Wachen gibt es bei ihm nicht; sehr oft bleibt er ganze Nächte auf, dann legt er sich wieder mittags ganz angekleidet aufs Kanapee und schläft bis abends, unbekümmert um die ganze Welt, die bei ihm frei aus- und eingeht.

Seine Gattin ist die Schwester des preußischen Ministers von Westphalen, eine gebildete und angenehme Frau, die aus Liebe zu ihrem Mann sich an dieses Zigeunerleben gewöhnt hat und sich in diesem Elend nun ganz heimisch fühlt. Sie hat zwei Mädchen und einen Knaben, alle drei Kinder sind recht hübsch und haben die intelligenten Augen des Vaters.

Als Gatte und Familienvater ist Marx, trotz seines sonst unruhigen und wilden Charakters, der zarteste und zahmste Mensch. Marx wohnt in einem der schlechtesten, folglich auch billigsten Quartiere von London. Er bewohnt zwei Zimmer, das eine mit der Aussicht auf die Straße ist der Salon, rückwärts ist das Schlafzimmer. In der ganzen Wohnung ist nicht ein reines und gutes Stück Möbel zu finden, alles ist zerbrochen, zerfetzt und zerlumpt, überall klebt fingerdicker Staub, überall die größte Unordnung. In der Mitte des Salons steht ein altväterlicher großer Tisch, mit Wachsleinwand behangen. Auf diesem liegen seine Manuskripte, Bücher, Zeitungen, dann die Spielsachen der Kinder, das Fetzenwerk des Nähzeugs seiner Frau, dann einige Teetassen mit abgebrochenen Rändern, schmutzige Löffel, Messer, Gabeln, Leuchter, Tintenfaß, Trinkgläser, holländische Tonpfeifen, Tabakasche, mit einem Wort alles drunter- und drüber gehäuft, und alles dies auf einem einzigen Tisch.

Wenn man bei Marx eintritt, werden die Augen von dem Steinkohlen- und Tabaksqualm derart umflort, daß man im ersten Augenblick wie in einer Höhle herumtappt, bis sich der Blick mit den Dünsten allmählich befreundet und man wie im Nebel einige Gegenstände ausnimmt. Alles ist schmutzig, alles voll Staub, mit dem Niedersitzen ist es eine wahrhaft gefährliche Sache. Da steht ein Stuhl nur auf drei Füßen, dort spielen die Kinder und machen ihre Küche auf einem anderen Stuhl, der zufällig noch ganz ist. Richtig, den trägt man dem Besucher an, aber die Kinderküche wird nicht weggeputzt, setzen Sie sich, so riskieren Sie ein Paar Beinkleider. Alles dies bringt aber Marx und seine Gattin durchaus in keine Verlegenheit. Man empfängt auf das freundlichste, man trägt Pfeife, Tabak und was eben da ist mit Herzlichkeit an. Eine geistreiche angenehme Konversation ersetzt endlich die häuslichen Mängel, macht das Ungemach erst erträglich. Man söhnt sich mit der Gesellschaft sogar aus, findet diesen Zirkel interessant, ja originell. Das ist das getreue Bild von dem Familienleben des Kommunistenchefs Marx.

Aus: H.M. Enzensberger, Gespräche mit Marx und Engels. Insel Tb 19.

Verfassungsschutz und LINKE I

Der Verfassungsschutz müsste hunderte neue MitarbeiterInnen einstellen, würde er alle Land- und BundestagspolitikerInnen überwachen, die Israel nicht trotz, sondern wegen Auschwitz kritisieren und Israelkritik als leidenschaftlich betriebene deutsche Volkssportart betreiben. Und man merkt spätestens, dass es keine objektive staatliche Extremismusbekämpfung gibt, wenn man vergeblich nach dem Namen Martin Hohmann in den Archiven des VS sucht.

Die Priorität des Verfassungsschutzes ist eine andere, was die Offenlegung der vom VS überwachten Abgeordneten der LINKEN ein weiteres Mal beweist. Es geht eben nicht nur um den Schutz des Grundgesetzes, sondern auch um parteipolitische Intentionen unter dem Deckmantel des „politikwissenschaftlichen“ Extremismusbegriffs. Sich offenbar der nötigen massiven Etaterhöhung für den VS bewusst, wenn es um eine grundlegende Übewachung zweifelhafter IsraelkritikerInnen ginge, hält man Gregor Gysi, Petra Pau und Katja Kipping offenbar für gefährlicher als leidenschaftliche AntizionistInnen wie Inge Höger, Annette Groth und Sevim Dağdelen.

Ein besonderes Schockervideo bietet Stefan Ziefles Vortrag vom „Marx is Muss“ Kongress 2010 mit dem Thema „Ist Kritik an Israel antisemitisch“, mit dem sich hier schon intensiv auseinandergesetzt wurde.
Niemand, der dieses Video gesehen hat, kann danach noch behaupten, es gäbe keine problematische linke „Israelkritik“. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass ein Teil der LINKEN dies auch weiterhin behaupten wird.

Stefan Ziefle – Ist Kritik an Israel Antisemitisch? from marx21 on Vimeo.

Heike Pauline Grauf/ Presseschau

Man kann von Heike Pauline Graufs Aktionskunst denken was man möchte. Man kann sie grässlich finden, kreativ oder einfältig.
Dass die MainPost im schlechtesten journalistischen Jargon, das die Sauerstoffarmut in Redaktionsräumen von SPON bis Volksblatt beweist, Grauf mal wieder als „selbst ernannte Künstlerin“ bezeichnet, beweist auf ein neues, dass für das Gros der Unterfranken nur die gut eingehegte, biedermeierische Sonntagsmantelkultur als Kunstwerk anerkannt wird.
Ob die Journaille davon ablenken möchte, dass in Deutschland sich auch jeder Journalist einfach selbst ernennt, da es keine staatliche Ausbildung zum Journalisten gibt?
Wie gesagt: Man halte von Grauf was man wolle, aber verglichen mit dem, was die fränkische Bourgeoisie als Kunst betrachtet, müsste man bei Graufs Werken von Avantgarde sprechen. Je stärken die Menschen, die ihre bei Naturmotivmalkursen in Winzerdörfern entstandenen Bilder für kreative Zeugnisse menschlichen Schaffens halten, ein Werk ablehnen, desto näher kommt es wohl dem, was Kunst sei.

Deutscher „Liberalismus“ III

Die Journaille gibt sich solche Mühe, die FDP mit Druckerschwärze zu vergiften, muss man wirklich noch etwas zum Niedergang der Partei schreiben, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, den deutschen „ Liberalismus“ zu repräsentieren? Man muss, weil soviele Bäume schon gerodet werden mussten, ohne dass ein gescheiter Satz über die FDP und das deutsche Bürgertum zu Papier gebracht wurde. Und erst wenn der letzte Baum gerodet wurde und der letzte „Liberale“ sein Bundestagsmandat verloren hat werdet ihr merken, dass die ideologische Flexibilität der FDP keinem Wahlkampfpopulismus geschuldet ist.

Aber first things first: Wenn Philipp Rösler vor den Berliner Abgeordnetenwahlen den eurofeindlichen Joker auspackt, der eigentlich eine Sieben beim Mau-Mau-Spiel war (wobei die FDP in Berlin nicht mal Zwei ziehen durfte), dann schwingt er nicht nur mal kurz die Populismuskeule. Denn die nationale Formierung der „Liberalen“ ist ein Element, das sowohl der FDP als auch der bundesrepublikanischen bürgerlichen Elite immanent ist.
Zuerst zur FDP: Keine andere Partei der alten und neuen Bundesrepublik zeigte sich derart ideologisch flexibel, so wankelmütig zwischen dem, was man politisch rechts und links nennt, keine Partei symbolisiert die Hydra des politischen Liberalismus auf eine solch vulgäre Weise wie die FDP. Seien es die Werner Naumanns, Jürgen Möllemanns oder Teile der aktuellen FDP-Mannschaft im Saarland: Die FDP war stets bereit, die Sakralhalle der deutschen Nation zu betreten, wenn es um das eigene Überleben ging. Irgendwo zwischen Ralf Dahrendorf, Friedrich August von Hayek, Gustav Stresemann und Jörg Haider pendelt das Programm der FDP seit über sechzig Jahren hin und her. Jeder, der bei „liberaler“ Eurofeindschaft von Wahlkampftaktik redet, hat sich das deutsch-nationale Ornament der Partei nicht angesehen, in der sich die deutsche Elite zuhause fühlt: Auf dem flachen Land sind Julis und FDP durchsetzt mit Korpsgeist und korporiertem Habitus, mit einem Milieu also, für das die deutsche Nation von einer geschichtsphilosophischen Aura umgeben ist, an deren Seite man selbst in der nationalistischsten Barbarei noch stehen will. Die Tatsache, dass die lautesten deutsch-nationalen Quälgeister in der FDP derzeit nichts zu melden haben, bedeutet nicht, dass sie nicht längst darauf warten, aus der FDP das zu machen, was ihre korporierten Freunde in Österreich aus einer anderen „liberalen“ Partei gemacht haben. Mit regelmäßigen nationalen Stoßseufzern oder Interviews mit der neurechten Journaille erinnert man die Stahlhelmvisagen an der Basis dennoch auch von der FDP-Spitze herab daran, dass man „da oben“ auch den nationalen Flügel der Partei nicht vergessen hat. „Liberale“ Eurofeindschaft ist also durchaus auch als Lebenszeichen an die WählerInnen zu verstehen.
Der politische Liberalismus, gerade in der Form des deutschen „Liberalismus“, ist stets doppelzüngig: Gerade in einer bürgerlichen Sinnkrise, wie wir sie gerade erleben, zeigt sich, dass das „Freiheitliche“ das Nationale enthält wie die Wolke das Gewitter. Denn der rechtliberale Teil des Bürgertums, der in den Rundfunkgebühren schon den Kommunismus tapsten hört, also gegen den Staatszentrismus der Linken sich ausspricht, muss die Gesellschaft mit einer nationalen Überhöhung kitten, damit die Menschen in ihrem sinnlosen Treiben dennoch zu wissen glauben, für wen sie jeden morgen zu ihrer scheiß Arbeit gehen. Gerade in Krisenerscheinungen des Kapitalismus muss dieser Teil des Bürgertums das Eigene überhöhen, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu wahren: Kurz, wer zur Nation gehört und wer nicht. Es ist interessant, wie sehr dieser Teil des „Liberalismus“ den staatlichen Kollektivismus hasst, den nationalen Kollektivismus jedoch lobpreist. Es mag für eine kommunistische, antideutsche Strömung reizvoll (gewesen) sein, im politischen Liberalismus ein aufklärerisches Element aufspüren zu wollen, das in diesem aufgehoben zu sein scheint. Man darf aber nicht vergessen, dass sich auf der anderen Seite der Wertmedaille ein nationales Element verbirgt, das in kürzester Zeit aus einem „liberal“-bürgerlichen Milieu einen Mob machen kann. Ein Bekenntnis zum Liberalismus darf bei einem Kneipendisput ein Argument gegen staatsaffirmative SpinnerInnen von der linken Seite des Tisches sein, Normativität ersetzt jedoch die Kritik der politischen Ökonomie in keinster Weise.

Im Grunde genommen ist der politische Liberalismus die Widerlegung der Extremismustheorie, die sowohl dem Verfassungsschutz als auch einem Teil der Politikwissenschaft ihre Daseinsberechtigung gibt: Dass auch im politischen Liberalismus ein Element aufgehoben ist, das die so genannte Freiheitlich-Demokratische Grundordnung gefährden kann ist dieser Theorie unerklärlich. Some call it dialectic.

In Zeiten einer schwächelnden FDP besteht die Gefahr , dass sich die deutsche Elite nicht mehr in einer Partei aufgehoben fühlt. Was für eine politische Kraft in Deutschland entsteht, wenn keine Partei mehr versucht, alle Strömungen des Liberalismus in sich aufzusaugen, können wir nur erahnen. Das europäische Ausland gibt jedoch das beste Beispiel dafür, was das Krisenrezept des europäischen Bürgertums ist.

Fortsetzung folgt…

Brandstifter 2.0.

In Zeiten, in denen das Feuilleton längst nicht mehr darüber diskutieren muss, ob Deutschland eine Nation wie jede andere sei, weil diese Frage nahezu alle, bis auf ein paar vaterlandslose Gesellen und „ewiggestrige“ Linke, beantwortet haben, beweist die Onlinekommentar-Spalte der Mainpost jeden Tag auf’s neue, dass die Deutschen, die in den 90iger Jahren nichts gegen brennende Asylbewerberheime einzuwenden hatten, nicht einfach vom Erdboden verschwunden sind. Ganz im Gegenteil: Im schattigen Halbdunkel der Onlinekommentarspalten fühlen sie sich pudelwohl, die sich stets betrogen fühlenden Würzburger Ehrenblockwarte, Berufschauvinisten und Frankenhaiders.
Heutiges Beispiel: Der User Juergen1963 mit seinem überaus gewinnbringenden Kommentar namens „Wie behindert kann man eigentlich sein !!!“. Juergen1963 schreibt heute zur einem Artikel, der sich mit der mutmaßlichen Brandstiftung einer Dönerbude beschäftigt:
„Die Idee war ja im Prinzip nicht schlecht, in Doitschland gibt es eh zuviele dieser stinkenden Krankheitsherde – aber warum man sich dann auch noch erwischen lässt – kann nur jemand mit IQ < 0 sein !!!"
Man sagt ja, wir lebten heute in einem ganz anderen Deutschland als im Deutschland der 90iger Jahre. Nur leider kann ich dieses Deutschland nirgendwo erkennen, solange ich meinen Verstand benutze, solange ich mich nicht national besaufe.

Stürmendes Tibet

In Würzburgs bekannter Graffitiunterführung ist ein Werk zu finden, dass auf eine anschauliche Weise verdeutlicht, wie eng die Tibetsolidarität mit einem zweifelhaften Bild von Tibet und China verknüpft ist: „Seine Heiligkeit“ Tendzin Gyatsho und der tibetische Buddhismus dienen der Tibetsolidarität seit vielen Jahrzehnten als Projektionsfläche für antimodern-spirituelle Wünsche oder eine herbeigesehnte ethnische Homogenität Tibets, die sich als „Lob der Differenz“ tarnt. Anlass für das Graffito in der besagten Unterführung war wohl der antichinesische Aufstand in Tibet im Jahre 2008, den die TibetfreundInnen gerne einseitig als legitime Volksbefreiung gegen eine Fremdherrschaft betrachten.
Nun zu unserem Bild:

Der Autor des Graffitos benutzt- sei’s bewusst oder unbewusst- eine Bildersprache, die in mehreren Punkten strukturell an die Bildsprache der antisemitischen Karikatur anknüpft: Der dargestellte buddhistische Junge wird in einem schädelförmigen Suppentopf gekocht. Um ihn herum: lodernde Flammen und allerlei Todesanspielungen als Darstellung des absoluten Bösen. Es scheint ganz offensichtlich: Hier macht sich eine kannibalische Macht des Kindermordes schuldig. Ohne dies darzustellen, wissen alle, die eine rudimentäre Ahnung vom Konflikt um Tibet haben, wer die Kindermörder sind, wer das abolute Böse verkörpert: China.
Das Kind stellt den genauen Gegensatz zu diesem Bösen dar: Es ist wehrlos, strahl eine unschuldige Naivität aus. Während das absolute Böse Tod und Krieg beschert- schlecht auf dem Foto zu erkennen ist eine Stange Dynamit, die unter dem Kochtopf liegt- verkörpert der buddhistische Junge den Frieden: Ihn umgibt eine Aura des Lichts, ein hell erstrahlender Friedensvogel scheint machtlos gegen einen übermächtigen, finsteren Feind.
Erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist der Drache, der im Herz des Feuers nistet. Nicht irgendein Drache, sondern Lóng, das chinesische Fabelwesen. Es wird somit erst auf den zweiten Blick erkennbar, wie deutlich die Personifizierung des absoluten Bösen mit China verbunden ist. Lóng streckt seine Klauen nicht etwa in die Richtung seines Opfers, sondern breitet sie in die Richtung weiterer, nicht auf dem Graffito zu sehenden Opfer, aus, als sei sein blutrünstiger Steifzug noch lange nicht vorbei.

Das hier dargestellte Graffito ist weit davon weg, eine harmlose „tibetsolidarische“ Darstellung zu sein: Es ist ein Hetze, gegen China und den Großteil seiner Bevölkerung.

Würzburger Willkommensgrüße

Vor einiger Zeit wohnte ich, aus nichtigen Gründen, für ein paar Monate in Berlin.
Die Postwurfsendung einer Wohltätigkeitsorganisation bat mich, Pfandflaschen, die man nicht im Supermarkt abgeben wolle, neben die öffentlichen Abfalleimer zu stellen, statt sie hineinzuwerfen. Zugunsten der Menschen, die Flaschenpfand nötig haben, um über die Runden zu kommen. Dies erschien mir sinnvoll, und da ich sowieso ein Mehrwegmuffel bin, hörte ich auf diesen Rat.

An einem stickigen Sommertag kehrte ich nach Würzburg zurück. Alles beim Alten: Dieser alte Bahnhof, dem ein musealer Wert zukommt. Die Bahnhofszecken, nach Geld schnorrend. Und die Herren vom Taxistand, die wahren Könige des Bahnhofsvorplatzes, auf hässlichen pinken Gartenstühlen sitzend.
Ich hatte mir im Zug eine kleine Plastikflasche Cola gekauft, die ich auf dem Weg aus dem Bahnhofsgebäude austrank. Nichts ahnend stellte ich Sie neben einen Mülleimer, der sich unmittelbar vor dem Taxistand befand.
Ein lauter Pfiff riss mich aus meiner Gedankenverlorenheit. Er brachte nicht nur meine Physis, sondern auch meinen Geist zurück nach Würzburg. Ich drehte mich um und sah einen Taxifahrer, der von seinem Stuhl aufgesprungen war. „Dei Flasche schmeißt aber scho noch in die Mülltonne?“ blöckte dieser. Verdutzt und nach einer ganzen Weile antwortete ich: „Ich stelle die Flaschen eigentlich immer daneben, für die Flaschensammler.“ Kein Verständnis auf Seiten des Taxifahrers: „Schmeiß‘ die jetzt da nei! Die Penner, die greifen da nei, des macht dene nix!
Ich schmiss die Flasche in den Mülleimer, weshalb auch immer.

Willkommen zurück, auf dem Flaschenboden der Tatsachen. Willkommen in Würzburg.

SPON: „Selbsternannte Anarchisten“

Die Journaille ist reich an Sprache, aber arm an Geist. Und bedruckte oder digitale Seiten müssen ja auch gefüllt werden. Mit Füllwörtern beispielsweise.
„Mitunter“ ist so ein schönes Wörtchen, dessen Bedeutung, von der Süddeutschen Zeitung bis zum hinterletzten Blog (dem Letzten Hype zum Beispiel), sich niemand mehr entsinnen kann. Klingt aber nach guter Sprache, so ähnlich wie „sich gerieren“.
Bei SPON heißt es heute zu einer aufgebrachten Schar von griechischen Demonstranten, die ein Krankenhaus gestürmt hat, um einen verletzten Demonstranten zu besuchen:

„Eine Gruppe von 150 selbsternannten Anarchisten stürmte am Mittwoch ein Krankenhaus in Athen.“

Was fällt diesen „Anarchisten“ ein, sich selbst zu ernennen! Da könnte ja jeder kommen!
In Deutschland nennt man sich nicht einfach, man wird ernannt. Vom König, dem Staate oder der Handelskammer. Deshalb gibt es Parteibücher, Vereinsposten und gelernte Fachkräfte für Süßwarentechnik.

Meine Frage an SPON: Was soll das sein, ein nicht selbsternannter Anarchist? Und wer darf ihn denn ernennen? Bakunin, Kropotkin oder doch der Bundespräsident?

„Wir Franken gegen Atomstrom“

Patriotismus, das ist immer der Versuch, seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zu entkommen, sich Selbst als souveränes Ganzes zu imaginieren. Nichts bringt die Vorstellung des phantastischen Ganzen besser zur Sprache als der Du-bist-Deutschland-Slogan. Und jede Fußballweltmeisterschaft beweist, wie sehr die Deutschen diesem Gebot Folge leisten wollen.
Durch die neue Verbindung von Atomausstieg und Staatsräson war eigentlich längst abzusehen: Fanmeilendeutschland kann nun auch Antiatombewegung.

Und so kann man nun im Onlineshop von gesundepferdewelt.de/Werneck tolle Fahnen bestellen: Beispielsweise einen Frankenrechen, auf dem „Wir Franken mobil gegen Atomstrom“ steht oder, Dasselbe in Grün, mit der deutschen Flagge. Das Ganze kann man natürlich auch als Autofahne („keep the Fanmeilenfeeling alive!“) bestellen. Auch die Tiere werden zu deutschen Atomkraftgegnern gemacht: Neben der Verkaufsempfehlung der deutschen Antiatomfahne erfahren wir nämlich, dass in „Unserem schönen Land […] 5 Mio Hunde, 7 Mio Katzen, 1 Mio Pferde, 12 Mio Rinder, 26 Mio Schweine, 2 Mio Schafe, 42 Mio Legehennen – und Millionen von Vögeln, Kleintieren, Wildtieren und Insekten“ leben.
Den Patrotismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.

Wir sehen uns dann beim Autokorso in der Sanderstraße, wenn der nächste Meiler abgeschaltet wird.

Presseschau I

Welche Erkenntnis kann man durch Userkommentare und Leserbriefe gewinnen? Jedenfalls demetiert das enthemmte Geschmiere der MainpostleserInnen die These, dass in den Hirnwindungen der Würzburger Wutbürger ein emanzipatorischer Gedanke stecke.

Und so wird selbstverständlich auch am 16. März krakeelt.
Kaum jemand, der sich im lokalhistorischen Diskurs äußern darf, würde auf die Idee kommen, sich beim Zelebrieren der Kollektivtrauer von den paar Menschen stören zu lassen, die vor dem 16. März 1945 weggeschafft worden waren. Sonst wären sich die Würzburger nicht darin einig, dass der 16. März 1945 der schwärzeste Tag der Stadtgeschichte gewesen sei.

Und so kann auch Günther Rinke, der zum 16. März einen Leserbrief an die Mainpost sandte, nicht verstehen, dass sich manche Menschen nicht ins geistige Kondoleszenzbuch eintragen, sondern etwas anderes mit ihrer Zeit anzufangen wissen, ja sogar lachen können. „Ich bin doch sehr erstaunt, welche Veranstaltungen am 16. März in diesem Jahr in Würzburg stattfinden“, schreibt er in seinem Leserbrief, in dem er sich darüber beklagt, dass am 16. März Kabarett in der Posthalle und im Bockshorn stattfinden darf, während doch die Glocken in der ganzen Stadt läuteten, um an Würzburgs schwarzen Tag erinnern. Rinke beendet seinen Leserbrief mit einer eigentlich rhetorischen Frage: „Wer hat diese Veranstaltungen genehmigt?

Nun ist mir weder bekannt, dass der 16. März ein eingetragener stiller Feiertag ist, noch gibt es ein Gesetz, das einer festen Spielstätte, wie sie das Bockshorn ist, vorschreibt, dass jede Veranstaltung vom Souverän genehmigt werden müsse. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn man in diesem Land allmählich dazu übergeht, am 09. November nicht mehr der Opfer der Reichskristallnacht zu gedenken, sondern den Tag des Mauerfalls feiert, wo bleibt da die Hysterie der Mainpostleser? Als am Holocaustgedenktag die Karnevalsgilde feierte, statt der Befreiung Auschwitz‘ zu gedenken, wo war die aufgebrachte Leserschaft der Mainpost? Und was hat Herr Rinke am vergangenen 09.11. oder am 27.01. gemacht?

Wahrscheinlich nicht besonderes, denn an diesen Tagen läuten sie nicht, die Kirchenglocken dieser Stadt.