Archiv der Kategorie 'Stadtrundschau'

NPD-Truck in Würzburg

Nur eine kurze Info, da die üblichen Verdächtigen bisher noch nicht berichteten: Am Donnerstag kommt wohl die NPD mit ihrem Wahlkampftruck nach Würzburg: Hier nachzulesen.

Würzburg und seine Denkmäler III

In diesem Hause wohnte von 1858-1864 Matthäus Friedrich Chemnitz, der Dichter des unvergänglichen Liedes: Schleswig-Holstein meerumschlungen. Er lebte von 1851-1864 als Sekretär der Maindampfschiffahrt und des polytechnischen Vereins in Würzburg. In Dankbarkeit die Stadt Würzburg 1938.

So steht’s geschrieben in der Maulhardgasse, hinter dem Kaufhof.

Wie man kürzlich nachlesen konnte, möchte Würzburgs Kulturreferent Muchtar Al Ghusain Würzburgs in Stein gehauene Opferkultstätten „in ihren Kontext stellen“, „den Diskurs suchen“. Ich zöge die diskursverweigernde Schlagkraft einer Abrissbirne vor.
Wie schwierig es jedoch wäre, überhaupt etwas von Würzburgs Artefakten zu verschonen, wenn man die Verehrung des nationalistischen Opfers aus der Welt schaffen wollte, verdeutlicht die Tafel zu Ehren des Herren Matthäus Friedrich Chemnitz: Schleswig-Holstein meerumschlungen ist genauso wie das Lied der Deutschen ein Kind der vormärz’schen Kriegsgeilheit mit ihrer antidänischen und vor allem antifranzösischen Stoßrichtung. Halten wir uns weiter an Herrn Al Ghusains Intention: In welchem Kontext würdigte die Stadt Würzburg 1938 Herrn Chemnitz? Würzburgs damaliger Oberbürgermeister Theo Memmel, der noch am 02. April 1945 verlauten ließ, dass man jeden erhänge, der für den Feind arbeite, hat die Tafel sicher nicht wegen Chemnitzs Verdiensten um die Mainschifffahrt anbringen lassen. Es handelt sich schlicht und einfach um ein noch heute gehegtes und gepflegtes Nazidenkmal.

Der Studentenstein, die Kriegerdenkmäler, all die Kultstätten der nationalen Huldigung, was bewirkt es, sie in ihren historischen Kontext zu stellen? Das Vergangene und das Gegenwärtige werden auf künstliche Weise entknotet. Vergangenes ist vergangen, obwohl es auch auf die Gegenwart ihre Schatten wirft, sein Geist weiter existiert.

Und die Geschichte des nationalen Opfers lebt weiter. Ausgerechnet auf der Homepage der Stadt Würzburg, ausgerechnet bezüglich des Herren Nazi-Oberbürgermeisters Theo Memmel. Unter der Rubrik Stadthistorische Streiflichter erfährt man: „Im Gegensatz zu Gauleiter Dr. Otto Hellmuth, der sich bereits vor der Entscheidung in Richtung Nürnberg abgesetzt hatte, blieb Oberbürgermeister Theo Memmel in Würzburg und kämpfte mit einem von drei Volkssturmstoßtrupps in der Randersackerer Straße aufopfernd aber sinnlos gegen die überlegenen Angreifer.“ Welch schön gezeichnetes Heldenepos! Gauleiter Dr. Otto Hellmuth, der feige Verräter, flüchtete sich nach Nürnberg, Herr Memmel aber, der scheiternde Held, setzte sich aufopferungsvoll für seine Stadt ein. Liest man diesen Text, verwundert es fast, dass man Herrn Memmel nicht posthum den Kulturpreis der Stadt Würzburg verliehen hat.

Die Verehrung des nationalen Opfers lebt weiter, auf der Homepage der Stadt Würzburg, bei jedem Volkstrauertag, bei jeder Kranzniederlegung des Intercorporativen Convents am Studentenstein. Denkmäler in ihren historischen Kontext zu stellen, solange der Mythos des Opfers für die Volksgemeinschaft Realität besitzt, bedeutet, die geistigen Abgründe der Gegenwart totzuschweigen.

Deutscher Liberalismus IV / Würzburger Reden

In einer Gemeinschaft, deren Mitglieder die Existenz einer halluzinierten Meinungsführerschaft des Politisch Korrekten für ein Faktum halten, treibt die empfundene Distinktion manchmal unfreiwillig komische Blüten der nationalliberalen Einfalt. Und so führt das Denken ohne Widerspruch, das preaching to the converted, das ununterbrochene Sich-Selbst-Auf-Die-Schulter-Klopfen, auch auf den Häusern der Würzburger Studentenverbindungen dazu, dass eher einfach gestrickte Reden als Husarenritt wider die Verhältnisse wahrgenommen werden, die man sogar mit einem eigenen Büchlein würdigt: Die als Buch herausgegebenen „Würzburger Reden“ von Dr. Thomas Cieslik, Burschenschafter, Politikwissenschaftler und FDP-Mitglied, sind dafür ein gutes Beispiel.
Doch von welchem Milieu rede ich hier eigentlich? Denn „nicht alles, was pc im Munde führt, ist gleich rechts, aber bestimmt alles, was rechts ist, führt pc im Munde.“ (Barbara Junge/Julia Naumann/Holger Stark (1997): Rechtsschreiber. Wie ein Netzwerk in Medien und Politik an der Restauration des Nationalen arbeitet. Berlin. S. 21) Sucht man einen Begriff für das politische Milieu, von dem hier die Rede ist und das das Politisch Inkorrekte zur Tugend erhoben hat, stößt man auf keine klare Bezeichnung: Nationalliberal, nationalkonservativ, rechtsliberal und nationalfreiheitlich sind Vorschläge, aber weder lassen sich die einzelnen Begriffe bisher klar voneinander abgrenzen noch wurden bisher Versuche unternommen, die Ansichten und Ziele dieses Milieus stringent zu untersuchen. Als Arbeitsdefinition schlage ich die Bezeichnung „freiheitliche Grauzone“ vor. Durch das Wort freiheitlich wird zum einen eine häufige Selbstbezeichnung der Milieumitglieder aufgenommen, zum anderen ist es sowohl mit dem klassischen liberalen Denken, als auch mit dem nationalchauvinistischen Ansinnen der FPÖ konnotiert. Grauzone trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich um kein klar abgrenzbares Milieu handelt: die freiheitliche Grauzone ist sowohl mit etablierten deutschen Parteien verbunden, als auch mit den Thinktanks und Institutionen der Neuen Rechten. Das Meinungsspektrum ist nach Rechts meilenweit offen, nach links aber fest verriegelt.
Zu Wesen und Funktion des Begriffs Political Correctness wurde bereits viel veröffentlicht. Als Einstieg sei Katrin Auers Essay empfohlen. Mit dem PC-Begriff wird der Versuch unternommen, eine linke Diskurshegemonie zu umschreiben, die irgendein Denken unterdrückt, das die Wahrheit ans Licht bringen könnte, in unserem Falle ein so genanntes freiheitliches Denken. Bestimmte Begriffe sind mit der Political Correctness stets verbunden: Die Anhänger der PC werden als Gutmenschen bezeichnet, besonders häufig verbunden ist der Diskurs auch mit antifeministischen Ansichten, der Begriff „Genderterror“ steht dafür beispielhaft. Auch der Zeitgeist wird als abstraktes, nicht greifbares Unterdrückungsmoment angegriffen. Viel zu kurz kommt in den Untersuchungen die Ähnlichkeit zwischen klassischem Verschwörungsdenken und der Agitation gegen PC: Denn beide kommen ohne Gegner aus. Das Politisch Korrekte wird als eine mächtige Kraft dargestellt, die die Fäden zieht, ohne dass es Akteure gibt, die sich selbst als Politisch Korrekt bezeichnen würden. Die Rhetorik gegen PC drückt sich in Begriffen wie Tyrannei, Terror, Fundamentalismus oder gar Faschismus aus, ohne eine zielgerichtete Bewegung benennen zu können, die Politisch Korrekt wäre. So wie der Antisemitismus keine Juden braucht und Truther keine Bilderberger, so braucht auch die Agitation gegen Political Correctness keine Politisch Korrekten, sie funktioniert selbstbezüglich als Kampf der freiheitlichen Mehrheit gegen die böse Minorität. Auch hier knüpft sie an das klassische Verschwörungsdenken an, das doch zutiefst verbunden ist mit der religiösen Idee des Teufels, der durch bestimmte Personen seine Macht über die Menschheit ausübt.

Zum Glück kann man bei Amazon einen Blick in die „Würzburger Reden“ werfen, sonst wäre uns dieses Beispiel burschenschaftlichen „Geistes“ nie in die Hände gefallen: In Print ist dies Büchlein leider nicht mehr verfügbar. Vor einem Blick ins Buch stellt sich die Frage, wo Cieslik PC begegnet ist: Laut Aussage seiner Homepage hat dieser in Eichstätt studiert und war später in Würzburg tätig. Beides wahrlich Gegenden, in denen der linke Meinungsterror in jeder Pore der Journaille steckt. Nicht. Wenn ein Jan Fleischhauer im politisch-journalistischen Milieu Berlins, dann und wann durchaus unterhaltsam, auf die Pauke haut, nimmt man ihm wenigstens noch ab, dass die Mehrheit seiner KollegInnen ein durchaus anderes politisches Grundverständnis besitzt. In Würzburg imaginiert man sich die Herrschaft der Politisch Korrekten herbei, was sich täglich in den Kommentarspalten der Main-Post niederschlägt und sich auch in den „Würzburger Reden“ zeigt.
Selbstverständlich, ganz gemäß der burschenschaftlichen Weltdeutung, sind die Schuldigen, die jetzt Deutschland regieren, schnell ausgemacht: die 68iger. „Eine Ideologie aus spontan-anarchistischen, antibündischen, also gegen Nation und Familie gerichtete(n) Politik“ (Rechtschreibfehler im Original) sei hier am Werke und sei nun „erfolgreich in den Institutionen verankert“. Hier haben wir sie, die bereits früher angedeutete gruselige Verbindung der Freiheitlichen mit dem Nationalen. Faszinierend, mit wie viel subversiver Energie die 68iger für Cieslik noch immer ausgestattet sein müssen, damit er sich seinen Feind zeichnen kann, um die konservativ gewordenen 68iger, die sieben Jahre in Rot und Grün das Land regiert haben, übersehen zu können. Das Bild eines Deutschlands, das eine wie auch immer geartete linke Meinungsführerschaft besitzt, wird noch weiter gezeichnet: „Unabhängige, kritische Freigeister sind rar, sie tauchen nicht in der veröffentlichten Meinung eines durch Zwangsgebühren finanzierten und immer stärker in die Wohnzimmer hineindiktierten, ermahnenden, ja fast erziehenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf.“ Nun will man Cieslik gar nicht verübeln, von den GEZ-Gebühren genervt zu sein. Aber die Assoziationen von staatlicher Meinungskontrolle und linkem Kontrollstaat, die hier hervorgerufen werden, benötigen eine starke Einbildungskraft. Es spielt im Zusammenhang der freiheitlichen Grauzone überhaupt keine Rolle, ob solche Behauptungen verifizierbar sind: Verschwörungsdenken reproduziert sich selbst, es braucht keine Beweise. „Hinzu kommen auch neosozialistische Rezepte, die das Funktionieren der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage immer weiter aushebeln.“ Wir übersetzen diese Aussage: die Marktwirtschaft ist deshalb krisenhaft, weil es den „Neosozialismus“ gibt. Da hätte er doch lieber mal Marx gelesen, oder wenigstens Keynes.
Die Pointe aus den Auszügen der „Würzburger Reden“ ist aber definitiv, welche Säulenheilige sich Cieslik ausgesucht hat: „Mit geistiger Frische gegen die vorherrschende Tump- und Verwirrtheit vorzugehen, trauen sich nur wenige: aus Angst vor dem gesellschaftlichen Ausschluss. Die ehemalige Tagesschausprecherin Eva Herrmann ist hierfür ein mahnendes Beispiel.“ What? Wie schlecht muss es um das intellektuelle Niveau der Freiheitlichen stehen, wenn sie Eva Herrmann als ihre Ikone ausrufen? Eva Herrmann, die das Unglück der Loveparade als Gottes Strafe deutet, Eva Herrmann, die sich nach ihrem Rauswurf bei den Tagesthemen jetzt als Sprachrohr des Kopp-Verlages, der sich auf rechte Esoterik, nationalistische Hardliner und Verschwörungstheorien spezialisiert hat, ihre Brötchen verdient. Eva Herrmann, die jetzt auf eher traurigen Veranstaltungen neben Herren im Janker ihre Thesen präsentieren muss:

(sehr zu empfehlen ab 0:25)

Da die freiheitliche Grauzone sich scheinbar derart schwer tut, Identifikationsfiguren zu finden, möchte ich hier auch noch eine vorstellen. Wirklich, mutig, freigeistig und definitiv gegen PC ist diese Dame, die die FDP Nordrhein-Westfalen gleich als Bundestagsabgeordnete aufstellen sollte. Die spricht aus, was man ja wohl noch sagen darf!?

Am Ende waren sich die Korporierten wieder einig und klopften Cieslik auf die Schulter: „Jedes Mal erhielt ich ein positives Echo, Gewünschtes, aber oft nicht allzu in der Öffentlichkeit deutlich Gehörtes, vorgetragen zu haben.“ Um zum Ende noch einmal auf den Text zurückzukommen, „unabhängige, kritische Geister“ sind vielleicht rar, aber rar ist auch manchmal der Geist.

Als hätte man auf mich gehört…

…hat Wolfgang Jung einen tatsächlich lesenswerten Artikel über Heike Pauline Grauf geschrieben, der sich vom groben, bratwurstjournalistischen Geschreibsel seiner KollegInnen deutlich unterscheidet.

„Was soll‘n die Nazis raus aus Deutschland?

…Was hätte das für‘n Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ (Die goldenen Zitonen)

Viel zu späte Anmerkungen zum NSU, der Würzburg-ist-bunt- und der Antifademo im Dezember

Eine Nazibande zieht über ein Jahrzehnt mordend durchs Land und der Inlandsgeheimdienst versagt auf ganzer Linie. Die zivilgesellschaftliche Empörung über die Terrorakte fällt recht schmal aus, denn die Deutschen glauben wirklich, dass ihr Land bunt sei. Die jahrelange nationale Selbstbeweihräucherung qua Fanmeilendeutschland, das popkulturelle Bekenntnis zur „Heimat“ von Lena bis Nena, zeigen ganze Wirkung.
Sie haben nie aufgehört, selbst den Rechtsradikalismus noch als Argument gegen „Multikulti“ zu interpretieren: Die deutschen PatriotInnen, die politisch Inkorrekten, die KämpferInnen gegen die so genannten „Gutbürger“, die sich auf den Mainpostkommentarspalten auskotzen, die BürgerInnen, die selbst noch brennende Asylbewerberheime als Grund für eine Verschärfung der Asylgesetzbegung anführten. Das Problem heißt Deutschland.

Wenigstens gab es in Würzburg, im Vergleich zu vielen anderen ach so bunten Städten, eine solche Demo, kann man sagen. Der antineonazistische Reflex des linken Bürgertums ist nicht der schlechteste. Die zivilgesellschaftliche Empörung muss jedoch, bei allem ernstgemeinten Engagement gegen den Rechtsterror, ein Deutschland zeichnen, das es so nicht gibt. Sie muss eine Stadt konstruieren, die auf breiter Front gegen den rechten Terror sich ausspricht, ohne die Gesellschaft anzugreifen, in der der Nationalsozialismus zuhause ist. Nahezu jeder Kommentar in den Kommentarspalten der Mainpost beweist das Gegenteil. „Blaubi“ schreibt: „ ‚So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus‘: die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Migranten wiederspiegelt lediglich den Integrationswillen der ‚Einreisenden‘“. „45acp“ schreibt: „Ich vermisse den Respekt der meisten Ausländer unserem Land gegenüber und höre immer nur Forderungen und Nörgeleien“. „Taucher“ schreibt: „Der bundesweit von bestimmten Kreisen angeheizte Gruppenzwang zum kollektiven Schuldkomplex ist abartig und hochneurotisch.
Hier schreiben keine organisierten Neonazis, hier schreibt Würzburg. Hier schreibt die Gesellschaft, deren flammendes Bekenntnis zur Nation dazu neigt, das „Fremde“ in Brand zu stecken. Man wird sich ja noch wehren dürfen.

Schneller auf den rechten Terror reagierten in Würzburg antifaschistische Zusammenhänge, die unter dem Motto „Naziterror stoppen! Gegen Rassismus auf allen Ebenen!“ im Dezember durch die Straßen zog. „Derzeit feiert die bürgerliche Heuchelei und Doppelzüngigkeit einen neuen Höhepunkt. Während man sich einerseits über die kühl geplanten und brutal durchgeführten Morde des sogenannten ‚Nationalsozialistischen ‚Untergrunds‘ (NSU) echauffiert, treibt gleichzeitig der bürgerliche Rassismus a la Sarrazin in Medien und Politik neue Blüten.“ Zu einer Demo, die den Widerspruch zwischen der Zeichnung eines antineonazistischen Deutschlands und einer Gesellschaft, die den Rassismus selbst hervorbringt, thematisiert, kann ich mich kritisch-solidarisch verhalten.
Es steht aber die Frage im Raum, weshalb man die Demo überhaupt verantstaltet: Der linksradikale Point-of-view kann nicht an die Frau bzw. an den Mann gebracht werden, das deutsche „Volk“ wird nicht von den so genannten Herrschenden, wer auch immer das sein soll, zu einem Volk von RassistInnen gemacht, das deutsche „Volk“ ist ein sich seiner vernunftpotentiale selbstentmündigender Haufen, der dann und wann zum völkischen Mob wird. Dieser Standpunkt ist nicht vermittelbar, nicht durch eine Demo, nicht durch eine immitierte Stärke der antifaschistischen Bewegung.

Viele Konfliktlinien, die die radikale Linke hervorbrachte, geraten in Vergessenheit: Da die AnhängerInnen der Szene aus jugendkulturellen Milieus stammen und spätestens ab Mitte zwanzig damit beschäftigt sind, ihre „Jugendsünden“ zu verdrängen, können sich die wenigsten daran erinnern, was die antideutsche Antifa begriffen hatte. Bevor antideutsch ein identitäres Label für peinliche Wald- und Wiesenpolitikanten aus den Landkreisen wurde, die viel gelesen, aber nichts begriffen haben, verstand der klügere Teil der Antifaschistischen Aktion aus den neunziger Jahren wenigstens, dass die reflexhafte Feststellung, dass irgendein Scheißkaff bunt sei, nichts anderes als eine Lüge ist, die die Deutschen jedoch allzugerne selbst glauben. Viele Aueinandersetzungen der radikalen Linken sind von gestern und dennoch aktuell wie eh und je, obwohl ihr Personal mittlerweile aus ganz anderen Personen besteht, „alte“, linksradikale SpießerInnen wie mich ausgenommen. Das Dunkeldeutschland von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen ist aber noch immer da. „Ist es nicht eher so, dass jede Haltung und Handlung gegen die gesellschaftliche, geographische und politische Konstellation dieses Landes einen Akt der Menschlichkeit darstellt? Dass das Destruktive im Land der Deutschen das einzige Konstruktive ist? Ja, Sisyphusarbeit, vielleicht erfolglos, vielleicht frustrierend, vielleicht lebensgefährlich. Es ist aber die einzige Form, das Leben hier einigermaßen erträglich zu machen. Die einzige Form, für die es sich heute lohnt, hier etwas zu machen. Alles andere erregt den Verdacht, dass man irgendetwas Großes mit diesem Land und seinem Inventar vorhabe. Und das ist tödlich.

Dieses wundervolle Licht in Würzburg, wie farbig, ich mag es kaum mit schwarzer Tinte aufschreiben“ schrieb einst Gertraud Rostosky. Das Licht der Vernunft war es nicht.

A tribute to BZA / Ware und Kunst

Manche Dinge sind erst ein paar Jahre vorbei, und dennoch fühlen sie sich so an, als habe der Lauf der Provinzgeschichte alle ihre Spuren beseitigt: Lokalitäten wie das Autonome Kulturzentrum oder das Fiasko gehören für mich zu solchen Dingen.

Und noch vor ein paar Jahren hatte Würzburg ein unfreiwilliges Markenzeichen, an das ich mich gerne erinnere, und die Polizei sich wahrscheinlich auch: Sowohl auf den separiertesten Vorstadtwohnblocks als auch am bürgerlichen Traum vom Eigenheim leuchtete ein Schriftzug, hell wie die Nacht: Die Graffiticrew B-Z-A dominierte mit einem einfachen Schriftzug und einem dazugehörigen Männlein den städtischen und suburbanen Raum auf eine Art und Weise, die man im Nachhinein nur als größenwahnsinnig betrachten kann. Noch heute finden sich auf der Homepage der Stadt Würzburg zum Stichwort B-Z-A die Worte, dass es sich hierbei um „eine nicht unbekannte Würzburger Sprayer-Bande“ handele. Irgendwann wurden sie wohl gebustet.

Graffiti und die öffentliche Debatte über seine Ästhetik sind die besten Beispiele dafür, dass die Warenförmigkeit jede Zelle menschlichen Schaffens durchdrungen hat. Nichts, außer die Existenz des Kapitalismus, gewährt, dass Straßentags als Vandalismus gelten, und Streetart als Kunst. Denn Streetart, die sich selbst als solche bezeichnet, hat den unbewussten Schritt schon getan, selbst als Kunst wahrgenommen werden zu wollen und den öffentlichen Raum in den Kategorien der bürgerlichen Ästhetik zu betrachten. Die bekannte Aussage „Streetart is not a crime!“ bezeichnet diesen selbstentwaffnenden Schritt, den Graffiti und Streetart in der Regel vollziehen. Ein Hundi hier, ein Blümelein dort, fertig ist das Streetart-Stadtbild, das auch die WochenendeinkäuferInnen aus Theilheim als bereichernd empfinden. Selbst, wenn sich Streetart-MalerInnen nicht mit ihrer Leidenschaft ihre Brötchen verdienen und ihre Streetart zu Kohle machen können: Sie kommen in der öffentlichen Diskussion nur derart gut weg, weil sie das gleiche verwelkte Empfinden von menschlicher Kreativität besitzen wie diejenigen, die den Markwert ihrer Stadt erhöhen möchten. Stadtbildkommissionen haben nichts anderes im Sinn. Dabei ist eine Dialektik von Verschönerung und Verschandelung schon immer in Graffiti angelegt: Noch das negativste Element einer Subkultur, der Schriftzug an der Wand als Aufbegehren gegen eine Welt, die so schreiend schön ist, dass sie eigentlich alle zum Kotzen finden, kann durch die Kombination von strafrechtlicher Verfolgung und sozialpädagogischen Graffitiworkshops in das umgewandelt werden, was man einen Beitrag für die Gesellschaft nennt. Und dadurch die Funktion von Kunst erfüllen, zu der sie der Kapitalismus verstümmelt hat.
Der Anfangskeim von Graffiti, vor Sozialpädagogik, Graffitikunstseminaren und Designer-Chique, war das Aufbegehren gegen das, was man Stadtbild nennt und sich gegen den Menschen selbst richtet. Graffiti, betrachtet als die Kunst der Zerstörung, kommt menschlichem Schaffen näher als jedes eingerahmte Piece eines Bansky.
In diesem Sinne, ein Hoch auf die große Kunst- ein hoch auf B-Z-A.

Simon Funk

P.S: Leider Gottes hat ein gewisser „Freund“ aus versehen einen großen Teil meiner Bilddateien gelöscht, daher auch keine Tags von BZA. Falls ich noch welche finde und sie noch nicht entfernt wurden, werde ich diese nachreichen.

Mein Leben als Hater

Jede Rap-Kapelle braucht einen berufsmäßigen Hater, um sich selbst interessant zu machen. Als mir eines Tages das fliegende Spaghettimonster vor der orthodoxen Kirche in der Zeller Straße begegnet ist, gab es mir den Auftrag, Plastic Borderline zu haten. Und seitdem mache ich eben, was ein Hater tun muss: Ich predige Hass gegen schlechte Rapmusik. Ich zahle sogar fünf Euro Eintritt zu einem Plastic-Borderline-Konzert, nur um böse in Richtung Bühne zu gucken und „BUH!“ zu rufen.

Jetzt habe ich mit Freude festgestellt, dass die Anzahl der Hater zunimmt.

Plastic Borderline, der Disstrack kommt bestimmt!
Und ja, ich schreibe Euren Crewnamen bewusst falsch, weil ich weiß wie es Euch aufregt!

Euer Simon Funk

EDIT: Die Hatewelle geht auf dem Würzblog weiter…

Verschöööönerungsverein!

Hey, ihr Heimatschützer vom Würzburger Verschönerungsverein,

seid ihr nicht sonst damit beschäftigt, die Blumen an Denkmälern, an die sich zurecht niemand mehr erinnern kann, zu gießen? Seid ihr nicht sonst immer dafür, historische Bauten zu erhalten, damit Würzburg in euren Heizdeckenhirnen immer das gute alte Postkartenmotiv bleibt?

Wenn das immer noch zutrifft, weshalb protestiert ihr nicht dagegen, dass Würzburgs schönste Ruine den kulturlosen, zeitgeistaffinen Architekten zum Opfer fällt und jetzt ein Hotelturm wird? Habt ihr nicht schon all die Jahre versagt, da ihr zugelassen habt, dass vor mittlerweile sechs Jahren die historische Inschrift aus der Frühgotik von dieser Ruine entfernt wurde?

Was wird uns noch zugemutet? Eine Autobahn durch den Ringpark? Ein Weltraumhafen auf der Marienfestung?
Wehret den Anfängen!

Euer Hunter (entsetzt)

Heike Pauline Grauf/ Presseschau

Man kann von Heike Pauline Graufs Aktionskunst denken was man möchte. Man kann sie grässlich finden, kreativ oder einfältig.
Dass die MainPost im schlechtesten journalistischen Jargon, das die Sauerstoffarmut in Redaktionsräumen von SPON bis Volksblatt beweist, Grauf mal wieder als „selbst ernannte Künstlerin“ bezeichnet, beweist auf ein neues, dass für das Gros der Unterfranken nur die gut eingehegte, biedermeierische Sonntagsmantelkultur als Kunstwerk anerkannt wird.
Ob die Journaille davon ablenken möchte, dass in Deutschland sich auch jeder Journalist einfach selbst ernennt, da es keine staatliche Ausbildung zum Journalisten gibt?
Wie gesagt: Man halte von Grauf was man wolle, aber verglichen mit dem, was die fränkische Bourgeoisie als Kunst betrachtet, müsste man bei Graufs Werken von Avantgarde sprechen. Je stärken die Menschen, die ihre bei Naturmotivmalkursen in Winzerdörfern entstandenen Bilder für kreative Zeugnisse menschlichen Schaffens halten, ein Werk ablehnen, desto näher kommt es wohl dem, was Kunst sei.

Würzburg und seine Denkmäler II

Wir nehmen hier einen Gesprächsfaden wieder auf, den wir, inspiriert von Berthold Kremmler, damals im Letzten Hype begonnen haben.

Berthold Kremmler hat sich zum zweiter mal auf dem Zunderblog mit der Problematik des Gedenkens am Volkstrauertag, unter besonderer Berücksichtigung von Fried Heulers Beitrag, beschäftigt.

Erneut lesenswert!

Austritt der Adelphia Würzburg / Würzburger Verhältnisse

Als im letzten Sommer alle Welt erfahren durfte, was eigenlich jeder wissen konnte, dass es in manchen Burschenschaften Rassisten gibt und dass der äußerste rechte Rand der Burschenschaften in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sich organisiert, da scheint sich auch etwas im Bewusstsein mancher Adelphen verändert zu haben.
Und dies meine ich in doppelter Hinsicht: Zum einen trat die Adephia Würzburg im September aus der Deutschen Burschenschaft aus. Zum anderen scheint ein bestimmter Burschenschafter es auch für sinnvoll gehalten zu haben, interne Dokumente der Adelphen bei Indymedia zu veröffentlichen. Damit steht die Würzburger Burschenschaft nicht alleine da: Ein gespenstisches Datenleck innerhalb der DB führte dazu, dass einige riesige Anzahl interner Dokumente veröffentlicht wurde, und das Datenleck ist noch immer nicht geschlossen worden .

:: DB Verbandstagung ::

Die Wende der Adephen kam schnell: Nicht einmal ein halbes Jahr zuvor trug man die Verbandstagung der DB in Würzburg aus, und zwar zusammen mit der Burschenschaft Arminia-Rhenania zu München, der vorsitzenden Burschenschaft der DB im Geschäftsjahr 2011. Die Adelphen luden die Teilnehmer der Verbandstagung zum Begrüßungsabend und zum Frühschoppen auf ihr Haus, die eigentliche Tagung fand in der Residenz statt.Es ist typisch für die Würzburger Verhältnisse, dass die eigentliche Verbandstagung einer kritikwürdigen burschenschaftlichen Dachverbands in der Residenz stattfinden konnte, ohne dass sich eine Stimme im medialen Diskurs dagegen erhebt. In anderen Städten mit einer immerhin kritischeren liberalen Öffentlichkeit wurde die Verbandstagung der DB in ihrer Stadt wenigstens thematisiert, in Würzburg bleibt dies dem schattigen Halbdunkel der Blogs und linken Politikzirkel überlassen. Der Eisenacher Burschentag Mitte Juni und das bundesweite mediale Echo stellte für viele Burschenschafter, auch für die Adelphen, eine Zäsur dar: Seitdem wirkt die DB wie ein aufgeschreckter Haufen Hühner, manche Hacken aufeinander ein, manche verlassen den Stall. In der Main-Post war davon freilich nichts zu lesen: Hatte sich doch Manfred Schweidler nur wenige Tage vor dem Burschentag solche Mühe gegeben, Kritik an Burschenschaftern als Ressentiment der Vergangenheit abzutun.

:: Der Austritt ::

Bevor wir zum eigentlichen Dokument kommen stellt sich natürlich die Frage, was jemanden dazu treibt, interne Dokumente der Burschenschaft auf Indymedia zu veröffentlichen. So detailreich, wie die Daten sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es sich um einen Datendiebstahl eines Externen handelt. Alle anderen Spekulationen über die genauen Gründe sollen hier nicht weiter verhandelt werden. Wir gehen im Folgenden davon aus, dass es beim Dokument um den echten Antrag handelt, der im September auf dem Bundeskonvent der Adelphen angenommen wurde.
Welch Gründe werden im Dokument aufgeführt? Wen die eigene adelphische Geschichtsphilosophie interessiert, weshalb man laut Aussage des Antragsstellers aufgrund von Vorgängen im 19. Jahrhundert nicht unbedingt in der DB sein muss, darf gerne selbst nachlesen. Unser Interesse gilt dem aktuellen Geschehen.
Zum einen ist ein wesentlicher Grund für den Austritt die Verbandspolitik der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, deren Bestreben es offensichtlich sei, „den Dachverband der Deutschen Burschenschaft zu majorisieren oder gar zu sprengen“. Man unterstellt der BG „rassistische Motive“. Es ist tatsächlich erfreulich, dass ein Burschenschafter erkennt, dass es in der BG Rassismus gibt und dass man sich gegen diesen stellt.
Ein anderer Grund ist das mittlerweile vollkommen ramponierte Image der DB. „Die enorme Resonanz in der Presse hat gezeigt, wie schädlich diese Provokation für das Bild von Verbindungen im Allgemeinen und Burschenschaften im Besonderen in der Öffentlichkeit ist.“ Besonders interessant wird es, wenn sogar die Burschenschafter Angst haben, der staatlichen Repression gegen Rechtsextremismus ausgeliefert zu sein: „Im Hinblick auf mögliche zukünftige Repressalien der Mitglieder, die im Staatsdienst sind“ will man der DB nämlich austreten. In der Würzburger Welt ist ja zum Glück noch alles in Ordnung: da ist Heinz Henneberger von der Kriminalpolizei gerade Fux. Ich denke, die Aktivitas muss sich also keine Gedanken machen, auf welcher Seite zumindest in Würzburg ein bestimmter Teil der Staatsgewalt steht.
Der Antragssteller geht sogar soweit, auch nicht-deutschen Studenten einen Platz bei den Adelphen anzubieten: „Es ist dem Unterzeichner nicht erkenntlich, warum nicht, wenn auch in Ausnahmefällen, ein Nichtdeutscher, der eine entsprechende akademische Ausbildung und humanistisches Gedankengut, sowie eine Befürwortung des christlich abendländischen (wobei christlich für den Unterzeichner gänzlich unerheblich ist) Wertegedanken pflegt, nicht ein Freund im Sinne des „amico semper amicus“ und damit Bundesbruder in der Adelphia sein können soll.“

:: alles anders? ::

Ist nun alles anders bei den Adelphen? So erfreulich es ist, dass man, wenn auch spät, erkannt hat, welche Tendenzen innerhalb der DB sich da ihren Weg bahnen, ist der Antrag doch durchzogen vom typischen Jargon der Burschenschaften: Es geht gegen den Zeitgeist (Sicherlich ist es an jedem Akademiker […] sich gerade nicht dem Zeitgeist und der öffentlichen Meinung zu beugen..“), was auch immer das genau sein soll, und gegen die Gutmenschen, wer auch immer dies genau sein soll („Man ist der ständigen Kritik der von links intellektueller Gleichmacherei und Pseudo-Toleranz geprägten Gutmenschen ausgesetzt“). Kurz: Mit dem Austritt der DB verändert sich nichts an der burschenschaftlichen Weltdeutung, nichts an den soldatischen Tugenden, nichts an der korporierten Erziehungsgemeinschaft qua autoritärer Konditionierung. Kurz: die Adelphia bleibt ein Gralshüter der deutschen Nation. (Wer aus der Linken versucht, allen Burschenschaften Rassismus zu unterstellen, unterminiert die Kritik an den Korporationen. Das Niveau der linken Kritik bleibt leider meist unter jedem Niveau.)
Besonders zweifelhaft bleibt der Antrag, weil man sich schon in der Präambel gegen die „Überfremdung“ der Burschenschaft ausspricht: „Der Unterzeichner möchte weder der Überfremdung der Adelphia Tür und Tor öffnen noch hat er ähnliches vor.“ Überfremdung ist ein klarer Kode der extremen Rechten, dies sollte auch dem Verfasser des Antrags klar sein.

Kurz erwähnt werden muss an dieser Stelle noch, dass die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg, welche sich in der Korporationslandschaft Würzburgs gerade zu etablieren versucht, nicht in den Würzburger Waffenring aufgenommen wurde. Das heißt, die BG-Teutonen müssen weiter alleine Fechten und werden nicht in der ganzen Korporationslandschaft begeistert begrüßt. Immerhin ein Anfang. Laut Aussage der Dokumente war dies allerdings ein Anliegen der Corpsstudenten, nicht der Adelphen.

Lexikon der Städtebeschimpfungen

Man muss ja zugeben, dass es nicht nur Würzburg verdient hat, mit pechschwarzem Hohn besudelt zu werden: Wer schon einmal in Freiburg, Rostock oder Hof war weiß mit Sicherheit, was ich meine. Unser alter Showpraktikant beim Letzten Hype, Karl von Medina, bittet uns, das folgende Buch weiterzuempfehlen: Lexikon der Städtebeschimpfungen.
Zu Würzburg wird Heinrich von Kleist zitiert, dessen Schmähschriften gegen Würzburg viel zu unbekannt sind: Kleist lebte im Jahre 1800 in Würzburg, zum Grund seines Aufenthaltes in Würzburg gibt es bisher lediglich Vermutungen.
Zu Würzburg schreibt Kleist:
„Nach Vergnügungen fragt man hier vergebens. […] Nirgends findet man hier ein Auge, das auf eine interessante Frage eine interessante Antwort verspräche. Auch hier erinnert das Läuten der Glocken unaufhörlich an die katholische Religion, wie das Geklirr der Ketten den Gefangenen an seine Sklaverei.“

„Und, ist Würzburg immer noch Scheiße?“: Eine Episode mit Fortsetzungspotential…

Hat mensch in Würzburg so lange verbracht, dass mensch von der erdrückenden Atmosphäre erfasst wird, scheint es, dass die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten ist. Die große Welt weiß schon, dass es irgendwo Würzburg gibt, hält es aber für eine kleinere Großstadt unter vielen und verschwendet ansonsten scheinbar nicht viele Gedanken darüber. Es gibt in der Tat keinen rationalen Grund, das Geschehen in Würzburg von außen zu verfolgen. Aber angesichts der regelrechten Migrationsströme, die in die Stadt und aus ihr heraus führen, ist die Republik voll mit Menschen, die sich schaudernd an ihren Aufenthalt in der Vagina-Stadt erinnern. Diese Geschichten wollen wir dokumentieren, denn „da draußen“ leben noch Augenzeugen unserer Not.

Einmal verschlug es mich im Frühling 2009 nach Berlin. So was passiert eher selten, aber auf dem Programm stand der historische Tiefpunkt des bundesdeutschen Anarchismus und da musste mensch einfach dabei sein. An einem Abend kehrte ich, von meinen Begleitern verlassen und von Menschenmengen angeekelt, zu meinem Pennplatz – zur Regenbogenfabrik, einem kollektiv verwalteten Betrieb wohlgemerkt. Fest entschlossen, mich an dem Abend noch zuzuknallen, um die Schande des „anarchistischen Kongresses“ und meine eigene Fremdscham zu verdrängen, deckte ich mich im nächsten Späti (so eine Institution, die in Würzburg schon bitter Not tut) mit Bier ein und lies mich zum Nachgrübeln im Hof der Regenbogenfabrik nieder.

Die Frau, die an der Rezeption Spätschicht hatte, kam raus, um eine zu rauchen, und setzte sich zu mir. Der standardmäßige Austausch von nicht weniger standardmäßigen Repliken wurde jedoch bald interessanter: es handelte sich nämlich um eine Person, die noch in 70er Jahren (oder in den 80er? An eine lebhafte Punker-Community in Grombühl konnte sie sich jedenfalls noch erinnern.) ohne jede Reue aus Würzburg geflüchtet ist. Viel von unserem Gespräch will ich nicht berichten und ich könnte das eigentlich auch nicht mehr: es ist schon eine Weile her und beim Trinken war ich sehr fleißig. Aber merkwürdigerweise lassen sich Gespräche mit solchen flüchtigen Personen in einer einzigen Frage zusammenfassen – „Und, ist Würzburg immer noch Scheiße?“.

Danach noch ein Gang zum Späti, eine Nacht duchschlafen, eine lustige Putz-Aktion vorm Bethanien, noch 2-3 Stunden Zeit in einer sinnlosen Reflexionsgruppe totschlagen und los geht’s – nach Würzburg zurück.

Brandstifter 2.0.

In Zeiten, in denen das Feuilleton längst nicht mehr darüber diskutieren muss, ob Deutschland eine Nation wie jede andere sei, weil diese Frage nahezu alle, bis auf ein paar vaterlandslose Gesellen und „ewiggestrige“ Linke, beantwortet haben, beweist die Onlinekommentar-Spalte der Mainpost jeden Tag auf’s neue, dass die Deutschen, die in den 90iger Jahren nichts gegen brennende Asylbewerberheime einzuwenden hatten, nicht einfach vom Erdboden verschwunden sind. Ganz im Gegenteil: Im schattigen Halbdunkel der Onlinekommentarspalten fühlen sie sich pudelwohl, die sich stets betrogen fühlenden Würzburger Ehrenblockwarte, Berufschauvinisten und Frankenhaiders.
Heutiges Beispiel: Der User Juergen1963 mit seinem überaus gewinnbringenden Kommentar namens „Wie behindert kann man eigentlich sein !!!“. Juergen1963 schreibt heute zur einem Artikel, der sich mit der mutmaßlichen Brandstiftung einer Dönerbude beschäftigt:
„Die Idee war ja im Prinzip nicht schlecht, in Doitschland gibt es eh zuviele dieser stinkenden Krankheitsherde – aber warum man sich dann auch noch erwischen lässt – kann nur jemand mit IQ < 0 sein !!!"
Man sagt ja, wir lebten heute in einem ganz anderen Deutschland als im Deutschland der 90iger Jahre. Nur leider kann ich dieses Deutschland nirgendwo erkennen, solange ich meinen Verstand benutze, solange ich mich nicht national besaufe.

Giselas unheilvolle Welt

Liebe Gisela,

seit Jahren beglückst du die Mainpostleser in deiner Kolumne „Giselas heile Welt“ mit kuschelweichflauschigen Geschichten über süße Hundis, das kleine Glück und das wunderbar wollige, wogenlose Würzburggefühl.
Aber jetzt bin ich verwirrt. Vor wenigen Tagen las ich deinen neuesten Beitrag, den du „Sozialistische Taxifahrt“ nanntest. Nachdem du nicht den vollen Fahrpreis im Taxi zahlen musstest, weil zwei andere Menschen auf der gleichen Strecke mit im Taxi saßen, konntest du dich „des Gedankens nicht erwehren, dass im Sozialismus nicht alles schlecht war“.

Obwohl ich deinen Mut bewundere, deine Sympathien für die sozialistische Weltgesellschaft zu offenbaren, hätte ich da noch einige Fragen:
Hast du in den letzten Tagen vielleicht ein verdächtiges klicken in deiner Telefonleitung vernommen?
Hat sich die Criminalia Wirceburgia, Würzburgs fleißige und hin und wieder burschenschaftliche Kripo, schon bei deinem Arbeitgeber gemeldet?
Wieviele Leser haben eigentlich seitdem das Abo gekündigt, weil sie kein rotes „Bläddle“ im Briefkasten haben wollen?

Lass dich nicht unterkriegen, Genossin Gisela! Ihre Repression, unsere Solidarität! Und im Falle eines Falles hilft bestimmt die Rote Hilfe

Dein Subcomandante Heumann

In der Pilsstube oder: Die Stadt als undurchdringliche Ansammlung von Oberflächen (Teil 1)

Viele Menschen verlassen die Stadt mit einer gewissen Häme. Als hätten sie eine brenndende Lunte in ihr WG-Wohnzimmer geworfen und vor dem zuschlagen der Feuerschutztür noch „Macht’s gut ihr Trottel!“ gerufen. Am liebsten verlassen sie die Stadt, indem sie ironische Gänsefüßchen um das Wort „Stadt“ wickelt, wenn sie von Würzburg reden. Diese Leugnung der Verbindung von städtischer Lebensform und Würzburg ist ebenso richtig wie absolut falsch. Denn so korrekt es ist, die Verbindung der Begriffe „Stadt“ und „Würzburg“ mit Vorsicht zu genießen, so falsch ist die Annahme, man lebe hier in einem Dorf. Menschen, die in Häuseransammlungen aufwuchsen, die sich wie Stalldorf oder Gaurettersheim anhören, werden dies nicht leugnen können.
Was ist also die Stadt? Ein Rätsel. Weil niemand vollständig verstehen wird, wie sie funktioniert, wie sie strukturiert ist. Wir könnten die kommunalen Verwaltungsorgane und ihre Sub- wie Objekte untersuchen, und dennoch werden wir nichts darüber erfahren, in welchem Zusammenhang das subproletarische Milieu und das akademische stehen. Wir können uns geographisch der Strukturierung einer Stadt annähern, und dennoch erfahren wir absolut gar nichts über die Frage, wie die Stadtteilumgebung sich auf die psychische Verfasstheit ihrer Bewohner auswirkt. Ich bin deshalb dazu übergegangen, den Grad der Urbanität am Grad der Verrätselung zu beurteilen. Verrätselung meint für mich: Die Oberflächen, die für uns sichtbar sind, ohne andere, darüber oder darunten liegende Oberflächen sehen zu können. In Stalldorf, um wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren, wird es uns ganz sicher auffallen, wenn ein Lebensmittelladen seine Pforten schließt. Falls uns dies nicht auffallen sollte, ist dies eher einer intendierten Ignoranz geschuldet, statt der Zugehörigkeit zu einem Milieu, dass uns lediglich eine milieuabhängige Oberfläche von Stalldorf sehen lässt. Anders verhält es sich mit zunehmendem Verätselungsgrad in urbaneren Kommunen: Aufgrund der Masse an Sinneseindrücken nehmen wir größtenteils die Oberfläche von Stadt wahr, die wir aufgrund unserer Klassenlage auch sehen können: der Student sieht den Designerladen und die akademische Buchhandlung, die Mensa und den Denklerblock. Der alternde Postbeamte sieht vielleicht das Hutmachergeschäft, den Eisenwarenladen in der kleinen Gasse und das Damenkränzchencafé am Markt. Ich betrachte als Arbeitsdefinition die Stadt als eine Ansammlung von Oberflächen, die übereinander angeordnet sind. Unser Blick auf Stadt ist geprägt von einer bestimmten, milieubedingten Sichtweise auf Stadt. Was die Oberflächen bildet, zusammenhält, was sie zueinander strukturiert, stellt sich uns in gewisser Weise als Rätsel dar, ist aber einzig und alleine die tote Arbeit, die uns vergesellschaftet. Die psychogeophraphische Methode ist ein Versuch, einen Blick auf die verschiedenen Oberflächen und ihr Verhältnis zu erhalten.
Und so haben viele Menschen laut lachend die Stadt verlassen, weil sie ihnen zu klein, zu spießig, zu provinziell war, ohne dass sie jemals den Versuch unternommen hätten, den Blick auf eine andere Oberfläche zu richten.

(Teil 2: Die Zellerau als Rätsel)

Ein phänomenologisch-geographischer Versuch über Würzburg mit psychologischen und gynäkologischen Komplikationen

Es ist nicht immer von Bedeutung, wie mensch sich mit solchen Gedanken ansteckt. Nur manchmal ist es nützlich, sich während der teilnehmenden Beobachtung zu vergewissern, wo mensch steht und wie mensch hingekommen ist. Wie ein gewisser Alexej Zvetkow, einer der neu-linken Gurus der post-sowjetischen Epoche, vor langer Zeit schrieb: Suche nicht das Guerilla Radio, es findet dich selbst. Früher oder später wird das schon geschehen, wenn du auf der „richtigen“ Welle bist. Wir wissen, die Welle ist eigentlich gar nicht richtig, sondern grudfalsch in dieser Welt, aber das ist gerade das Spannende an ihr. Und das Guerilla Radio hat vielleicht was mit Guerilla, aber nicht wirklich mit Radio zu tun, lassen wir das lieber undefiniert. Dieses Etwas wird aber im Folgenden weiter so bezeichnet.
Selbst diejenigen von uns, die eine glückliche sowjetische Kindheit führen konnten (bzw. mussten – wer wurde da schon gefragt?), d.h. nicht sehr weit hinter der Polarkreisgrenze in den sogenannten Kinderkombinaten eingesperrt, der zwischenmenschlichen Wärme systematisch entwöhnt und dazu von etwas, was sich als Schicksal ausgibt, verdonnert, für den Rest des so genannten Lebens jeden Frühling mickrige Kartoffeln in der lehmigen Erde zu verbuddeln, um sie im Herbst wieder (und in derselben Menge) auszugraben, wurden vom Guerilla Radio erreicht. Die einzige Gelegenheit für ein Kind, in der trostlosen Tundra ein wenig Farbe zu sehen, war die wunderbare Kinderzeitschrift namens „Wesjolyje Kartinki“. Eben für diesen Zweck auf Empfehlung vom höchsten Rat der Kinderärzte der UdSSR gegründet, erfüllte sie noch eine wichtige ideologische Aufgabe: sie sollte suggerieren, dass es irgendwo noch etwas außer der Tundra existiert bzw. schon sehr bald existieren wird. Genau da gelang es dem Guerilla Radio, von Zensurbehörden unbemerkt, das Ambivalente des Heillandversprechens auszunutzen, sich in die Spaltung einzuklinken und eine furchtbare Sabotageakt an der Kindererziehung durchzuführen. Der Saboteur, der in diese Geschichte leider als namenloser Zeichner eingehen wird, ließ ganz offiziell Abertausenden von kleinen grimmigen Menschleins ein Brettspiel als Sonderbeilage zukommen, wo er zwei Pioniere – Mascha und Sascha – auf einen psychogeographischen Trip durch Moskau schickte.

Zarte kindliche Gemüter entwickelten eine Persönlichkeitsspaltung, indem sie immer und immer wieder Mascha und Sascha durch ihre bunten Abenteuer auf dem Brettspiel begleiteten und sich in ihre Lage versetzten. Das massenhafte Auftreten von Kindern, die mit suspekt leuchtenden Augen durch die Gegend rannten, Selbstgespräche führten, die darauf bestanden, dass sie etwas komplett Anderes auf den Straßen sehen, und sich auf irgendwelche Mascha und Sascha als Zeugen beriefen, ist zwar von Kinderpsychologen dokumentiert, aber nicht erklärt worden. Das so genannte „Mascha-Sascha-Syndrom“ konnte nur durch das harte pädagogische Eingreifen fast vollständig verdrängt und beseitigt werden.
Einige Jahre später machte die Tundra der ganzen Welt vor, keine Tundra mehr zu sein; die Kinder wurden etwas größer, wurden aus den Kinderkombinaten in die grauen Schulen der Monostädten entlassen. Zum Ver- und Ausbuddeln von Kartoffeln kam eine kaum verblümte Abrichtung auf Fabrikarbeit hinzu. Indessen gestattete die Tundra in ihren kurzen liberalen Zuckungen so Einiges an literarischen Publikationen. So z.B. das Jahrzehnte zuvor im Ausland erschienene psychogeographische Alkopamphlet „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew: http://www.petuschki.net/pmwiki/pmwiki.php?n=Main.Moskau-Petuschki# Weil „Die Reise“ erstmals 1973 in Israel erschien, haben wir allen Grund zu vermuten, dass diesmal die weltweite jüdische Verschwörung die Rolle des Guerilla Radios übernahm. Außerdem fanden Pamphleten von Guy Debord und Fredy Perlman Verbreitung, die wir hier wohl nicht vorzustellen brauchen. Tut jetzt wohl nichts zur Sache. Das Resultat war wichtiger: die durch „Wesjolye Kartinki“ verdorbene Jugend fühlte sich sicherer im Umgang mit alkoholischen Getränken und schlich umso tatenfreudiger zwischen Betonklötzen der Monostädte. Außerdem wurde deutlich, dass die Jugendlichen in anderen Städten ähnlich fühlten, sie beschrieben ihre Erfahrungen mit Betonklötzen woanders in ihren Punk-Zines. Es war so neu, so spannend, so gefährlich, diese Flaschenpost in den Händen zu halten…
Was in den Jahren danach geschah, war zwar dramatisch, aber auch banal genug, um es wegzulassen. Die wichtigsten Beteiligten sind praktisch dieselben geblieben: das erwachsene Kind, die seltsamen Stimmen im Kopf und das Saufen. Die Dekorationen sind nur etwas putziger, das muss mensch schon zugeben, aber – wie dank K.L. Reinholdt allgemein bekannt sein sollte – alle Erfahrung steht unter der Bedingung, eine Tatsache des Bewusstseins zu sein… Ob es Zvetkow, der anscheinend in der besten Manier der „Neuen Linken“ in der Redaktion eines Hochglanzmagazins gelandet ist, heute besser geht? Hoffen wir es für ihn und tun wir, was wir nicht lassen können: eidologisch den Stadtplan von Würzburg sezieren.
Lassen wir einen Stadtplan von Würzburg (am Besten doch einen mit 1:100000 Auflösung) auf uns wirken. Der Main, der auf mehr oder weniger gerade von Süd-Ost nach West-Nord fließt, teilt die Stadt entzwei. Auf beiden Seiten Hügel oder Erhöhungen, auch wenn die Erhöhung auf der Innenstadt-Seite etwas weiter vom Main ansetzt. Noch ein Hügel im Norden, von Weinstöcken bedeckt. Das innere Auge sieht sofort diese zierlichen, sich kräuselnden Pflanzen. Bismarckwäldchen, Straubmühle und Versbach auf der einen, Zellerau und Oberzell auf der anderen Seite bilden gewissermaßen die obere, etwas breitere Grenze des Stadtbildes. Beachten wir auch ein ziemlich dichtes Netz von wichtigen Transportwegen um die Stadt – Autobahnen, Bundesstraßen, Eisenbahnen – Blutgefäßknoten, die unabdingbar für das Leben der Stadt sind.
Es lässt sich nicht mehr hinauszögern, von böser Ahnung erfüllt müssen wir endlich das aussprechen, was von allen, die die Stadt von innen gut genug kennen: das Ganze sieht den äußeren Genitalorganen einer Frau verdammt ähnlich aus. Der Schamhügel von Bismarckwäldchen, der nasse Schlitz des Mains. Ja, meine Damen und Herren, es bedarf vielleicht einer regen Phantasie oder eines gewissen Abstraktionsvermögens, aber dank der eidetischen Reduktion ist es endlich begrifflich fassbar: WÜRZBURG IST EINE VAGINA.
Dass der Stadtplan uns die Vulva nicht als ein gerades und sofort erkennbares Bild präsentiert, soll uns nicht länger irritieren. „Der perfekte Liebhaber. Sextechniken, die sie verrückt machen“ von Lou Paget, im Club Bertelsmann 2001 erschienen, belehrt uns, dass es völlig in Ordnung ist, dass die so genannte Norm in diesem Fall sehr breit gefasst ist.
Die schockierende Erkenntnis und vor allem unsere Vorgehensweise lassen aber eine ganze Reihe von Fragen offen. Zum Beispiel, ob Heuchelhof, Rottenbauer und Randesaker zum Bild gehören? Wo soll mensch in dieser Stadt z.B. die Klitoris vermuten? Welche Rolle spielt die Festung? Für was stehen die Brücken? Aber das bis jetzt unklare Lebensgefühl der BewohnerInnen der Stadt beschreibt die Theorie m.E. treffend, also bleibt es die Aufgabe der kommenden Generationen, die Thesen der Theorie zu verifizieren.
Die Weichen für die kommende phänomenologisch-geographische (und zumindest Phänomenologie hat in Würzburg eine Tradition) Erforschung des Stadtbildes, die wir vielleicht Würzburger Vulvologie nennen sollten, könnten wir jetzt schon stellen. Um es mit einem äußerst interessanten Raumforscher der Vergangenheit, Georg Simmel, der immer noch was für und parat hat, zu sagen: „Was bedeutet dieses unendliche Gefäß um uns herum, in dem wir als verlorne Pünktchen schwimmen und das wir doch samt seinem Inhalt vorstellen, das also ebenso in uns ist, wie wir in ihm sind?“ (G. Simmel: Kant. Sechzehn Vorlesungen gehalten an der Berliner Universität, 1905)
Was heißt es eigentlich, in der Vagina zu leben? Die katholische Beschaulichkeit, die um sich greifende Langeweile, Passivität der BewohnerInnen, ihre Anfälligkeit für jegliches reaktionäres Gedankengut, ihre infantile Staatsgläubigkeit bilden gerade das Gegenteil von erwarteter sexueller Entspannung oder einer besonderen Kreativität. Sie umreißen viel mehr ein tiefes psychologisches Problem: die Abschottung von der Außenwelt im dunklen Schoß der Mutter, das Fehlen, ja, die Unmöglichkeit eines autonomen mündigen Individuums. Wenn das zutrifft, sind massenhaftes Ablegen der Individualität und Todestrieb in langer Sicht die Zukunft Würzburgs?
An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, dass die gewonnenen Erkenntnisse nur vorläufig gelten, was der Unpräzisheit der Methode geschuldet ist. Sie stimmen wahrscheinlich nur für die Atmosphäre der Stadt, für die allgemeine geistige Tendenz. Denn die Symptome der Depression und Desorientiertheit mögen individuell feststellbar sein, aber die Kollektivitäten in Würzburg tendieren dazu, autoritär und sehr obrigkeitshörig zu sein. Also, wäre doch ein starkes Über-Ich zu vermuten. Wie verträgt sich aber ein starkes Es mit einem starken Über-Ich unter der Bedingung des Ablegens der Individualität? Diese Frage ebenso wie die oben genannten, genau wie die ehrenhafte Aufgabe die ganze Theorie zu bestätigen oder zu verwerfen, delegiere ich an die kommenden Generationen von ForscherInnen. Das Guerilla Radio wird sich schon welche aussuchen.

Krop Petrotkin

Deutscher „Liberalismus“ II

Nationalliberales Gruselkabinett Teil 2: Der Spitzenkandidat der Liberalen Hochschulgruppe Würzburgs, Alexander Bagus, schreibt für die Junge Freiheit.

Deutscher „Liberalismus“

Wer ein Zeugnis dafür sucht, dass es in Deutschland keinen Liberalismus gibt, der seinen Namen verdient hätte, dass der deutsch-nationale Verwesungsgeruch stattdessen stets die liberale Partei und ihre Jungschar umgab und umgibt, wird mit Sicherheit auf der Homepage oder auf dem Twitteraccount der Liberalen Hochschulgruppe Würzburg fündig.

Reinhold Enzelberger alias Enzo

Kennergelernt habe ich Enzo an einem volltrunkenen Abend im AKW: Ein Hühne stand da vor mir, in einem weißen Gewand. Er sah aus wie der Priester einer Weltuntergangssekte. Trug ein breites Band um den Hals, auf dem in großen Lettern „Enzo“ stand. Als Enzo mir sein Buch“Liebesbriefe an Frauen“ präsentierte, wusste ich sofort, dass es die paar Mark wert sein wird.

Jetzt habe ich Enzos Blog entdeckt, auf dem es gesammelte Werke und Fernsehauftritte von Reinhold Enzelberger zu sehen gibt. Folgendes Video ist ein Zusammenschnitt seiner Fernsehauftritte in grottiger VHS-Qualität und wohl nur für echte Fans zu ertragen (besonders sehenswert: Enzos Auftritt in einem Berliner Fernsehstudio ab Minute 9):

Stürmendes Tibet

In Würzburgs bekannter Graffitiunterführung ist ein Werk zu finden, dass auf eine anschauliche Weise verdeutlicht, wie eng die Tibetsolidarität mit einem zweifelhaften Bild von Tibet und China verknüpft ist: „Seine Heiligkeit“ Tendzin Gyatsho und der tibetische Buddhismus dienen der Tibetsolidarität seit vielen Jahrzehnten als Projektionsfläche für antimodern-spirituelle Wünsche oder eine herbeigesehnte ethnische Homogenität Tibets, die sich als „Lob der Differenz“ tarnt. Anlass für das Graffito in der besagten Unterführung war wohl der antichinesische Aufstand in Tibet im Jahre 2008, den die TibetfreundInnen gerne einseitig als legitime Volksbefreiung gegen eine Fremdherrschaft betrachten.
Nun zu unserem Bild:

Der Autor des Graffitos benutzt- sei’s bewusst oder unbewusst- eine Bildersprache, die in mehreren Punkten strukturell an die Bildsprache der antisemitischen Karikatur anknüpft: Der dargestellte buddhistische Junge wird in einem schädelförmigen Suppentopf gekocht. Um ihn herum: lodernde Flammen und allerlei Todesanspielungen als Darstellung des absoluten Bösen. Es scheint ganz offensichtlich: Hier macht sich eine kannibalische Macht des Kindermordes schuldig. Ohne dies darzustellen, wissen alle, die eine rudimentäre Ahnung vom Konflikt um Tibet haben, wer die Kindermörder sind, wer das abolute Böse verkörpert: China.
Das Kind stellt den genauen Gegensatz zu diesem Bösen dar: Es ist wehrlos, strahl eine unschuldige Naivität aus. Während das absolute Böse Tod und Krieg beschert- schlecht auf dem Foto zu erkennen ist eine Stange Dynamit, die unter dem Kochtopf liegt- verkörpert der buddhistische Junge den Frieden: Ihn umgibt eine Aura des Lichts, ein hell erstrahlender Friedensvogel scheint machtlos gegen einen übermächtigen, finsteren Feind.
Erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist der Drache, der im Herz des Feuers nistet. Nicht irgendein Drache, sondern Lóng, das chinesische Fabelwesen. Es wird somit erst auf den zweiten Blick erkennbar, wie deutlich die Personifizierung des absoluten Bösen mit China verbunden ist. Lóng streckt seine Klauen nicht etwa in die Richtung seines Opfers, sondern breitet sie in die Richtung weiterer, nicht auf dem Graffito zu sehenden Opfer, aus, als sei sein blutrünstiger Steifzug noch lange nicht vorbei.

Das hier dargestellte Graffito ist weit davon weg, eine harmlose „tibetsolidarische“ Darstellung zu sein: Es ist ein Hetze, gegen China und den Großteil seiner Bevölkerung.

Journalismus und Lobhudelei

Die Burschenschaft Adelphia hat am 19. Mai Josef Schuster, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, auf ihr Verbindungshaus geladen, auf dem dieser über jüdisches Leben in Würzburg referierte.

Morgen erscheint in der Mainpost eine Reportage des Journalisten Manfred Schweidler, die die besagte Veranstaltung eigentlich nur als Aufhänger benutzt, um die abgeschmackten Argumente, mit deren Hilfe Burschenschafter Kritik abzublocken wissen, als journalistische Objektivität zu vermarkten.

Bevor wir uns der Struktur des eigentlichen Artikels zuwenden, darf man sich natürlich zu anfang fragen, weshalb es ein Journalist der Mainpost für derart wichtig hält, über eine Veranstaltung zu berichten, die von rund zwanzig Menschen besucht wird, von denen ein Großteil sowieso „Vereinsmitglieder“ sind. Man kann sich schwer vorstellen, dass für Schweidler nicht schon von vorneherein klar war, dass er mit seiner Reportage die Adelphen ins rechte Licht rücken wollte. Genau hier liegt überhaupt die Tücke der reportagenhaften Darstellungsform: Dass man durch diese in blumiger Weise eine persönliche Meinung als journalistische Wahrheit darstellen kann.

Schweidler beginnt seinen Text mit einer rhetorischen Aussage:
Burschenschaften wie der Adelphia geht der Ruf voraus, ein Relikt der Vergangenheit zu sein: autoritäre Männerbünde, die bunte Mützen tragen, ritualisiert trinken, singen oder fechten und mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.
Der Autor hegt überhaupt nicht das Interesse, diese Aussagen zu widerlegen. Wie auch? Die Adelphen sind ein autoritärer Männerbund, in dem ritualisiert getrunken wird, es wird gefochten und man trägt bunte Mützen. Man pflegt freundschaftliche Kontakte zur Normannia Heidelberg, die die antisemitischen Ausschweifungen Martin Hohmanns als Flugblatt veröffentlichte. Man lädt Hannes Kaschkat auf das Adelphenhaus, der als Rechtaußen der Burschenschafter gilt. Man ist in der Deutschen Burschenschaft, mit der einige andere korporierte Verbände aufgrund der mangelnden Abgrenzung zum Rechtsextremismus nichts mehr zutun haben wollen und in deren Reihen sich z.B. die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen befindet, welche drei führende NPD-Mitglieder zu ihren Mitgliedern zählt.
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um einen Ruf, der der Burschenschaft ganz zu Unrecht vorauseilt. Statt die Einwände der BurschenschaftsgegnerInnen wenigstens einer oberflächlichen Überprüfung zu unterziehen, darf Kriminaloberrat Heinz Henneberger, der Mitglied bei den Adelphen ist, die Kritik abschmettern:
Die Wirklichkeit sieht heute anders aus als das Klischee, das uns aufgeklebt wird“.
Damit ist das Thema abgehakt. Der korporierte Polizist hat gesprochen. Amen.

Stattdessen prüft Schweidler einen ganz anderen Vorwurf, der aus der plumpesten Ecke der linken Korporationskritik stammt: Nämlich den, dass Burschenschafter zwangsläufig Antisemiten seien. Dieser Vorwurf ist für viele mit dem anfangs aufgeführten Punkt verbunden, dass Burschenschafter „mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.“ Für viele der MainpostleserInnen ist keineswegs klar, dass man mit dem rechten Rand des politischen Spektrums symphatisieren kann, ohne AntisemitIn zu sein. Und vielleicht weiß nicht einmal der Autor, dass es nicht nur in den Reihen der „extremistischen“ Parteien Menschen gibt, die völkisch-rechtem Gedankengut anhängen. Schweidler aber erklärt seiner LeserInnenschaft eigentlich, dass Burschenschafter nicht die kahlgeschorenen Naziskins sind, die als Klischee in den Köpfen vieler Menschen auftauchen, wenn sie an den rechten Rand des politischen Spektrums denken. Der Autor hebt daher, neben dem Inhalt von Schusters Vortrag, die ritualisierte Diszipliniertheit der Burschenschafter hervor.
Gelegentlich erhebt sich einer der 25 Zuhörer, nimmt formell – wie es bei den Burschenschaften Brauch ist – seine orangene Kappe ab, ehe er höflich eine Frage stellt“.
Die/der LeserIn merkt: Die Typen mit den bunten Hüten, die können sich benehmen.
Am Ende wird der Repräsentant der jüdischen Gemeinden in Bayern bei der Burschenschaft mit einer Flasche (koscheren) Weines verabschiedet – und respektvollem Beifall. Wer anderes erwartet hatte, sah sich getäuscht.

Damit endet die Reportage, die Fragen stellt, und diese von den Burschenschaftern beantworten lässt. Die Grenzen zwischen Journalismus und Lobhudelei verschwimmen- und eine Reportage ist vorzüglich dazu geeignet, dies nicht auffallen zu lassen.

Würzburger Willkommensgrüße

Vor einiger Zeit wohnte ich, aus nichtigen Gründen, für ein paar Monate in Berlin.
Die Postwurfsendung einer Wohltätigkeitsorganisation bat mich, Pfandflaschen, die man nicht im Supermarkt abgeben wolle, neben die öffentlichen Abfalleimer zu stellen, statt sie hineinzuwerfen. Zugunsten der Menschen, die Flaschenpfand nötig haben, um über die Runden zu kommen. Dies erschien mir sinnvoll, und da ich sowieso ein Mehrwegmuffel bin, hörte ich auf diesen Rat.

An einem stickigen Sommertag kehrte ich nach Würzburg zurück. Alles beim Alten: Dieser alte Bahnhof, dem ein musealer Wert zukommt. Die Bahnhofszecken, nach Geld schnorrend. Und die Herren vom Taxistand, die wahren Könige des Bahnhofsvorplatzes, auf hässlichen pinken Gartenstühlen sitzend.
Ich hatte mir im Zug eine kleine Plastikflasche Cola gekauft, die ich auf dem Weg aus dem Bahnhofsgebäude austrank. Nichts ahnend stellte ich Sie neben einen Mülleimer, der sich unmittelbar vor dem Taxistand befand.
Ein lauter Pfiff riss mich aus meiner Gedankenverlorenheit. Er brachte nicht nur meine Physis, sondern auch meinen Geist zurück nach Würzburg. Ich drehte mich um und sah einen Taxifahrer, der von seinem Stuhl aufgesprungen war. „Dei Flasche schmeißt aber scho noch in die Mülltonne?“ blöckte dieser. Verdutzt und nach einer ganzen Weile antwortete ich: „Ich stelle die Flaschen eigentlich immer daneben, für die Flaschensammler.“ Kein Verständnis auf Seiten des Taxifahrers: „Schmeiß‘ die jetzt da nei! Die Penner, die greifen da nei, des macht dene nix!
Ich schmiss die Flasche in den Mülleimer, weshalb auch immer.

Willkommen zurück, auf dem Flaschenboden der Tatsachen. Willkommen in Würzburg.

Das Ende der Neun7

Gerüchte gibt’s ja viele (Zum Beispiel habe ich jetzt zwei mal gehört, dass Otto Walkes in Würzburg wohnt).

Offenbar stimmt aber das folgende: Die Neun7 erscheint kommenden Donnerstag zum letzten Mal (Quelle).

Ist schon schade, wenn der Lieblingsfeind verschwindet. Dürfen wir uns nun auf ein Comeback der Boulevard Würzburg freuen?

Hausverbot für Gunter Gabriel!

Was für eine schreckliche Vorstellung, in eine Kneipe zu gehen und Gunter Gabriel, den dunklen Herrscher des teutonischen Kitschcountry, zu treffen.
Aber im Red Lion hat man sich anscheinend tierisch gefreut, durfte man aus der Mainpost erfahren.
Wirte, die dem Gruselbarden nicht sofort Hausverbot erteilen, haben sowieso keinen Respekt verdient.
Und überhaupt:
Statt in Würzburg faul in der Kneipe rumzulungern, soll er lieber mein Boot streichen und sich eine gescheite Arbeit suchen (Ein hoch auf DJ Koze):

Was macht eigentlich…. die Heimatfront?

Erinnern Sie sich noch an den Aufmarsch an der Würzburger Heimatfront im letzten Frühling?
Nein?
Dann geht’s ihnen wie den 125.000 anderen Würzburgern, denen die Demo der Buntkappenträger völlig wurscht war.
Zur Gedächtnisauffrischung: Torsten Heinrich, M.A., schnappte sich eine Deutschlandfahne, lud ein paar Freunde mit und ohne Couleur ein und marschierte dann ein paar Samstage durch die Würzburger Innenstadt, um der gefallenen Soldaten in Afghanistan zu gedenken.
Da ab dem Spätsommer die Seite soldatengedenken.de down war, hoffte ich schon, dass der gescheiterte Versuch, das ganze in Berlin mit mehr Teilnehmern aufzuziehen, den Power-Bundi endgültig desillusioniert hatte.

Mitnichten!
Wir müssen ja alle gucken, wo wir bleiben. Und gerade die Magister unter den Akademikern haben es bald schwer im Beruf. Schon jetzt weiß ja an sich niemand mehr, was die Abkürzung M.A. bedeutet. Und auch mit Kriegskitsch lassen sich vielleicht ein paar Unzen verdienen. Zumindest hoffe ich das für Torsten Heinrich.
Denn bei soldatengedenken.de beginnt erst die Heimatfront. Der Frontverlauf führt uns über soldatenfreund.de zu salonstratege.de.

Bei soldatenfreund.de („Die Seite für Soldaten“) können sich alle Krautkrieger darüber erkundigen, welche Vergünstigungen sie bei Vorlage eines Soldatenausweises in Geschäften erhalten können. Bisher gibt es leider noch nicht viel zu bestaunen, außer ein paar Angebote bei Massage- und Sonnenstudios. Dabei wäre das Angebot doch noch erweiterbar:
- bei der dritten Schussverletzung zahlt die Krankenkasse ein Einzelzimmer
- jeder Soldat auf längerem Auslandsaufenthalt erhält für die Bespitzelung seiner Ehefrau zehn Prozent Rabatt bei einem Privatdetektiv
- beim Kauf von drei Büchern bekommen Soldaten „Im Westen nichts Neues“ gratis dazu
- Portofreie Versendung der Zeitschrift „Pralle Möpse“ zu den Soldaten im Ausland etc.. pp.

Salonstratege.de („Das moderne Militärmagazin“) dagegen ist eine Art „Men’s Health“ für Männer mit Gewalt- und Stiefelfetisch. Hier werden Kriegsmaschinerie vorgestellt und Kriegsspiele getestet.
Der Name lässt mich schmunzeln: Wie sieht er aus, der Salonstratege? Sitzt er zuhause in seinem Sessel, hat seine Holzbeine hochgelegt, raucht Pfeife und erzählt wie Opa vom Krieg? Ist er froh mal etwas anderes tun zu können als dauernd mit seinen Kindern „Schiffe Versenken“ zu spielen? Ist der Durchschnittssalonstratege eher ein Counterstrikespieler, der gerade einen Amoklauf plant oder ein Spielenarr, dem RISIKO einfach irgendwann nicht mehr genug war? Fragen über Fragen.
Ich bleibe lieber Salonmarxist.

Stell dir vor es gibt die Heimatfront, und keiner geht hin.

Heidi’s Schnitzeleck

Heidi’s Schnitzeleck (selbstverständlich geschrieben mit „Deppenapostroph“). Ich liebe Lokalitäten, die nach Vornamen benannt sind.
Die besten Beispiele dafür sind „Gitti’s Pilsstube“ in der Sanderau, „Zum Udo“ oder „Onkel“.