Archiv der Kategorie 'Simon Funk'

A tribute to BZA / Ware und Kunst

Manche Dinge sind erst ein paar Jahre vorbei, und dennoch fühlen sie sich so an, als habe der Lauf der Provinzgeschichte alle ihre Spuren beseitigt: Lokalitäten wie das Autonome Kulturzentrum oder das Fiasko gehören für mich zu solchen Dingen.

Und noch vor ein paar Jahren hatte Würzburg ein unfreiwilliges Markenzeichen, an das ich mich gerne erinnere, und die Polizei sich wahrscheinlich auch: Sowohl auf den separiertesten Vorstadtwohnblocks als auch am bürgerlichen Traum vom Eigenheim leuchtete ein Schriftzug, hell wie die Nacht: Die Graffiticrew B-Z-A dominierte mit einem einfachen Schriftzug und einem dazugehörigen Männlein den städtischen und suburbanen Raum auf eine Art und Weise, die man im Nachhinein nur als größenwahnsinnig betrachten kann. Noch heute finden sich auf der Homepage der Stadt Würzburg zum Stichwort B-Z-A die Worte, dass es sich hierbei um „eine nicht unbekannte Würzburger Sprayer-Bande“ handele. Irgendwann wurden sie wohl gebustet.

Graffiti und die öffentliche Debatte über seine Ästhetik sind die besten Beispiele dafür, dass die Warenförmigkeit jede Zelle menschlichen Schaffens durchdrungen hat. Nichts, außer die Existenz des Kapitalismus, gewährt, dass Straßentags als Vandalismus gelten, und Streetart als Kunst. Denn Streetart, die sich selbst als solche bezeichnet, hat den unbewussten Schritt schon getan, selbst als Kunst wahrgenommen werden zu wollen und den öffentlichen Raum in den Kategorien der bürgerlichen Ästhetik zu betrachten. Die bekannte Aussage „Streetart is not a crime!“ bezeichnet diesen selbstentwaffnenden Schritt, den Graffiti und Streetart in der Regel vollziehen. Ein Hundi hier, ein Blümelein dort, fertig ist das Streetart-Stadtbild, das auch die WochenendeinkäuferInnen aus Theilheim als bereichernd empfinden. Selbst, wenn sich Streetart-MalerInnen nicht mit ihrer Leidenschaft ihre Brötchen verdienen und ihre Streetart zu Kohle machen können: Sie kommen in der öffentlichen Diskussion nur derart gut weg, weil sie das gleiche verwelkte Empfinden von menschlicher Kreativität besitzen wie diejenigen, die den Markwert ihrer Stadt erhöhen möchten. Stadtbildkommissionen haben nichts anderes im Sinn. Dabei ist eine Dialektik von Verschönerung und Verschandelung schon immer in Graffiti angelegt: Noch das negativste Element einer Subkultur, der Schriftzug an der Wand als Aufbegehren gegen eine Welt, die so schreiend schön ist, dass sie eigentlich alle zum Kotzen finden, kann durch die Kombination von strafrechtlicher Verfolgung und sozialpädagogischen Graffitiworkshops in das umgewandelt werden, was man einen Beitrag für die Gesellschaft nennt. Und dadurch die Funktion von Kunst erfüllen, zu der sie der Kapitalismus verstümmelt hat.
Der Anfangskeim von Graffiti, vor Sozialpädagogik, Graffitikunstseminaren und Designer-Chique, war das Aufbegehren gegen das, was man Stadtbild nennt und sich gegen den Menschen selbst richtet. Graffiti, betrachtet als die Kunst der Zerstörung, kommt menschlichem Schaffen näher als jedes eingerahmte Piece eines Bansky.
In diesem Sinne, ein Hoch auf die große Kunst- ein hoch auf B-Z-A.

Simon Funk

P.S: Leider Gottes hat ein gewisser „Freund“ aus versehen einen großen Teil meiner Bilddateien gelöscht, daher auch keine Tags von BZA. Falls ich noch welche finde und sie noch nicht entfernt wurden, werde ich diese nachreichen.

Mein Leben als Hater

Jede Rap-Kapelle braucht einen berufsmäßigen Hater, um sich selbst interessant zu machen. Als mir eines Tages das fliegende Spaghettimonster vor der orthodoxen Kirche in der Zeller Straße begegnet ist, gab es mir den Auftrag, Plastic Borderline zu haten. Und seitdem mache ich eben, was ein Hater tun muss: Ich predige Hass gegen schlechte Rapmusik. Ich zahle sogar fünf Euro Eintritt zu einem Plastic-Borderline-Konzert, nur um böse in Richtung Bühne zu gucken und „BUH!“ zu rufen.

Jetzt habe ich mit Freude festgestellt, dass die Anzahl der Hater zunimmt.

Plastic Borderline, der Disstrack kommt bestimmt!
Und ja, ich schreibe Euren Crewnamen bewusst falsch, weil ich weiß wie es Euch aufregt!

Euer Simon Funk

EDIT: Die Hatewelle geht auf dem Würzblog weiter…

„Den Hydroschraubenschlüssel!“

An alle Fans von Sprüchen wie „Wenn das Universum ein helles Zentrum hat, ist Grombühl am weitesten davon entfernt“ und anderen alltagstauglichen Lebensweisheiten vom Krieg der Sterne:

„Was ist aus HipHop nur geworden?“ Klasse, Rap und Geschlecht

Eines vorweg: Ich genoss keine Punkerjugend. Während kommende LehrerInnen und andere zukünftige Bullen gerne damit prahlten, dass ihre Punksozialisation sehr wichtig für sie sei, fühlte ich mich fast minderwertig, ohne viel Pathos erklären zu müssen, dass ich Ende der 90iger Jahre mit HipHop groß geworden bin. Hin und wieder trifft man sie noch, die Realkeeper von damals, die Freestyletypen mit Rucksack von früher, die meistens längst keinen HipHop mehr hören, geschweige denn machen. Viele von ihnen haben den DJ Koze gemacht und sind nun in elektronischen Gefilden zuhause, manche sind durch ihre Enttäuschung über den guten alten HipHop erst zum Punk geworden. Aber alle von früher sind sich einig: „Was ist aus HipHop nur geworden?“
Dabei klingen sie leider Gottes auch nicht anders als mein Opa, wenn er über die Jugend von heute schimpft. Eine Erzählung, die unter Althoppern sehr verbreitet ist, möchte ich durch folgenden Artikel unter die Lupe nehmen: Dass die sexistischen, frauenverachtenden Ghettorapper aus Berlin den guten, unschuldigen, fast schon spirituellen HipHop gestohlen haben und seitdem im Namen des Raps brandschatzend durch die Lande ziehen, um eine ganze Musikkultur in den Dreck zu ziehen. Damit verbunden ist die seit Anfang der 90iger Jahre verbreitete Begriffsdichotomie von Consciousrap und Gangsterrap: Consciousness, das ist Bewusstsein, Sozialkritik, die gute Seite, Gangsterrap, das steht in dieser Dichotomie für die Verrohung, für alles was schlecht ist am Status Quo.
Auch wenn ich selbst vor zehn Jahren noch meinte, es realkeepen zu müssen, und für mich Das NLP-Album von MOR beinahe der Untergang des Abendlandes war, muss ich heute sagen: Der Kampf zwischen „Rucksackrappern“ und „Ghettorap“ hatte in Deutschland nie etwas mit einem wirklichen Konflikt der Attitudes zutun: Hinter der unterschiedlichen Sprache, die sich im Sprechgesang niederschlug, steckte vielmehr ein Verständigungsproblem zwischen akademischer Mittelschicht und unterem Proletariat. Am Beispiel des Frauenbilds möchte ich zeigen, was ich damit meine.
Sprache ist nichts, das gesellschaftlich isoliert existiert, sondern stets der Ausdruck von Sozialisation und Klassenzugehörigkeit. Es ist kein Phänomen der Postmoderne, dass gesellschaftliche Gruppen sprach- und verständigungslos nebeneinander her existieren, ohne miteinander kommunizieren zu müssen und können. In einer BRD, die sich lange Zeit alle Mühe gegeben hat, Deutschsein durch die Blutszugehörigkeit zu definieren, spielt auch der Zusammenhang von Soziolekt und Ethnie eine große Rolle.
HipHop aus deutschen Landes blieb da nicht außen vor: Die Welle der zweiten HipHop-Generation, die sich spätestens mit Bambule 1998 auch vermarkten ließ, benutzte doch bei allem lässig Vulgarisierten die Sprache ihrer Erziehungsberechtigten: das Deutsch der Mittel- und Oberschicht.
Ein kurzer Einschub: Immer, wenn die mediale Öffentlichkeit sich moralisch über HipHop brüskiert, wird übersehen, dass z.B. ein Bushido nicht homophob rappt, weil er sich dies als Mittel der Provokation ausgesucht hat (wobei ich nicht behaupten möchte, dass es keine Kunstprodukte im HipHop gibt), sondern weil die Gegend, in der er groß geworden ist, homophobes Gedankengut hervorbringt. Dies heißt nicht, dass Homophobie im HipHop nicht kritisierbar wäre oder man Bushido nicht persönlich dafür anfucken dürfte, aber das Wichtigste wird bei solchen Moralisierungen stets vergessen: Aufgrund der Möglichkeit, einen Raptrack mit wenig produktionstechnischen und musikalischen Fähigkeiten aufnehmen zu können, ist Rap mehr als andere Musikrichtungen ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Tendenzen, auch der Tendenzen des Subproletariats.
Einschub zu Ende: Nicht rein zufällig fühlten sich die Rapper aus der Mittel- und Oberschicht beim so genannten Consciousrap und Spaßrap der späten Neunziger wohler als beim Ghettorap. Konnte sich durch dieses so genannte höhere, auch „intellektuelle“, Bewusstsein eine Sprache ausdrücken, die dem Milieu der Wohlstandsdeutschen entsprach. Als sich dann ab 2001 auch rauerer Rap aus Berlin verkaufte, der die Sprache der Plattensiedlungen und Planstädte sprach, war es klar, dass sich zwei Milieus von Rappern anfeinden mussten. Sie verstanden sich schlichtweg nicht. Und damit ist nicht der persönliche Beef gemeint, sondern sie sprachen und sprechen tatsächlich andere Sprachen. Die Kodes der zweiter HipHopgeneration waren für die subproletarischen Rapper aus Berlin als fremde Studentensprache erkenntlich, genauso wie die Rapper der Hamburger/Münchner/Stuttgarter Schule gleich erkannten, dass die Kodes der so genannten Ghettorapper die Sprache eines „Pöbels“ waren, mit dem ihre Klasse nie etwas zutun haben wollte.
In Wirklichkeit änderte sich mit dem deutschen Straßenrap kaum etwas an bestimmten Bildern, die sich in der Sprache des Rap seit nun drei Jahrzehnten reproduzieren. Es handelte sich hier um ein Sprachproblem, eine Missverständnis zwischen Klassenangehörigen. Dass sich problematische Bilder nicht verändert haben, ließe sich an vielen Begriffen veranschaulichen: Bilder von Männlichkeit, Homophobie und One-World-Antizionismus wären ebenfalls Beispiele, die sich sowohl bei so genanntem Gangsterrap als auch bei Consciousrap vorfinden lassen, nur eben jeweils in einem anderen Soziolekt.
Unser Beispiel soll hier jedoch das Frauenbild sein, das in den meisten Rapproduktionen, egal ob aus Amerika oder aus deutschen Landen, egal ob Conscious- oder Gangsterrap, vorherrschend ist: Frauen sind entweder Huren oder Königinnen, Heilige oder Prosituierte, Queens oder Bitches. Es gibt kein dazwischen. Die Heiligen sind wahlweise Mütter oder langjährige Freundinnen bzw. Frauen, denen meist weder eine sexuelle Selbstbestimmung, oft auch überhaupt keine Sexualität, zugestanden wird. Kurz: Heilige haben keinen Sex. Auf der anderen Seite stehen die Huren, die entweder die Männer nach Strich und Faden verarschen, obwohl sie doch in Wirklichkeit alle nur das Eine wollen: Frauen als betrügerische Objekte. Anhand von ein paar Rappern, die eher dem Movement Ende der 90ziger zugerechnet werden, will ich zeigen, wie wenig sich die Frauenbilder im Rap doch unterscheiden.
Es ist mir bis heute schleierhaft, wie Curse zu seinem Ruf als besonders weiser Rapper gekommen ist: Rappt er doch, als käme er gerade vom Stammtisch in Untereisenheim.

„Ich blindes Arschloch, Deine Spielchen fehlen mir gerad’ noch! Der Rat von Friends war von Beginn an: Laß das Mädel hängen! Gemeinsam ausgehen war Horror, denn nach einmal umdrehen, seh ich Dich rumstehen, mit Typen die Dir unters Hemd gehen. Mal eben fremd gehen war easy denn ich merks bestimmt nicht, triffst Dich in Bars mit Typen, küßt sie unverbindlich.“

Das ist der Track „Hassliebe“ von Curse. Das Selbstbild des armen unschuldigen Männleins, das von der Frauenwelt verarscht wird, das mit einer Frauenwelt konfrontiert ist, die stets schlechtes im Sinne hat, sich stets gegen den Mann als eigentliches Zentrum der Welt verschwört, zieht sich durch viele seiner Tracks.
Liebe Freunde des Münchner Sprechgesangs: Mit Blumentopf schaut es nicht anders aus. Da wird seit vielen Jahren in der Sprache der Studenten sowohl die nette Freundin angebetet als auch die Frau kritisiert, die nicht gleich mit Schu ins Bett steigen möchte, weil sie sich für etwas anderes hält als für sein Betthäschen:

(Flirtaholics, Album Eins A: ) „Hey süße Mädels, was iss‘n los ? Habt ihr‘n bisschen Bock auf die Spitzen-Flows ? Dann werft die Arme hoch und bewegt den Po, Ey Sugarbabies, wie geht’s euch so?“


Flirtaholics – MyVideo

(Das Eine, Album Großes Kino:) „Wenn ich nur das eine will, dann wär‘ es cool, ich fände eine,
die auch nur das Eine kann, doch vielleicht hast Du ja Charakter Persönlichkeit, nen IQ überm Durchschnitt, Tut mir auch Leid, dass mir das Wurst ist“

Ich weiß es wird euch schwer treffen liebe Hippie-Hopper von früher, aber nur weil jemand in einer anderen Sprache sagt, dass man das Eine will und die Meinung des weiblichen Gegenübers keine Rolle spielt, heißt das noch nicht, etwas anderes zu sagen als King Orgasmus One bei „Du nichts ich Mann“: Im Grunde genommen heißt es auch hier nur „fick mich und halt dein Maul“.
Die Liste ließe sich noch beliebig lange fortsetzen, ob „Die Eine“ von der Firma oder „Türlich Türlich“ von Das Bo: Frauen bleiben auch bei den Helden von damals, die von den Straßenrappern aus Berlin angefeindet wurden, meist Heilige oder Huren. Nur weil die Sprache der Straße vulgärer und roher ist, heißt das nicht, dass es hier um etwas grundsätzlich anderes geht.
HipHop bleibt was es immer war: ein Spiegelbild der Gesellschaft. Solange Sexismus in allen gesellschaftlichen Schichten real ist, wird er in den Texten des lyrischen Rucksackrappers und des Neukölln-Hustlers vorkommen. Dass sich die Medien erst seit ein paar Jahren moralisierend auf Rap stürzen, hat viel damit zutun, dass die Straße nicht die Sprache der Medien spricht, sondern ein raues Leben auch rau ausspricht. Ein Akademiker kann eben viel blumiger sagen, dass Frauen in Wahrheit Bitches seien. Blumentopf wird nie eine Talkrunde wegen Sexismus besuchen müssen. Sie sprechen die Sprache der Mehrheit, und sind keine Migranten, alles Punkte, die gegen eine Einladung zur nächsten Antisexismussendung bei Anne Will sprechen.
Den HipHop-Nostalgikern von früher sollte endlich klar sein: Studentenrapper und Straßenrapper haben in vielen Dingen nur aneinander vorbei geredet: Ihr Frauenbild ist das selbe.

Ich will nie wieder „Was ist aus HipHop nur geworden?“ hören, wirklich nicht. Sonst nehme ich ein Dissalbum gegen Euch auf.

Euer Simon Funk

P.S: Die Menschen, die nicht nach den Regeln des HipHop gespielt haben, waren in Deutschland sowieso nie vermarktbar oder von der Szene anerkannt. Weil die Szene eben scheiße ist.
Hört Sookee! Und, falls ihr dem Link noch nicht gefolgt seid, lest Texte von Günther Jakob!

P.P.S: Ich füge in meinem Text hier nicht nach jedem Rapper ein -Innen ein, weil das einfach verschleiern würde, dass es zum größten Teil männliche Rapper sind, die diese Frauenbilder zeichnen. Ich will weder leugnen, dass es schon vor Jahrzehnten Frauen im HipHop gab, noch dass es welche gar, die die Rollenbilder aufsprengen wollten. Letztendlich waren es aber vor allem Männer, die sexistische Frauenbilder im Rap gezeichnet haben.