Archiv der Kategorie 'Presseschau'

Als hätte man auf mich gehört…

…hat Wolfgang Jung einen tatsächlich lesenswerten Artikel über Heike Pauline Grauf geschrieben, der sich vom groben, bratwurstjournalistischen Geschreibsel seiner KollegInnen deutlich unterscheidet.

Heike Pauline Grauf/ Presseschau

Man kann von Heike Pauline Graufs Aktionskunst denken was man möchte. Man kann sie grässlich finden, kreativ oder einfältig.
Dass die MainPost im schlechtesten journalistischen Jargon, das die Sauerstoffarmut in Redaktionsräumen von SPON bis Volksblatt beweist, Grauf mal wieder als „selbst ernannte Künstlerin“ bezeichnet, beweist auf ein neues, dass für das Gros der Unterfranken nur die gut eingehegte, biedermeierische Sonntagsmantelkultur als Kunstwerk anerkannt wird.
Ob die Journaille davon ablenken möchte, dass in Deutschland sich auch jeder Journalist einfach selbst ernennt, da es keine staatliche Ausbildung zum Journalisten gibt?
Wie gesagt: Man halte von Grauf was man wolle, aber verglichen mit dem, was die fränkische Bourgeoisie als Kunst betrachtet, müsste man bei Graufs Werken von Avantgarde sprechen. Je stärken die Menschen, die ihre bei Naturmotivmalkursen in Winzerdörfern entstandenen Bilder für kreative Zeugnisse menschlichen Schaffens halten, ein Werk ablehnen, desto näher kommt es wohl dem, was Kunst sei.

Brandstifter 2.0.

In Zeiten, in denen das Feuilleton längst nicht mehr darüber diskutieren muss, ob Deutschland eine Nation wie jede andere sei, weil diese Frage nahezu alle, bis auf ein paar vaterlandslose Gesellen und „ewiggestrige“ Linke, beantwortet haben, beweist die Onlinekommentar-Spalte der Mainpost jeden Tag auf’s neue, dass die Deutschen, die in den 90iger Jahren nichts gegen brennende Asylbewerberheime einzuwenden hatten, nicht einfach vom Erdboden verschwunden sind. Ganz im Gegenteil: Im schattigen Halbdunkel der Onlinekommentarspalten fühlen sie sich pudelwohl, die sich stets betrogen fühlenden Würzburger Ehrenblockwarte, Berufschauvinisten und Frankenhaiders.
Heutiges Beispiel: Der User Juergen1963 mit seinem überaus gewinnbringenden Kommentar namens „Wie behindert kann man eigentlich sein !!!“. Juergen1963 schreibt heute zur einem Artikel, der sich mit der mutmaßlichen Brandstiftung einer Dönerbude beschäftigt:
„Die Idee war ja im Prinzip nicht schlecht, in Doitschland gibt es eh zuviele dieser stinkenden Krankheitsherde – aber warum man sich dann auch noch erwischen lässt – kann nur jemand mit IQ < 0 sein !!!"
Man sagt ja, wir lebten heute in einem ganz anderen Deutschland als im Deutschland der 90iger Jahre. Nur leider kann ich dieses Deutschland nirgendwo erkennen, solange ich meinen Verstand benutze, solange ich mich nicht national besaufe.

Giselas unheilvolle Welt

Liebe Gisela,

seit Jahren beglückst du die Mainpostleser in deiner Kolumne „Giselas heile Welt“ mit kuschelweichflauschigen Geschichten über süße Hundis, das kleine Glück und das wunderbar wollige, wogenlose Würzburggefühl.
Aber jetzt bin ich verwirrt. Vor wenigen Tagen las ich deinen neuesten Beitrag, den du „Sozialistische Taxifahrt“ nanntest. Nachdem du nicht den vollen Fahrpreis im Taxi zahlen musstest, weil zwei andere Menschen auf der gleichen Strecke mit im Taxi saßen, konntest du dich „des Gedankens nicht erwehren, dass im Sozialismus nicht alles schlecht war“.

Obwohl ich deinen Mut bewundere, deine Sympathien für die sozialistische Weltgesellschaft zu offenbaren, hätte ich da noch einige Fragen:
Hast du in den letzten Tagen vielleicht ein verdächtiges klicken in deiner Telefonleitung vernommen?
Hat sich die Criminalia Wirceburgia, Würzburgs fleißige und hin und wieder burschenschaftliche Kripo, schon bei deinem Arbeitgeber gemeldet?
Wieviele Leser haben eigentlich seitdem das Abo gekündigt, weil sie kein rotes „Bläddle“ im Briefkasten haben wollen?

Lass dich nicht unterkriegen, Genossin Gisela! Ihre Repression, unsere Solidarität! Und im Falle eines Falles hilft bestimmt die Rote Hilfe

Dein Subcomandante Heumann

Journalismus und Lobhudelei

Die Burschenschaft Adelphia hat am 19. Mai Josef Schuster, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, auf ihr Verbindungshaus geladen, auf dem dieser über jüdisches Leben in Würzburg referierte.

Morgen erscheint in der Mainpost eine Reportage des Journalisten Manfred Schweidler, die die besagte Veranstaltung eigentlich nur als Aufhänger benutzt, um die abgeschmackten Argumente, mit deren Hilfe Burschenschafter Kritik abzublocken wissen, als journalistische Objektivität zu vermarkten.

Bevor wir uns der Struktur des eigentlichen Artikels zuwenden, darf man sich natürlich zu anfang fragen, weshalb es ein Journalist der Mainpost für derart wichtig hält, über eine Veranstaltung zu berichten, die von rund zwanzig Menschen besucht wird, von denen ein Großteil sowieso „Vereinsmitglieder“ sind. Man kann sich schwer vorstellen, dass für Schweidler nicht schon von vorneherein klar war, dass er mit seiner Reportage die Adelphen ins rechte Licht rücken wollte. Genau hier liegt überhaupt die Tücke der reportagenhaften Darstellungsform: Dass man durch diese in blumiger Weise eine persönliche Meinung als journalistische Wahrheit darstellen kann.

Schweidler beginnt seinen Text mit einer rhetorischen Aussage:
Burschenschaften wie der Adelphia geht der Ruf voraus, ein Relikt der Vergangenheit zu sein: autoritäre Männerbünde, die bunte Mützen tragen, ritualisiert trinken, singen oder fechten und mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.
Der Autor hegt überhaupt nicht das Interesse, diese Aussagen zu widerlegen. Wie auch? Die Adelphen sind ein autoritärer Männerbund, in dem ritualisiert getrunken wird, es wird gefochten und man trägt bunte Mützen. Man pflegt freundschaftliche Kontakte zur Normannia Heidelberg, die die antisemitischen Ausschweifungen Martin Hohmanns als Flugblatt veröffentlichte. Man lädt Hannes Kaschkat auf das Adelphenhaus, der als Rechtaußen der Burschenschafter gilt. Man ist in der Deutschen Burschenschaft, mit der einige andere korporierte Verbände aufgrund der mangelnden Abgrenzung zum Rechtsextremismus nichts mehr zutun haben wollen und in deren Reihen sich z.B. die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen befindet, welche drei führende NPD-Mitglieder zu ihren Mitgliedern zählt.
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um einen Ruf, der der Burschenschaft ganz zu Unrecht vorauseilt. Statt die Einwände der BurschenschaftsgegnerInnen wenigstens einer oberflächlichen Überprüfung zu unterziehen, darf Kriminaloberrat Heinz Henneberger, der Mitglied bei den Adelphen ist, die Kritik abschmettern:
Die Wirklichkeit sieht heute anders aus als das Klischee, das uns aufgeklebt wird“.
Damit ist das Thema abgehakt. Der korporierte Polizist hat gesprochen. Amen.

Stattdessen prüft Schweidler einen ganz anderen Vorwurf, der aus der plumpesten Ecke der linken Korporationskritik stammt: Nämlich den, dass Burschenschafter zwangsläufig Antisemiten seien. Dieser Vorwurf ist für viele mit dem anfangs aufgeführten Punkt verbunden, dass Burschenschafter „mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.“ Für viele der MainpostleserInnen ist keineswegs klar, dass man mit dem rechten Rand des politischen Spektrums symphatisieren kann, ohne AntisemitIn zu sein. Und vielleicht weiß nicht einmal der Autor, dass es nicht nur in den Reihen der „extremistischen“ Parteien Menschen gibt, die völkisch-rechtem Gedankengut anhängen. Schweidler aber erklärt seiner LeserInnenschaft eigentlich, dass Burschenschafter nicht die kahlgeschorenen Naziskins sind, die als Klischee in den Köpfen vieler Menschen auftauchen, wenn sie an den rechten Rand des politischen Spektrums denken. Der Autor hebt daher, neben dem Inhalt von Schusters Vortrag, die ritualisierte Diszipliniertheit der Burschenschafter hervor.
Gelegentlich erhebt sich einer der 25 Zuhörer, nimmt formell – wie es bei den Burschenschaften Brauch ist – seine orangene Kappe ab, ehe er höflich eine Frage stellt“.
Die/der LeserIn merkt: Die Typen mit den bunten Hüten, die können sich benehmen.
Am Ende wird der Repräsentant der jüdischen Gemeinden in Bayern bei der Burschenschaft mit einer Flasche (koscheren) Weines verabschiedet – und respektvollem Beifall. Wer anderes erwartet hatte, sah sich getäuscht.

Damit endet die Reportage, die Fragen stellt, und diese von den Burschenschaftern beantworten lässt. Die Grenzen zwischen Journalismus und Lobhudelei verschwimmen- und eine Reportage ist vorzüglich dazu geeignet, dies nicht auffallen zu lassen.

Liebes „Max & Julius“….

Liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“,

es ist Euch ja hoch anzurechnen, dass ihr herausgefunden habt, weshalb jemand „Solidarität mit Liebig 14″ an Eure Uniwände sprüht. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass ihr in die ACAB-Falle tappt und Liebig für einen türkischen Männervornamen haltet.
Aber halt mal, liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“. Ihr fragt Euch am Schluss, „was jedoch die […] Slogans knapp 400 km entfernt vom Ort des Geschehens bringen sollen“?
Wenn Euch das schon zu weit ist, so hoffe ich doch, dass die AtomkraftgegnerInnen in Eurer Redaktion noch nicht gemerkt haben, dass Fukushima gut 9000 Kilometer weg ist.
Ein Tipp: Einfach mal einen längeren Spaziergang machen. Dann reicht der geistige Horizont vielleicht auch mal weiter als die 400 Schritte vom Studentenwohnheim zur Mensa.

Letzter Hype….ein Nachruf

Wenn man der Meinung ist, dass ein Nachruf dem Letzten Hype gerecht werden kann, dann ist folgender der beste, den man über den Hype schreiben kann.

Das Ende der Neun7

Gerüchte gibt’s ja viele (Zum Beispiel habe ich jetzt zwei mal gehört, dass Otto Walkes in Würzburg wohnt).

Offenbar stimmt aber das folgende: Die Neun7 erscheint kommenden Donnerstag zum letzten Mal (Quelle).

Ist schon schade, wenn der Lieblingsfeind verschwindet. Dürfen wir uns nun auf ein Comeback der Boulevard Würzburg freuen?

Finde den Unterschied….

Neun7 und die JungleWorld hatten an diesem Donnerstag recht ähnliche Ideen für ihr Titelbild. Finde den Unterschied!

SPON: „Selbsternannte Anarchisten“

Die Journaille ist reich an Sprache, aber arm an Geist. Und bedruckte oder digitale Seiten müssen ja auch gefüllt werden. Mit Füllwörtern beispielsweise.
„Mitunter“ ist so ein schönes Wörtchen, dessen Bedeutung, von der Süddeutschen Zeitung bis zum hinterletzten Blog (dem Letzten Hype zum Beispiel), sich niemand mehr entsinnen kann. Klingt aber nach guter Sprache, so ähnlich wie „sich gerieren“.
Bei SPON heißt es heute zu einer aufgebrachten Schar von griechischen Demonstranten, die ein Krankenhaus gestürmt hat, um einen verletzten Demonstranten zu besuchen:

„Eine Gruppe von 150 selbsternannten Anarchisten stürmte am Mittwoch ein Krankenhaus in Athen.“

Was fällt diesen „Anarchisten“ ein, sich selbst zu ernennen! Da könnte ja jeder kommen!
In Deutschland nennt man sich nicht einfach, man wird ernannt. Vom König, dem Staate oder der Handelskammer. Deshalb gibt es Parteibücher, Vereinsposten und gelernte Fachkräfte für Süßwarentechnik.

Meine Frage an SPON: Was soll das sein, ein nicht selbsternannter Anarchist? Und wer darf ihn denn ernennen? Bakunin, Kropotkin oder doch der Bundespräsident?

Presseschau II

Liebe Neun7,

herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen Titelgeschichte. Bei Deinen hundert Gründen, „warum das Leben auf dem Land so liebenswert ist“, hast Du wirklich fast nichts vergessen: Besonders wichtig sind mir natürlich Nr.55 („Beatabende“), Nr. 72 („Hausschlachtungen“) und nicht zu vergessen Nr. 79 („Asbach-Cola“).
Verdammt, ich hätte fast vergessen wie schön es doch früher war, bei den Rapsfeldern.

Abgerundet wird Deine Titelstory natürlich- wie immer- von den sexy Fotos. Die Bilder von den heißen Landmadeln, die sich natürlich im letzten Bild gerne ihre Oberteile ausziehen (auf dem Land sind die Frauen ja nicht so kompliziert wie in der Stadt): Großartig! Perfekt für eine Zielgruppe, die sich aus jungen Akademikern und sexuell frustrierter Arbeitern zusammensetzt. Für die Ersteren ist deine Zeitung die passende Ablenkung während des Proseminars, für die Zweiteren sind Eure sexy Photos die passende „Anregung“ für ihre Mittagspause. Eine Symbiose aus NEON und BlitzIllu: der nächste Medienpreis kommt bestimmt!

Aber nun noch etwas, Neun7. So ganz einverstanden war ich dann doch nicht mit Deinen Gründen für das Landleben. Wenn Du den Grund „Am Landleben mag ich das Bodenständige, Ursprüngliche“ schon ausgerechnet auf der Nr. 18 plazierst, dann wäre es nur folgerichtig, wenn auf der 88 auch „Weil hier Deutschland noch deutsch ist“ stünde.

Herzlichst, Dein Hunter S. Heumann

Presseschau I

Welche Erkenntnis kann man durch Userkommentare und Leserbriefe gewinnen? Jedenfalls demetiert das enthemmte Geschmiere der MainpostleserInnen die These, dass in den Hirnwindungen der Würzburger Wutbürger ein emanzipatorischer Gedanke stecke.

Und so wird selbstverständlich auch am 16. März krakeelt.
Kaum jemand, der sich im lokalhistorischen Diskurs äußern darf, würde auf die Idee kommen, sich beim Zelebrieren der Kollektivtrauer von den paar Menschen stören zu lassen, die vor dem 16. März 1945 weggeschafft worden waren. Sonst wären sich die Würzburger nicht darin einig, dass der 16. März 1945 der schwärzeste Tag der Stadtgeschichte gewesen sei.

Und so kann auch Günther Rinke, der zum 16. März einen Leserbrief an die Mainpost sandte, nicht verstehen, dass sich manche Menschen nicht ins geistige Kondoleszenzbuch eintragen, sondern etwas anderes mit ihrer Zeit anzufangen wissen, ja sogar lachen können. „Ich bin doch sehr erstaunt, welche Veranstaltungen am 16. März in diesem Jahr in Würzburg stattfinden“, schreibt er in seinem Leserbrief, in dem er sich darüber beklagt, dass am 16. März Kabarett in der Posthalle und im Bockshorn stattfinden darf, während doch die Glocken in der ganzen Stadt läuteten, um an Würzburgs schwarzen Tag erinnern. Rinke beendet seinen Leserbrief mit einer eigentlich rhetorischen Frage: „Wer hat diese Veranstaltungen genehmigt?

Nun ist mir weder bekannt, dass der 16. März ein eingetragener stiller Feiertag ist, noch gibt es ein Gesetz, das einer festen Spielstätte, wie sie das Bockshorn ist, vorschreibt, dass jede Veranstaltung vom Souverän genehmigt werden müsse. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn man in diesem Land allmählich dazu übergeht, am 09. November nicht mehr der Opfer der Reichskristallnacht zu gedenken, sondern den Tag des Mauerfalls feiert, wo bleibt da die Hysterie der Mainpostleser? Als am Holocaustgedenktag die Karnevalsgilde feierte, statt der Befreiung Auschwitz‘ zu gedenken, wo war die aufgebrachte Leserschaft der Mainpost? Und was hat Herr Rinke am vergangenen 09.11. oder am 27.01. gemacht?

Wahrscheinlich nicht besonderes, denn an diesen Tagen läuten sie nicht, die Kirchenglocken dieser Stadt.