Archiv der Kategorie 'Hunter S. Heumann'

Liebe Nürnberger Jungantifaschisten,

vor ein paar Wochen beobachtete man ein paar von Euch bei einer Art Sightseeingtour zum Iranischen Streikzelt nach Würzburg. Schnell ein Foto schießen mit Eurem neuesten Hochglanztranspi vor dem Flüchtlingscamp, dann wieder abdüsen, das ist gelebte Solidarität. Ich will Euch das nicht krumm nehmen: Wer rastet, der rostet, das gilt auch für den jungen Revolutionär. Wie sagte schon Napoleon? Vier Sekunden rastet der Revolutionär, fünf der Bürger und mehr als sechs nur ein Idiot. und bestimmt musstet Ihr am selben Tag noch einige weitere Fotos schießen, von Occupycamps zum Beispiel, um echte Solidarität zu leben, auf Flickr und Facebook.

Mit dem Fotolächeln war es aber schnell zuende, als Ihr auf einem Zigarettenautomaten einen Sticker entdecktet, auf dem Fight Hamas- support Israel! stand. Reflexartig und äußerst erbost überklebte ein Jungantifaschist den Aufkleber sofort mit einem Sticker, auf dem Hier wurde Naziprogaganda überklebt! stand.

Ich bin nicht davon überrascht, dass es in der Nürnberger Linken Personen gibt, die Israel für einen faschistischen Staat und die Hamas für eine emanzipatorische Bewegung halten. Dies weiß ich schon seit zehn Jahren. Überrascht hat mich jedoch, dass die Szene zehn Jahre später noch immer Jungantifaschisten ausbrütet, denen die Zornesröte im Gesicht steht, wenn sie mit Israel konfrontiert werden.

Aber halt, liebe Nürnberger Antifaschisten, Ist das Würzburger Streikcamp nicht der falsche Ort, wenn Eure Achse des Widerstands Nürnberg-Gaza-Teheran heißt? Vielleicht habt Ihr bei Eurer kurzen Reise nach Würzburg gar nicht gemerkt, dass es sich bei den Iranern am Streikcamp nicht um Unterstützer des „Antiimperialisten“ Ahmadinedschad handelt, sondern um Regimegegner? Meine Empfehlung: Nächstes Mal einfach im Zug sitzenbleiben, nach Frankfurt weiterfahren und dort einen echten Teil der Achse des Widerstands besuchen. Das Iranische Generalkonsulat ist bestimmt ein paar Solifotos wert.

Hoch die internationale Schnapsproduktion! Und immer Akku raus.
Euer Hunter

Verschöööönerungsverein!

Hey, ihr Heimatschützer vom Würzburger Verschönerungsverein,

seid ihr nicht sonst damit beschäftigt, die Blumen an Denkmälern, an die sich zurecht niemand mehr erinnern kann, zu gießen? Seid ihr nicht sonst immer dafür, historische Bauten zu erhalten, damit Würzburg in euren Heizdeckenhirnen immer das gute alte Postkartenmotiv bleibt?

Wenn das immer noch zutrifft, weshalb protestiert ihr nicht dagegen, dass Würzburgs schönste Ruine den kulturlosen, zeitgeistaffinen Architekten zum Opfer fällt und jetzt ein Hotelturm wird? Habt ihr nicht schon all die Jahre versagt, da ihr zugelassen habt, dass vor mittlerweile sechs Jahren die historische Inschrift aus der Frühgotik von dieser Ruine entfernt wurde?

Was wird uns noch zugemutet? Eine Autobahn durch den Ringpark? Ein Weltraumhafen auf der Marienfestung?
Wehret den Anfängen!

Euer Hunter (entsetzt)

Zirkusaffen!

Zirkusaffen!

Da kampiert der Circus Henry, bei dem ihr Euch Eure Bananen verdient, über den Winter in der Marktgemeinde Zellingen, und Ihr seid einfach mal ausgebüxt, um Euch die Gegend anzusehen.

Nach wenigen Tagen in Freiheit bei „Wald Wasser Wein“ (Zellinger Selbstbeschreibung) wart ihr der drei W aber so überdrüssig, dass ihr aus purer Langeweile einfach wieder zum Käfig zurückgekehrt seid.
Um herauszufinden, wie öde die Gegend ist, habt ihr nur ein paar Tage gebraucht. Diese Erkenntnis gewinnen manche Unterfranken ihr ganzes Leben nicht.

Eine Banane auf Euch, ihr weisen Äffchen!
Euer Hunter

Das Fest des Huhns: eine Empfehlung des Hauses

Das wesentliche Anliegen meiner journalistisch-psychogeopraphisch-gonzowissenschaftlichen Arbeit war und ist, den unterfränkischen Raum und seine faszinierenden Artefakte als mystisch, sperrig, als nur mit ethnologischen Untersuchungsmethoden aufschlüsselbare vormoderne Stammesgesellschaft zu begreifen und untersuchen. Wer auf der Lohrer Karfreitagsprozession oder der Wiesentheider Kirb war, wird die Anzahl an fremden Zeichen und Zeichensystemen für kaum überblickbar halten.

Ganz nach dieser Methode wurden Oberösterreich und seine Rituale vor Jahren ethnologisch untersucht und im Film „Das Fest des Huhns“ dargestellt. In der Hoffnung, dass wir eines Tages auch das Unterfränkische in einer großangelegten Untersuchung erforschen können, empfehle ich Ihnen im Folgenden das besagte ethnologische Meisterwerk:

Lieber Antitierbenutzungshof Kollnburg,

in freudiger Erwartung öffnete ich vor kurzer Zeit das Paket eines bekannten veganen Onlineversands und entdeckte darin nicht nur Sojabeefjerky, vegane Seitanknackwürste und kiloweise texturiertes Granulat, sondern auch Eure Werbebroschüre, die zur Unterstützung des Antitierbenutzungshofes aufrief.

Auf dem Antitierbenutzungshof leben derzeit insgesamt 41 nichtmenschliche Tiere…“ war darin zu lesen, und zwar deshalb, da Ihr „gegen jede Form des (Be)nutzens von Tieren“ seid.

Hiermit möchte ich mich gerne als Mitbewohner auf dem Antitierbenutzungshof bewerben.
Motivation: Als menschliches Tier werde auch ich täglich benutzt. Mein Chef beutet täglich meine menschlich-tierische Arbeitskraft aus, um einen Mehrwert abzuschöpfen. Meine Freunde nutzen mich aus und leihen sich ständig Kohle von mir, die sie nie wieder zurück zahlen. Sie stellen sogar Deckel in unserer Stammkneipe auf meinen Namen aus! Meine Verwandschaft benutzt meine übertragbare Monatskarte, um kostenfrei mit der Bahn zu fahren. Die ARGE hat mir vor einigen Jahren gesagt, ich solle mich für die Gesellschaft nützlich machen, das gleiche sagten meine Eltern. Beide drängten mich dazu, einen Job anzunehmen, den sie- nicht ich!! – für nützlich hielten.
Kurz gesagt: Ich fühle mich voll und ganz benutzt von der gesellschaftlichen Gesamtsscheiße. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mein ganzes kurzes menschliches Tierleben so weitergehen soll.
Zu meiner Person: Ich bin zutraulich, habe einen Hängebauch, die Menschen nennen mich Hunter und meine Katze nennt mich „Brrrr- Miau“. Ich bin gerne in der freien Natur und faulenze gerne. Dennoch bin ich kein fauler Hund faules Menschentier, sondern hätte kein Problem damit, auch mal einen Stall auszumisten.

Ich bitte Euch mir mitzuteilen, wann Euer nächstes WG-Casting stattfindet und hoffe auf gute Chancen und ein Ende meines Benutztwerdens.

Euer
Hunter (Tierfreund)

Lieber Joachim Hermann,

lieber Inlandsgeheimdienst bayerischer Provenienz,
liebe Landeszentrale für politische Bildungsarbeit,

ihr habt es endlich geschafft. Mit Eurer neuen Seite namens „Bayern gegen Linksextremismus“ habt Ihr mich endlich in die Arme des Staates getrieben.
Auch ich unterstütze Eure Initiative gegen schlechte Rapgruppen wie „Kurzer Prozess“ aus vollem Herzen, auch wenn es mir recht egal ist, welche Texte die jungen Burschen denn sprechsingen. Ich unterstütze Eure HipHop-Qualitätsoffensive eher aus ästhetischen Gründen: „Kurzer Prozess“ hat einfach keinen Flow und die Beats sind sowas von unter aller Kanone, das kann sich kein Mensch anhören. Ich wundere mich, weshalb die erwähnten Aspekte bisher keine Erwähnung auf Eurer Homepage fanden.
Da mir der Kampf gegen hässliche Musik ebenso wie Euch am Herzen liegt, stehe ich in Zukunft, sozusagen als Inoffizieller Mitarbeiter, gerne zur Verfügung, um gegen grottigen Rap wie etwa „Holger Burner“ oder „Schlagzeiln“ vorzugehen.
Um zu beweisen, dass meine Kenntnis der Materie sich nicht nur auf Rapmusik beschränkt, gebe ich Euch noch einige andere wichtige Hinweise, die zur Stärkung der Demokratie beitragen werden:
1. Ihr merkt auf Eurer Heimseite an, dass das Café Marat in München benannt ist „in Anlehnung an Jean Paul Marat, einen radikalen Unterstützer der französischen Revolution und Befürworter politischer Gewalt“, was für Euch ein treffendes Argument ist, um den Münchner Kulturtreff zu diffamieren.
Eurer Argumentation folgend, habe ich noch einige andere Treffpunkt von Extremisten in Bayern entdeckt: Das Richard-Wagner-Gymnasium in Bayreuth beispielsweise ist benannt nach einem bekannten Antisemiten und Hassmusiker. Die Fangemeinde des besagten Hassmusikers veranstaltet jeden Jahr sogar eigene Festspiele, auf denen die antidemokratische „Message“ der extremistischen Musik verbreitet werden soll. In Würzburg benannte man in der Vergangenheit eine ganze Sporthalle nach dem Nationalsozialisten Carl Diem. Als die Presse diesen problematischen Namen thematisierte, benannte man das Areal kurzerhand- aus Tarnungsgründen- in S-Oliver-Arena um.
2. Die Gruppe „Anarchistische Umtriebe Augsburg“ findet auf Eurer innovativen Homepage u.a. deshalb Erwähnung, weil sie die Bundeswehr als „Nachfolgeorganisation der Wehrmacht diffamiert“. In diese „Diffamierung“, die selbtverständlich jeglicher Realität entbehrt, reiht sich auch die militante Gruppe „Gebirgsjägerbrigade 23“ ein, die das südliche Bayern mit Wehrsportübungen terrorisiert. Die erwähnten Gebirgsjäger treffen sich jedes Jahr in Mittenwald, um der gefallenen „Kameraden“, der- aufgepasst!- Wehrmacht, zu „gedenken“ und tragen damit zur besagten Diffamierung bei. Ich bin im Besitz zahlreicher weiterer Informationen über Menschen, die den völlig aus der Luft gegriffenen Zusammenhang zwischen Wehrmacht und Bundeswehr ohne jedes Schamgefühl propagieren.
Daher würde ich mich freuen, wenn ich mich in Zukunft als Inoffizieller Mitarbeiter für die bayerische Demokratie einsetzen dürfte.

Ihr antiextremistischer Liebesmusikant
Hunter S. Heumann

Giselas unheilvolle Welt

Liebe Gisela,

seit Jahren beglückst du die Mainpostleser in deiner Kolumne „Giselas heile Welt“ mit kuschelweichflauschigen Geschichten über süße Hundis, das kleine Glück und das wunderbar wollige, wogenlose Würzburggefühl.
Aber jetzt bin ich verwirrt. Vor wenigen Tagen las ich deinen neuesten Beitrag, den du „Sozialistische Taxifahrt“ nanntest. Nachdem du nicht den vollen Fahrpreis im Taxi zahlen musstest, weil zwei andere Menschen auf der gleichen Strecke mit im Taxi saßen, konntest du dich „des Gedankens nicht erwehren, dass im Sozialismus nicht alles schlecht war“.

Obwohl ich deinen Mut bewundere, deine Sympathien für die sozialistische Weltgesellschaft zu offenbaren, hätte ich da noch einige Fragen:
Hast du in den letzten Tagen vielleicht ein verdächtiges klicken in deiner Telefonleitung vernommen?
Hat sich die Criminalia Wirceburgia, Würzburgs fleißige und hin und wieder burschenschaftliche Kripo, schon bei deinem Arbeitgeber gemeldet?
Wieviele Leser haben eigentlich seitdem das Abo gekündigt, weil sie kein rotes „Bläddle“ im Briefkasten haben wollen?

Lass dich nicht unterkriegen, Genossin Gisela! Ihre Repression, unsere Solidarität! Und im Falle eines Falles hilft bestimmt die Rote Hilfe

Dein Subcomandante Heumann

Reinhold Enzelberger alias Enzo

Kennergelernt habe ich Enzo an einem volltrunkenen Abend im AKW: Ein Hühne stand da vor mir, in einem weißen Gewand. Er sah aus wie der Priester einer Weltuntergangssekte. Trug ein breites Band um den Hals, auf dem in großen Lettern „Enzo“ stand. Als Enzo mir sein Buch“Liebesbriefe an Frauen“ präsentierte, wusste ich sofort, dass es die paar Mark wert sein wird.

Jetzt habe ich Enzos Blog entdeckt, auf dem es gesammelte Werke und Fernsehauftritte von Reinhold Enzelberger zu sehen gibt. Folgendes Video ist ein Zusammenschnitt seiner Fernsehauftritte in grottiger VHS-Qualität und wohl nur für echte Fans zu ertragen (besonders sehenswert: Enzos Auftritt in einem Berliner Fernsehstudio ab Minute 9):

Liebes „Max & Julius“….

Liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“,

es ist Euch ja hoch anzurechnen, dass ihr herausgefunden habt, weshalb jemand „Solidarität mit Liebig 14″ an Eure Uniwände sprüht. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass ihr in die ACAB-Falle tappt und Liebig für einen türkischen Männervornamen haltet.
Aber halt mal, liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“. Ihr fragt Euch am Schluss, „was jedoch die […] Slogans knapp 400 km entfernt vom Ort des Geschehens bringen sollen“?
Wenn Euch das schon zu weit ist, so hoffe ich doch, dass die AtomkraftgegnerInnen in Eurer Redaktion noch nicht gemerkt haben, dass Fukushima gut 9000 Kilometer weg ist.
Ein Tipp: Einfach mal einen längeren Spaziergang machen. Dann reicht der geistige Horizont vielleicht auch mal weiter als die 400 Schritte vom Studentenwohnheim zur Mensa.

Hausverbot für Gunter Gabriel!

Was für eine schreckliche Vorstellung, in eine Kneipe zu gehen und Gunter Gabriel, den dunklen Herrscher des teutonischen Kitschcountry, zu treffen.
Aber im Red Lion hat man sich anscheinend tierisch gefreut, durfte man aus der Mainpost erfahren.
Wirte, die dem Gruselbarden nicht sofort Hausverbot erteilen, haben sowieso keinen Respekt verdient.
Und überhaupt:
Statt in Würzburg faul in der Kneipe rumzulungern, soll er lieber mein Boot streichen und sich eine gescheite Arbeit suchen (Ein hoch auf DJ Koze):

Saarbrücken für Slacker

Saarbrücken für Slacker
Folge 1 von Hunter S. Heumanns Reiseberichten

Vergessen Sie Leipzig, vergessen Sie Dresden! Vergessen Sie all diese Bruchbuden, inklusive Magdeburg und Görlitz an der Neiße! Vergessen sie also all die ostdeutschen Städte, von denen ihre gescheiterten Akademikerfreunde erzählen, man könne sich dort für billiges Geld selbst verwirklichen!
Sie waren wohl noch nie in Saarbrücken, im west-westdeutschen Zonenrandgebiet. In der zukünftigen Trendstadt der Lebemenschen und Lumpenakademiker. Lassen Sie sich entführen ins Lyonerland.

Hinreise: Noch Gelinde ausgedrückt: Saarbrücken liegt nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus ganz gut sehen. Daher ist die Reise auch kein Katzensprung. Vielleicht ist sie das dennoch, wenn man nicht in jeder größeren Stadt am Wegesrand ein Bierchen in der Bahnhofsschänke trinkt. Ich weiß es nicht. Auch auf Ex dauert dies viele Stunden. Reisen Sie daher am besten mit dem Auto oder lassen Sie, wenn Sie mit dem Zug unterwegs sind, die Idee, sich an schwäbisch-badischen Stammtischen entlang der Eisenbahnstrecke über Stuttgart 21 unterhalten zu wollen. Lassen Sie das wirklich!
Wie dem auch sei: Irgendwann sind Sie, nur mit zwei mal umsteigen und alles im Regionalverkehr, hoffentlich in Saarbrücken. Mit dem Auto war ich auch schon mal da, aber über Frankfurt-Bockenheim hat es noch länger gedauert. Es würde den Rahmen des Reiseberichtes sprengen, auch davon zu erzählen.

Sehenwürdigkeiten: Wer meine Reiseserie „Unterfrankens hässlichste Orte“ kennt, die oder der weiß, dass Abfuck und Ästhetik für mich eine Symbiose eingehen, die für andere schwer nachzuvollziehen ist. Daher bleibt München immer verabscheuungswürdig. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Saarbrückener Innenstadt besitzt einige sozial verödete Randbezirke, in denen sich Import-Export-Shops, Sportwettenlokale, Nacht- und Nacktbars aneinanderreihen. Irgendwo dazwischen wohnt der Freund, den ich besucht habe, in einer 16-köpfigen WG mit einem Klo und zwei Österreichern. Die vielen leerstehenden Geschäfte und Nettofilialen entfalten ein ostdeutsches Flair, das fast schon an Leipzig Connewitz erinnert und eigentlich jeden dazu einladen, sich selbst zu verwirklichen. Nicht verpassen dürfen Sie den Blick auf die wunderschöne Stadtautobahn, die direkt durch die Innenstadt an der Saar entlang führt. Tipp: Setzen Sie sich bei schönem Wetter an das gegenüberliegende Ufer der Saar. Vertreiben Sie sich die Zeit beim Zählen aller roten Autos, die innerhalb einer von Ihnen festgelegten Zeit auf der Autobahn vorbeifahren.

Land und Leute: Die Saarbrückener sind ein ehrliches aber widerspenstiges Völkchen. Gaststätten heißen „Kneipe zur Hoffnungslosigkeit“ (Bild siehe oben), aber auch „Zum kotzenden Kommunisten“. Man merkt: In Saarbrücken wird ihnen reiner Wein, Weißwein selbstverständlich, eingeschenkt. Der anarchische Charakterzug der Saarbrückener kommt dadurch zum Ausdruck, dass es mit Sicherheit kein Gesetz gibt, dass Spätis legitimiert, es aber dennoch Spätis gibt. Man hat ja in Saarbrücken eh nichts zu verlieren, dort drüben an der Saar. Diverse Getränkemärkte haben daher bis spät in die Nacht geöffnet.
Der Saardialekt klingt wie ein Schwabe, der einen Frosch verschluckt hat oder ein Bade, der versucht, einen Schwaben zu imitieren. Kurz gesagt: der Saardialekt klingt exakt wie Pfälzisch und ist auch exakt das Selbe.

Essen und Trinken: Saarbrücken wartet mit einigen kulinarischen Highlights auf. Das prominenteste ist wohl die Lyonerwurst, die von den Saarbrückener nahezu kultisch verehrt wird: Mehrere Straßenfeste widmen sich der berühmten Fleischwurst, die man auch „den Spargel der Saar“ nennt. An Palmsonntag wird beispielsweise eine riesige 8 Meter hohe Fleischwurst aus Alabaster durch die Innenstadt getragen. Auch das Maskottchen Saarbrückens, Fred Ferkel, ist einer solchen Brühwurst nachempfunden.
Der langen italienischen Tradition in Saarbrücken ist es zu verdanken, dass dort niemand Hunger leiden muss. Denn sowohl im Edelrestaurant als auch beim Schnellimbiss um die Ecke sind die spottbilligen Rigatoni mit Soße (siehe Bild) unverzichtbar. Rigatoni kosten als kleine Portion zwischen 1,50 und 2,50 und als große Portion zwischen 2,50 und 3,50 und bieten dabei ein wesentlich besseres Preis-Leistungsverhältnis als ein 08/15-Schnellimbiss. Rigatoni gibt es in den Geschmackssorten „Weiß“, „Rot“ und „Rot/Weiß“, ähnlich wie bei Pommes. Vermeiden Sie es bitte, mehr als drei Portionen Rigatoni am Tag zu verzehren. Bitte hören Sie auf diesen Ratschlag.
Die besten Rigatoni isst man übrigens im „Parkdeck“ (siehe Bild), Saarbrückens beliebtesten Schnellimbiss, der mit seinem rustikalen Ambiente zum verweilen einlädt.

Fazit: Saarbrücken bietet alle Vorteile, die man normalerweise nur im Osten genießt: Billige Mieten, zerfallende Häuser, zwielichtige Ecken und verlassene Straßenzüge.
Besuchen Sie Saarbrücken, bevor die Massen dort sind! Mieten Sie sich eine Wohnung, bevor es die Yuppies tun! Saarbrücken: der Boom kommt bestimmt!

Was macht eigentlich…. die Heimatfront?

Erinnern Sie sich noch an den Aufmarsch an der Würzburger Heimatfront im letzten Frühling?
Nein?
Dann geht’s ihnen wie den 125.000 anderen Würzburgern, denen die Demo der Buntkappenträger völlig wurscht war.
Zur Gedächtnisauffrischung: Torsten Heinrich, M.A., schnappte sich eine Deutschlandfahne, lud ein paar Freunde mit und ohne Couleur ein und marschierte dann ein paar Samstage durch die Würzburger Innenstadt, um der gefallenen Soldaten in Afghanistan zu gedenken.
Da ab dem Spätsommer die Seite soldatengedenken.de down war, hoffte ich schon, dass der gescheiterte Versuch, das ganze in Berlin mit mehr Teilnehmern aufzuziehen, den Power-Bundi endgültig desillusioniert hatte.

Mitnichten!
Wir müssen ja alle gucken, wo wir bleiben. Und gerade die Magister unter den Akademikern haben es bald schwer im Beruf. Schon jetzt weiß ja an sich niemand mehr, was die Abkürzung M.A. bedeutet. Und auch mit Kriegskitsch lassen sich vielleicht ein paar Unzen verdienen. Zumindest hoffe ich das für Torsten Heinrich.
Denn bei soldatengedenken.de beginnt erst die Heimatfront. Der Frontverlauf führt uns über soldatenfreund.de zu salonstratege.de.

Bei soldatenfreund.de („Die Seite für Soldaten“) können sich alle Krautkrieger darüber erkundigen, welche Vergünstigungen sie bei Vorlage eines Soldatenausweises in Geschäften erhalten können. Bisher gibt es leider noch nicht viel zu bestaunen, außer ein paar Angebote bei Massage- und Sonnenstudios. Dabei wäre das Angebot doch noch erweiterbar:
- bei der dritten Schussverletzung zahlt die Krankenkasse ein Einzelzimmer
- jeder Soldat auf längerem Auslandsaufenthalt erhält für die Bespitzelung seiner Ehefrau zehn Prozent Rabatt bei einem Privatdetektiv
- beim Kauf von drei Büchern bekommen Soldaten „Im Westen nichts Neues“ gratis dazu
- Portofreie Versendung der Zeitschrift „Pralle Möpse“ zu den Soldaten im Ausland etc.. pp.

Salonstratege.de („Das moderne Militärmagazin“) dagegen ist eine Art „Men’s Health“ für Männer mit Gewalt- und Stiefelfetisch. Hier werden Kriegsmaschinerie vorgestellt und Kriegsspiele getestet.
Der Name lässt mich schmunzeln: Wie sieht er aus, der Salonstratege? Sitzt er zuhause in seinem Sessel, hat seine Holzbeine hochgelegt, raucht Pfeife und erzählt wie Opa vom Krieg? Ist er froh mal etwas anderes tun zu können als dauernd mit seinen Kindern „Schiffe Versenken“ zu spielen? Ist der Durchschnittssalonstratege eher ein Counterstrikespieler, der gerade einen Amoklauf plant oder ein Spielenarr, dem RISIKO einfach irgendwann nicht mehr genug war? Fragen über Fragen.
Ich bleibe lieber Salonmarxist.

Stell dir vor es gibt die Heimatfront, und keiner geht hin.

Presseschau II

Liebe Neun7,

herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen Titelgeschichte. Bei Deinen hundert Gründen, „warum das Leben auf dem Land so liebenswert ist“, hast Du wirklich fast nichts vergessen: Besonders wichtig sind mir natürlich Nr.55 („Beatabende“), Nr. 72 („Hausschlachtungen“) und nicht zu vergessen Nr. 79 („Asbach-Cola“).
Verdammt, ich hätte fast vergessen wie schön es doch früher war, bei den Rapsfeldern.

Abgerundet wird Deine Titelstory natürlich- wie immer- von den sexy Fotos. Die Bilder von den heißen Landmadeln, die sich natürlich im letzten Bild gerne ihre Oberteile ausziehen (auf dem Land sind die Frauen ja nicht so kompliziert wie in der Stadt): Großartig! Perfekt für eine Zielgruppe, die sich aus jungen Akademikern und sexuell frustrierter Arbeitern zusammensetzt. Für die Ersteren ist deine Zeitung die passende Ablenkung während des Proseminars, für die Zweiteren sind Eure sexy Photos die passende „Anregung“ für ihre Mittagspause. Eine Symbiose aus NEON und BlitzIllu: der nächste Medienpreis kommt bestimmt!

Aber nun noch etwas, Neun7. So ganz einverstanden war ich dann doch nicht mit Deinen Gründen für das Landleben. Wenn Du den Grund „Am Landleben mag ich das Bodenständige, Ursprüngliche“ schon ausgerechnet auf der Nr. 18 plazierst, dann wäre es nur folgerichtig, wenn auf der 88 auch „Weil hier Deutschland noch deutsch ist“ stünde.

Herzlichst, Dein Hunter S. Heumann

Zur erbärmlichen Hygienesituation in Autonomen Zentren: eine Intervention

Autor: Sigismund von Dobschütz/ Fundort: Wikipedia, Creative Commons
(Bild: Wikipedia. Autor: Sigismund von Dobschütz, Creative Commons)

Man könnte ja meinen, der Punk hätte sich allen Themen gewidmet, die mit Exkrementen zutun haben.
Umso erstaunter bin ich, dass es bis jetzt kein Lied über das Kacken in Autonomen Zentren gibt (In etwa so: „Scheißen im AZ- fand ich nich so nett: Durchfall auf der Brille, Kotze in der Rille“).

Ich habe die sanitären Anlagen vieler AZs besucht. In der Flora kam mir der Urin schon beim Betreten der Toilette entgegen (wie praktisch, dass ich Löcher in meinen Schuhen hatte), in der Köpi glich die Kloschüssel einem Schokoladenbrunnen, im Zoro/Leipzig (ich weiß, ich weiß, kein AZ) habe ich mir beinahe in die Hose gemacht, weil ich keine Lust hatte, Blut von der Klobrille zu wischen. Selbst das AKW! in Würzburg, das sich ansonsten alle Mühe gab, mit den bösen Autonomen nix zutun zu haben, war ein fäkaler Freiraum für die Keime aller Welt.

Hiermit sei jede hinterletzte Punkkapelle, und komme sie nur irgendwo aus dem Spessart, aufgefordert, diesen Missstand anzuprangern und endlich einen Song aufzunehmen, der sich den hygienischen Mängeln in AZ-Klos widmet. Mein Reizdarm wird es Euch danken!

Heidi’s Schnitzeleck

Heidi’s Schnitzeleck (selbstverständlich geschrieben mit „Deppenapostroph“). Ich liebe Lokalitäten, die nach Vornamen benannt sind.
Die besten Beispiele dafür sind „Gitti’s Pilsstube“ in der Sanderau, „Zum Udo“ oder „Onkel“.

Kelly’s Microwaves

Das bürgerliche Glücksversprechen bleibt definitiv uneingelöst, solange es Produkte wie Kelly’s Microwaves gibt. Wütend hat mich der Konsum des Produkts gemacht, noch wütender aber die Tatsache, dass nicht alle Menschen, die das Zeug probiert haben, den Kapitalismus zu hassen begannen.

Aber first things first. Ein Freund, der weiß, dass ich etwas übrig habe für die kleinen Absurditäten der Warenwelt, schenkte mir vor kurzem eine Packung Kartoffelchips für die Mikrowelle:

Diese werden als eine Beilage zu Fleisch und Gemüse vermarktet, die in 50 Sekunden „fertig“ ist. „Weltneuheit“ steht auf der Packung. Die Idee, Chips als Beilage zu vertilgen, ist alleine schon eine Beleidigung aller Beilagen dieser Welt, sogar des Rosenkohls.
Ich halte mich also brav an die Anleitung, reiße die Tüte auf und erwärme die Kartoffelchips 50 Sekunden in der Mikrowelle. Danach habe ich warme Kartoffelchips. Wow. Schmeckt trotzdem nach eingeschlafenen Füßen.

Waves

Noch darüber nachdenkend, was denn das eigentlich Neue an Kelly’s Microwaves sein soll, und was das Produkt von Aldichips unterscheidet, die man ein paar Minuten auf die Heizung legt, entdecke ich im Internet eine nicht kleine Fangemeinde, die sogar den Kelly’s Microwave Rap performt:

In Österreich ist das wohl ein großes Ding. Wissen Sie, was in Österreich noch ein großes Ding ist? Sehen Sie.

Kann man denn nicht einmal mehr in Ruhe seine Bratwurst essen? (von Hunter S. Heumann)

(erschienen im Letzten Hype #14):

Es hätte alles so schön werden können. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Mein träger, unförmiger Körper lechzte nach irgendeiner Art von Bewegung. Selbstverständlich denke ich dabei nicht an sportliche Aktivitäten. Es ist das alte Dilemma, das meine Lust auf frische Luft schmälert: Der Winter ist mir viel zu kalt und der Sommer viel zu warm. In einer solchen Jahreszeit schließen mein Hunger und mein spärlicher Bewegungsdrang aber einen Kompromiss: Ich laufe ein paar Schritte. Dies ist gut für die Gesundheit, sagt man ja. Ich laufe zum Bratwurststand am Markt und esse ein paar Geknickte Mit Senf. Das macht satt, sagt man ja.
Es hätte alles so schön werden können. Wurde es aber nicht. Im Moment des Verzehrs der vier Bratwurstbrötchen, die ich zur Sättigung benötige, habe ich mir in den Jahren meinen eigenen Freiraum geschaffen. Alle Gedanken drehen sich in diesem Moment nur um das köstliche Schweinefleisch. Alle Sorgen existieren in diesem Augenblick für mich nicht. Die Welt steht still. Keine störenden Menschen, keine Politik, ich filtere alles aus. Lasse das Chi fließen. Es gibt nur mich und die Schweinsbratwurst. Manche machen Joga, ich verschlinge ein Stück Fleisch um meine innere Ruhe zu finden. Zwar war mir das Brötchen, das eine fettige geknickte Bratwurst in seinem Herzen trägt, wie immer vergönnt. Bei der zweiten Geknickten blieb mir aber die Wurst im Halse stecken. Durch meinen Raum der Idylle trampelte eine politische Demonstration. Mit einem Banner. „Ihr seid nicht vergessen!“ stand darauf. Ein Soldatengedenken zu Afghanistan. Viele Deutschlandfahnen. Alberne Korporierte. Der Aufmarsch kam einer Kriegserklärung gleich. Niemand, absolut niemand hat das Recht, mich beim Essen zu stören. Und schon gar nicht zu einem Thema, das weder mich noch den Rest der Leute an ihrem Einkaufssamstag interessiert. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber mein Mund war voll. Am liebsten hätte ich die Veranstaltungsteilnehmer vollgekotzt, aber dafür war mir das Essen zu schade. Ich kaufte hastig eine dritte Geknickte Mit und folgte dem Zug zum Vierröhrenbrunnen, um die Veranstaltung auszumischen.
Und genau hier wendete sich das Blatt. Auf der Schlusskundgebung am Brunnen lauschte ich den Worten des Veranstaltungsanmelders Torsten Heinrich und wurde nachdenklich. Nicht etwa, weil ich mich auf einmal für die Bundeswehr interessierte. Sondern weil mich die Rede von „Opferbereitschaft“ und „Solidarität“ an die vielen süßen Schweinchen erinnerte, die ich in den Jahren verschlungen hatte. Tausende Schweine, die für mich ihr Leben gelassen hatten. Und nie zuvor war ich ihnen so dankbar gewesen wie an diesem warmen Frühlingstag. Welche großes Opfer sie doch erbrachen, damit ich satt werde. Ich lauschte den Worten Herrn Heinrichs, doch in meiner Vorstellung sprach er zu den Schweinen, denen ich doch dankbar sein musste, dass sie mich stets satt gemacht haben. Und so nahm ich die Worte der Rede zwar wahr, aber dichtete sie in meinem Kopf für die Schweine um. Und auf einmal wusste ich, warum auch ich zu gedenken hatte:

Ich war hier, um ein Zeichen der Solidarität zu den Schweinen zu schicken. Solidarität nicht für die Schweine als solche, zu denen jeder anders steht, sondern Solidarität für ihre erbrachten Leistungen. Weit weg vom heimischen Stall, immer wieder unter Bolzengerätebeschuss im Schlachthof, außerhalb des Lagers durch verseuchtes Tiermehl oder die Schweinegrippe bedroht, befinden sich die Schweine und Eber in einer Ausnahmesituation, die wir uns am Bratwurststand kaum vorstellen können.Während ich morgens aufstehe und die Nachrichten bei einem guten Mettbrötchen lese, werden einige Kilometer weiter Schweine geschlachtet, damit ich sie essen kann. Während ich hier stand, waren viele unserer Hausschweine gerade in diesem Moment weit weg von zu Hause einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Diese sollen wissen, dass wir an sie denken, hinter ihnen stehen und sie in unseren Mägen bei uns sind. Sie sollen wissen, dass sie als Schweine, sie als Fleisch- und Wurstwaren mehr Rückhalt in der Gesellschaft haben als sie manchmal gezeigt bekommen, auch wenn ihr Einsatz heftig umstritten ist und von vielen Tierfreunden abgelehnt wird. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir den Einsatz unterstützen oder nicht, die Schweine haben ihr Leben bei einem Einsatz gegeben, der in unserem Magen endete. Ungeachtet der Frage unserer eigenen Haltung, die Schweine gaben ihr Leben als Qualitätsfleisch der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren Zuchtschweine, ja, doch das darf uns kein Grund sein, ihnen die Verantwortung ihres Schicksals zuzuschieben, erfüllten sie doch ihre Pflicht in unserem Namen, dem des hungrigen Bürgers. Im Namen aller deutschen Bratwurstesser.

Tränen kullerten meine Wange hinunter. Ich sang statt „ich hatt‘ einen Kamerad“, das auf der Trompete gespielt wurde, lieber „drei Schweine saßen an der Leine“. Es störte niemanden. Ich muss Torsten Heinrich danken, dass ich an seinem Gedenkmarsch teilnehmen durfte. Er bescherte mir einen der emotionalsten Augenblicke in meinem Leben. Daher kann ich nur danke sagen. Danke. Und quiekquiek.

Hunter S. Heumann

Ein Nekrolog auf die Punkerseite (von Hunter S. Heumann)

(Erschienen im Letzten Hype #14:)

Nie wieder Klarer mit Orangensaft an der Leonhard-Frank-Promenade

In Würzburg setzt man sich nicht einfach auf diese oder jene Wiese am Fluss. Es war von jeher eine politische Entscheidung, an welchen Plätzen man die warme Jahreszeit verbringen wollte. Niemand, der klar von Verstand und reich an klaren Schnäpsen ist, kann es nur eine Sekunde an den Mainwiesen in der Sanderau oder am Alten Kranen aushalten. Zu unerträglich sind die akademisch Verwahrlosten, die zwischen zwei Proseminaren mal wieder das Jonglieren üben oder mit Proseccofläschchen um sich werfen, wenn mal wieder ein Junggesellenabend ansteht. Sowohl auf den Grünflächen der Sanderau als auch am Alten Kranen haben sich über die Jahre unterschiedliche Szenen angesiedelt, mit denen erlebnisorientierte Jugendliche, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wenig zu tun haben wollen.
In der Sanderau haust das alternative und sportive akademische Milieu. Man spielt Federball, sitzt auf Batikpicknickdecken oder liest Hermann Hesse. Mensagänger und andere Steppenwölfe führen hier die tödlich langweiligen Gespräche des Nachmittags fort und ab und zu packt jemand die Gitarre aus, um die Anwohner mit dem Liedgut von Manu Chao zu geißeln.
Am Alten Kranen hingegen sitzt derjenige Teil der Studentenschaft, der sich, statt Gerstensaft zu trinken, lieber einen Prosecco hinter die Binde kippt, und am späteren Abend erfolglos versucht, sich rhythmisch zu Musik zu bewegen. Neben dem Homo Freibieriensis findet man am Alten Kranen noch eine schlimmere Spezies Mensch, besonders am Wochenende: Junggesellen auf Abschiedstour. Die unmanierlichen Jungs vom Lande kommen in die große Stadt, um Frauen an den Hintern zu fassen. Der einzige zivilisatorische Lichtblick ist die Tatsache, dass die stockbesoffenen Herrenrunden im Laufe des Abends auf andere aggressive Junggesellenabschiede treffen. Im besten Fall springen ein paar blutige Lippen dabei heraus, im noch besseren Fall muss der Bräutigam die Nacht sogar in der Ausnüchterungszelle verbringen.
Und jetzt hat es die Stadt untersagt, sich weiterhin an der Leonhard-Frank-Promenade zu betrinken. An der einzigen Stelle, die der Hässlichkeit Würzburgs entsprach. Hier spielte man nicht auf der Gitarre, sondern mit dem Feuer. Hier jaulte kein Singersongwriter, sondern Hassi, der Straßenköter. Damit ist es nun zu Ende. Im Spätsommer des letzten Jahres – freilich völlig ohne eine leiseste Vorahnung, dass es der letzte Schweinesuff dieser Art werden würde- besuchte ich das letzte Mal das Ufer am Fuße des Mainviertels. Blicken sie mit mir zurück auf einen typischen Abend an Unterfrankens beliebtesten Punkerstrand.
Eigentlich war es schon bitter kalt am Ende des letzten Septembers. Dennoch kam die fixe Idee auf, mal wieder an den Main zu gehen. Um zehn nach acht standen wir, zur großen Freude der mürrischen Einzelhandelskauffrau, an der Lidlkasse, mit einer Buddel Korn, einer Flasche Klaren und etwas, das vorgaugelte, Orangensaft zu enthalten, bewaffnet. Eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kulturtechnik, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, ist die Beschaffung von Alkohol zu billigen Preisen. Gerade in den Zeiten kriselnder Weltmärkte ist es unverzichtbar, für unter 3,50 Euro sternhagelvoll zu werden. Neben einigen eher unempfehlenswerten Methoden, die blind machen oder Lähmungserscheinungen hervorrufen können, eignet sich Branntwein vom Discounter. Da es jedoch schwierig ist, das Zeug hinunterwürgen, sollte man den Schnaps stets mit süßen Getränken mischen. Wichtig ist das Mischverhältnis: Bei zwei Teilen Saft und einem Teil Getränk liegt die Schmerzgrenze. Die notwendige Flüssigkeitsmenge richtet sich nach dem Körpergewicht. Lange Rede kurzer Sinn: Wir begaben uns zur Leonhard-Frank-Promenade, um ein paar Freunde zu treffen. Hier und da saßen andere Runden am Main, es roch nach verbranntem Karton, das ein paar Menschen in ihrer Mitte angezündet hatten, um sich Dosenravioli warm zu machen (was selbstverständlich von geringem Erfolg gekrönt war). Einige Menschen spielten Knochenfabrik, Eisenpimmel oder Räuberhöhle auf ihrem Casio, und wie ein gespenstischer Nebel lag ein Klangteppich aus Hundegebell, klirrenden Flaschen und Gegröhle über den finsteren Wiesen. Es klang wie Musik. Wie die Musik eines Orchesters, das keine Musikinstrumente benötigt, da der Sound einer zerberstenden Flasche auf dem Asphalt einen viel schöneren, reineren Klang erzeugen kann. Heute Abend zählte nur die Flucht, nur die Verweigerung gegenüber dem Rest dieser Stadt, nur das Chaos inmitten der verwalteten Welt. Wir saßen und tranken. Obwohl es in dieser Nacht bitterkalt wurde, wärmte uns die hochprozentige Glut. Leonhard Frank wäre entzückt gewesen, hätte er die Räuberbande beobachtet, die von einem Schiff, das am Main seinen Anker gesetzt hatte, einen Kasten Bier vom Deck entwendete. Die prägendste Erinnerung an diese Nacht ist jedoch der junge Ausreißer, mit dem wir Bekanntschaft machten: Er hatte sich ein zerfetztes Sofa vom Sperrmüll organisiert. Er wohnte auf dem Möbelstück, seit Wochen. Das schmucke Einfamilienhaus seiner Eltern war wie eine Gummizelle für ihn geworden. Hier in Würzburg, inmitten der anderen Suchenden, hat er etwas gefunden, das er Freiheit nannte. Trotz des Alkohols bibberte er vor Kälte. Doch irgendwann des Nachts übermannte ihn dennoch irgendwann der Schlaf. Ein Freund von mir holte ihm eine Rettungsdecke aus dem Auto, mit dem wir ihn einpackten.
Da schlief er nun. Wie ein Kind. Sollten wir jemals in einer Welt leben, in der die Guten gewonnen haben, würde eine Statue an den jungen Ausreißer aus Mittelfranken erinnern. Denn er und die anderen zweifelhaften Gestalten am Main standen für eine Freiheit, die diesen Frühling verboten wurde.
Leonhard-Frank-Promenade: Es war schön mit dir. Ruhe in Frieden.

Von Hunter S. Heumann