Archiv der Kategorie 'Aktuelles'

Liebe Nürnberger Jungantifaschisten,

vor ein paar Wochen beobachtete man ein paar von Euch bei einer Art Sightseeingtour zum Iranischen Streikzelt nach Würzburg. Schnell ein Foto schießen mit Eurem neuesten Hochglanztranspi vor dem Flüchtlingscamp, dann wieder abdüsen, das ist gelebte Solidarität. Ich will Euch das nicht krumm nehmen: Wer rastet, der rostet, das gilt auch für den jungen Revolutionär. Wie sagte schon Napoleon? Vier Sekunden rastet der Revolutionär, fünf der Bürger und mehr als sechs nur ein Idiot. und bestimmt musstet Ihr am selben Tag noch einige weitere Fotos schießen, von Occupycamps zum Beispiel, um echte Solidarität zu leben, auf Flickr und Facebook.

Mit dem Fotolächeln war es aber schnell zuende, als Ihr auf einem Zigarettenautomaten einen Sticker entdecktet, auf dem Fight Hamas- support Israel! stand. Reflexartig und äußerst erbost überklebte ein Jungantifaschist den Aufkleber sofort mit einem Sticker, auf dem Hier wurde Naziprogaganda überklebt! stand.

Ich bin nicht davon überrascht, dass es in der Nürnberger Linken Personen gibt, die Israel für einen faschistischen Staat und die Hamas für eine emanzipatorische Bewegung halten. Dies weiß ich schon seit zehn Jahren. Überrascht hat mich jedoch, dass die Szene zehn Jahre später noch immer Jungantifaschisten ausbrütet, denen die Zornesröte im Gesicht steht, wenn sie mit Israel konfrontiert werden.

Aber halt, liebe Nürnberger Antifaschisten, Ist das Würzburger Streikcamp nicht der falsche Ort, wenn Eure Achse des Widerstands Nürnberg-Gaza-Teheran heißt? Vielleicht habt Ihr bei Eurer kurzen Reise nach Würzburg gar nicht gemerkt, dass es sich bei den Iranern am Streikcamp nicht um Unterstützer des „Antiimperialisten“ Ahmadinedschad handelt, sondern um Regimegegner? Meine Empfehlung: Nächstes Mal einfach im Zug sitzenbleiben, nach Frankfurt weiterfahren und dort einen echten Teil der Achse des Widerstands besuchen. Das Iranische Generalkonsulat ist bestimmt ein paar Solifotos wert.

Hoch die internationale Schnapsproduktion! Und immer Akku raus.
Euer Hunter

NPD-Truck in Würzburg

Nur eine kurze Info, da die üblichen Verdächtigen bisher noch nicht berichteten: Am Donnerstag kommt wohl die NPD mit ihrem Wahlkampftruck nach Würzburg: Hier nachzulesen.

Als hätte man auf mich gehört…

…hat Wolfgang Jung einen tatsächlich lesenswerten Artikel über Heike Pauline Grauf geschrieben, der sich vom groben, bratwurstjournalistischen Geschreibsel seiner KollegInnen deutlich unterscheidet.

Verfassungsschutz und Linke II

…und dieser „VS-Bericht“ von Karl Marx erinnert mich an viele meiner FreundInnen, zu finden hier.

Spitzelbericht der preußischen Polizei
über Karl Marx von 1852/53

Der Chef dieser Partei (der Kommunisten) ist Karl Marx; die Unterchefs sind Friedrich Engels in Manchester; Freiligrath und Wolff (Lupus genannt) in London; Reine in Paris; Weydemeyer und Cluß in Amerika; Bürgers und Daniels waren es in Köln; Weerth war es in Harnburg. Alle außer diesen sind nur einfache Mitglieder. Der schaffende und handelnde Geist, die eigentliche Seele der Partei ist aber Marx; darum will ich Sie auch mit seiner Persönlichkeit bekannt machen.

Marx ist von mittlerer Statur, 34 Jahre alt; trotz seines besten Alters werden seine Haare schon grau; seine Gestalt ist kräftig; seine Gesichtszüge mahnen sehr an Szenere (einen ungarischen Revolutionär), nur ist sein Teint mehr braun, sein Haar und Bart ganz schwarz; letzteren rasiert er gar nicht; sein großes, durchdringend feuriges Auge hat etwas dämonisch Unheimliches; man sieht ihm übrigens auf den ersten Blick den Mann von Genie und Energie an; seine Geistesüberlegenheit übt eine unwiderstehliche Gewalt auf seine Umgebung aus, Im Privatleben ist er ein höchst unordentlicher, zynischer Mensch, ein schlechter Wirt; er führt ein wahres Zigeunerleben, Waschen, Kämmen und Wäschewechsel gehört bei ihm zu den Seltenheiten; er berauscht sich gern. Oft faulenzt er tagelang, hat er aber viel Arbeit, dann arbeitet er Tag und Nacht mit unermüdlicher Ausdauer fort; eine bestimmte Zeit zum Schlafen und Wachen gibt es bei ihm nicht; sehr oft bleibt er ganze Nächte auf, dann legt er sich wieder mittags ganz angekleidet aufs Kanapee und schläft bis abends, unbekümmert um die ganze Welt, die bei ihm frei aus- und eingeht.

Seine Gattin ist die Schwester des preußischen Ministers von Westphalen, eine gebildete und angenehme Frau, die aus Liebe zu ihrem Mann sich an dieses Zigeunerleben gewöhnt hat und sich in diesem Elend nun ganz heimisch fühlt. Sie hat zwei Mädchen und einen Knaben, alle drei Kinder sind recht hübsch und haben die intelligenten Augen des Vaters.

Als Gatte und Familienvater ist Marx, trotz seines sonst unruhigen und wilden Charakters, der zarteste und zahmste Mensch. Marx wohnt in einem der schlechtesten, folglich auch billigsten Quartiere von London. Er bewohnt zwei Zimmer, das eine mit der Aussicht auf die Straße ist der Salon, rückwärts ist das Schlafzimmer. In der ganzen Wohnung ist nicht ein reines und gutes Stück Möbel zu finden, alles ist zerbrochen, zerfetzt und zerlumpt, überall klebt fingerdicker Staub, überall die größte Unordnung. In der Mitte des Salons steht ein altväterlicher großer Tisch, mit Wachsleinwand behangen. Auf diesem liegen seine Manuskripte, Bücher, Zeitungen, dann die Spielsachen der Kinder, das Fetzenwerk des Nähzeugs seiner Frau, dann einige Teetassen mit abgebrochenen Rändern, schmutzige Löffel, Messer, Gabeln, Leuchter, Tintenfaß, Trinkgläser, holländische Tonpfeifen, Tabakasche, mit einem Wort alles drunter- und drüber gehäuft, und alles dies auf einem einzigen Tisch.

Wenn man bei Marx eintritt, werden die Augen von dem Steinkohlen- und Tabaksqualm derart umflort, daß man im ersten Augenblick wie in einer Höhle herumtappt, bis sich der Blick mit den Dünsten allmählich befreundet und man wie im Nebel einige Gegenstände ausnimmt. Alles ist schmutzig, alles voll Staub, mit dem Niedersitzen ist es eine wahrhaft gefährliche Sache. Da steht ein Stuhl nur auf drei Füßen, dort spielen die Kinder und machen ihre Küche auf einem anderen Stuhl, der zufällig noch ganz ist. Richtig, den trägt man dem Besucher an, aber die Kinderküche wird nicht weggeputzt, setzen Sie sich, so riskieren Sie ein Paar Beinkleider. Alles dies bringt aber Marx und seine Gattin durchaus in keine Verlegenheit. Man empfängt auf das freundlichste, man trägt Pfeife, Tabak und was eben da ist mit Herzlichkeit an. Eine geistreiche angenehme Konversation ersetzt endlich die häuslichen Mängel, macht das Ungemach erst erträglich. Man söhnt sich mit der Gesellschaft sogar aus, findet diesen Zirkel interessant, ja originell. Das ist das getreue Bild von dem Familienleben des Kommunistenchefs Marx.

Aus: H.M. Enzensberger, Gespräche mit Marx und Engels. Insel Tb 19.

Verfassungsschutz und LINKE I

Der Verfassungsschutz müsste hunderte neue MitarbeiterInnen einstellen, würde er alle Land- und BundestagspolitikerInnen überwachen, die Israel nicht trotz, sondern wegen Auschwitz kritisieren und Israelkritik als leidenschaftlich betriebene deutsche Volkssportart betreiben. Und man merkt spätestens, dass es keine objektive staatliche Extremismusbekämpfung gibt, wenn man vergeblich nach dem Namen Martin Hohmann in den Archiven des VS sucht.

Die Priorität des Verfassungsschutzes ist eine andere, was die Offenlegung der vom VS überwachten Abgeordneten der LINKEN ein weiteres Mal beweist. Es geht eben nicht nur um den Schutz des Grundgesetzes, sondern auch um parteipolitische Intentionen unter dem Deckmantel des „politikwissenschaftlichen“ Extremismusbegriffs. Sich offenbar der nötigen massiven Etaterhöhung für den VS bewusst, wenn es um eine grundlegende Übewachung zweifelhafter IsraelkritikerInnen ginge, hält man Gregor Gysi, Petra Pau und Katja Kipping offenbar für gefährlicher als leidenschaftliche AntizionistInnen wie Inge Höger, Annette Groth und Sevim Dağdelen.

Ein besonderes Schockervideo bietet Stefan Ziefles Vortrag vom „Marx is Muss“ Kongress 2010 mit dem Thema „Ist Kritik an Israel antisemitisch“, mit dem sich hier schon intensiv auseinandergesetzt wurde.
Niemand, der dieses Video gesehen hat, kann danach noch behaupten, es gäbe keine problematische linke „Israelkritik“. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass ein Teil der LINKEN dies auch weiterhin behaupten wird.

Stefan Ziefle – Ist Kritik an Israel Antisemitisch? from marx21 on Vimeo.

Mein Leben als Hater

Jede Rap-Kapelle braucht einen berufsmäßigen Hater, um sich selbst interessant zu machen. Als mir eines Tages das fliegende Spaghettimonster vor der orthodoxen Kirche in der Zeller Straße begegnet ist, gab es mir den Auftrag, Plastic Borderline zu haten. Und seitdem mache ich eben, was ein Hater tun muss: Ich predige Hass gegen schlechte Rapmusik. Ich zahle sogar fünf Euro Eintritt zu einem Plastic-Borderline-Konzert, nur um böse in Richtung Bühne zu gucken und „BUH!“ zu rufen.

Jetzt habe ich mit Freude festgestellt, dass die Anzahl der Hater zunimmt.

Plastic Borderline, der Disstrack kommt bestimmt!
Und ja, ich schreibe Euren Crewnamen bewusst falsch, weil ich weiß wie es Euch aufregt!

Euer Simon Funk

EDIT: Die Hatewelle geht auf dem Würzblog weiter…

Verschöööönerungsverein!

Hey, ihr Heimatschützer vom Würzburger Verschönerungsverein,

seid ihr nicht sonst damit beschäftigt, die Blumen an Denkmälern, an die sich zurecht niemand mehr erinnern kann, zu gießen? Seid ihr nicht sonst immer dafür, historische Bauten zu erhalten, damit Würzburg in euren Heizdeckenhirnen immer das gute alte Postkartenmotiv bleibt?

Wenn das immer noch zutrifft, weshalb protestiert ihr nicht dagegen, dass Würzburgs schönste Ruine den kulturlosen, zeitgeistaffinen Architekten zum Opfer fällt und jetzt ein Hotelturm wird? Habt ihr nicht schon all die Jahre versagt, da ihr zugelassen habt, dass vor mittlerweile sechs Jahren die historische Inschrift aus der Frühgotik von dieser Ruine entfernt wurde?

Was wird uns noch zugemutet? Eine Autobahn durch den Ringpark? Ein Weltraumhafen auf der Marienfestung?
Wehret den Anfängen!

Euer Hunter (entsetzt)

Wahn und Wirklichkeit

Es fühlt sich so an, als sei die Erdrotation ins Stocken geraden. Als würde sich die Welt, wie wir sie kennen, immer langsamer drehen. Und niemand weiß, welche Macht sie wieder bewegen soll.
Die Erde dreht sich. Noch. Doch die erfahrbare Welt, wie wir sie kennen, scheint müde. Scheint nicht mehr imstande, ist weder gewillt noch fähig, sich selbst zu erneuern. Was wir von Welt kennen, ist noch vorhanden, nur verliert es seine Bedeutung. Politik, Gesellschaft, Vernunft, Emanzipation, Bürgerlichkeit, Aufklärung, all diese Elemente sind noch da. Doch kommen zu ihrem Ende.
Bilde ich mir nur ein, dass die Gesellschaft auf ein Ende zusteuert, und sich der Halm, an den sich der Pöbel klammert, die Barbarei ist? Wann habe ich das letzte mal mein Zimmer verlassen? Zum Tabakkaufen. Halb fünf.
Ist es der selbe Grauschleier, der die Welt in die Depression reißt, der mir vor Augen schwebt? Wenn er das wäre, müsste er nicht anderen auch ins Gesicht geschrieben stehen? Wie will ich das herausfinden, wenn ich die Menschen nicht mehr anblicken kann, mich ihnen nicht mehr widmen kann, weil der dunkle Schleier eine Marmorwand errichtet hat zwischen ihnen und mir.
Ich kann nur hoffen, dass ich depressiv bin. Alles andere wäre eine Katastrophe.

Zirkusaffen!

Zirkusaffen!

Da kampiert der Circus Henry, bei dem ihr Euch Eure Bananen verdient, über den Winter in der Marktgemeinde Zellingen, und Ihr seid einfach mal ausgebüxt, um Euch die Gegend anzusehen.

Nach wenigen Tagen in Freiheit bei „Wald Wasser Wein“ (Zellinger Selbstbeschreibung) wart ihr der drei W aber so überdrüssig, dass ihr aus purer Langeweile einfach wieder zum Käfig zurückgekehrt seid.
Um herauszufinden, wie öde die Gegend ist, habt ihr nur ein paar Tage gebraucht. Diese Erkenntnis gewinnen manche Unterfranken ihr ganzes Leben nicht.

Eine Banane auf Euch, ihr weisen Äffchen!
Euer Hunter

Würzburg und seine Denkmäler II

Wir nehmen hier einen Gesprächsfaden wieder auf, den wir, inspiriert von Berthold Kremmler, damals im Letzten Hype begonnen haben.

Berthold Kremmler hat sich zum zweiter mal auf dem Zunderblog mit der Problematik des Gedenkens am Volkstrauertag, unter besonderer Berücksichtigung von Fried Heulers Beitrag, beschäftigt.

Erneut lesenswert!

Austritt der Adelphia Würzburg / Würzburger Verhältnisse

Als im letzten Sommer alle Welt erfahren durfte, was eigenlich jeder wissen konnte, dass es in manchen Burschenschaften Rassisten gibt und dass der äußerste rechte Rand der Burschenschaften in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sich organisiert, da scheint sich auch etwas im Bewusstsein mancher Adelphen verändert zu haben.
Und dies meine ich in doppelter Hinsicht: Zum einen trat die Adephia Würzburg im September aus der Deutschen Burschenschaft aus. Zum anderen scheint ein bestimmter Burschenschafter es auch für sinnvoll gehalten zu haben, interne Dokumente der Adelphen bei Indymedia zu veröffentlichen. Damit steht die Würzburger Burschenschaft nicht alleine da: Ein gespenstisches Datenleck innerhalb der DB führte dazu, dass einige riesige Anzahl interner Dokumente veröffentlicht wurde, und das Datenleck ist noch immer nicht geschlossen worden .

:: DB Verbandstagung ::

Die Wende der Adephen kam schnell: Nicht einmal ein halbes Jahr zuvor trug man die Verbandstagung der DB in Würzburg aus, und zwar zusammen mit der Burschenschaft Arminia-Rhenania zu München, der vorsitzenden Burschenschaft der DB im Geschäftsjahr 2011. Die Adelphen luden die Teilnehmer der Verbandstagung zum Begrüßungsabend und zum Frühschoppen auf ihr Haus, die eigentliche Tagung fand in der Residenz statt.Es ist typisch für die Würzburger Verhältnisse, dass die eigentliche Verbandstagung einer kritikwürdigen burschenschaftlichen Dachverbands in der Residenz stattfinden konnte, ohne dass sich eine Stimme im medialen Diskurs dagegen erhebt. In anderen Städten mit einer immerhin kritischeren liberalen Öffentlichkeit wurde die Verbandstagung der DB in ihrer Stadt wenigstens thematisiert, in Würzburg bleibt dies dem schattigen Halbdunkel der Blogs und linken Politikzirkel überlassen. Der Eisenacher Burschentag Mitte Juni und das bundesweite mediale Echo stellte für viele Burschenschafter, auch für die Adelphen, eine Zäsur dar: Seitdem wirkt die DB wie ein aufgeschreckter Haufen Hühner, manche Hacken aufeinander ein, manche verlassen den Stall. In der Main-Post war davon freilich nichts zu lesen: Hatte sich doch Manfred Schweidler nur wenige Tage vor dem Burschentag solche Mühe gegeben, Kritik an Burschenschaftern als Ressentiment der Vergangenheit abzutun.

:: Der Austritt ::

Bevor wir zum eigentlichen Dokument kommen stellt sich natürlich die Frage, was jemanden dazu treibt, interne Dokumente der Burschenschaft auf Indymedia zu veröffentlichen. So detailreich, wie die Daten sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es sich um einen Datendiebstahl eines Externen handelt. Alle anderen Spekulationen über die genauen Gründe sollen hier nicht weiter verhandelt werden. Wir gehen im Folgenden davon aus, dass es beim Dokument um den echten Antrag handelt, der im September auf dem Bundeskonvent der Adelphen angenommen wurde.
Welch Gründe werden im Dokument aufgeführt? Wen die eigene adelphische Geschichtsphilosophie interessiert, weshalb man laut Aussage des Antragsstellers aufgrund von Vorgängen im 19. Jahrhundert nicht unbedingt in der DB sein muss, darf gerne selbst nachlesen. Unser Interesse gilt dem aktuellen Geschehen.
Zum einen ist ein wesentlicher Grund für den Austritt die Verbandspolitik der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, deren Bestreben es offensichtlich sei, „den Dachverband der Deutschen Burschenschaft zu majorisieren oder gar zu sprengen“. Man unterstellt der BG „rassistische Motive“. Es ist tatsächlich erfreulich, dass ein Burschenschafter erkennt, dass es in der BG Rassismus gibt und dass man sich gegen diesen stellt.
Ein anderer Grund ist das mittlerweile vollkommen ramponierte Image der DB. „Die enorme Resonanz in der Presse hat gezeigt, wie schädlich diese Provokation für das Bild von Verbindungen im Allgemeinen und Burschenschaften im Besonderen in der Öffentlichkeit ist.“ Besonders interessant wird es, wenn sogar die Burschenschafter Angst haben, der staatlichen Repression gegen Rechtsextremismus ausgeliefert zu sein: „Im Hinblick auf mögliche zukünftige Repressalien der Mitglieder, die im Staatsdienst sind“ will man der DB nämlich austreten. In der Würzburger Welt ist ja zum Glück noch alles in Ordnung: da ist Heinz Henneberger von der Kriminalpolizei gerade Fux. Ich denke, die Aktivitas muss sich also keine Gedanken machen, auf welcher Seite zumindest in Würzburg ein bestimmter Teil der Staatsgewalt steht.
Der Antragssteller geht sogar soweit, auch nicht-deutschen Studenten einen Platz bei den Adelphen anzubieten: „Es ist dem Unterzeichner nicht erkenntlich, warum nicht, wenn auch in Ausnahmefällen, ein Nichtdeutscher, der eine entsprechende akademische Ausbildung und humanistisches Gedankengut, sowie eine Befürwortung des christlich abendländischen (wobei christlich für den Unterzeichner gänzlich unerheblich ist) Wertegedanken pflegt, nicht ein Freund im Sinne des „amico semper amicus“ und damit Bundesbruder in der Adelphia sein können soll.“

:: alles anders? ::

Ist nun alles anders bei den Adelphen? So erfreulich es ist, dass man, wenn auch spät, erkannt hat, welche Tendenzen innerhalb der DB sich da ihren Weg bahnen, ist der Antrag doch durchzogen vom typischen Jargon der Burschenschaften: Es geht gegen den Zeitgeist (Sicherlich ist es an jedem Akademiker […] sich gerade nicht dem Zeitgeist und der öffentlichen Meinung zu beugen..“), was auch immer das genau sein soll, und gegen die Gutmenschen, wer auch immer dies genau sein soll („Man ist der ständigen Kritik der von links intellektueller Gleichmacherei und Pseudo-Toleranz geprägten Gutmenschen ausgesetzt“). Kurz: Mit dem Austritt der DB verändert sich nichts an der burschenschaftlichen Weltdeutung, nichts an den soldatischen Tugenden, nichts an der korporierten Erziehungsgemeinschaft qua autoritärer Konditionierung. Kurz: die Adelphia bleibt ein Gralshüter der deutschen Nation. (Wer aus der Linken versucht, allen Burschenschaften Rassismus zu unterstellen, unterminiert die Kritik an den Korporationen. Das Niveau der linken Kritik bleibt leider meist unter jedem Niveau.)
Besonders zweifelhaft bleibt der Antrag, weil man sich schon in der Präambel gegen die „Überfremdung“ der Burschenschaft ausspricht: „Der Unterzeichner möchte weder der Überfremdung der Adelphia Tür und Tor öffnen noch hat er ähnliches vor.“ Überfremdung ist ein klarer Kode der extremen Rechten, dies sollte auch dem Verfasser des Antrags klar sein.

Kurz erwähnt werden muss an dieser Stelle noch, dass die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg, welche sich in der Korporationslandschaft Würzburgs gerade zu etablieren versucht, nicht in den Würzburger Waffenring aufgenommen wurde. Das heißt, die BG-Teutonen müssen weiter alleine Fechten und werden nicht in der ganzen Korporationslandschaft begeistert begrüßt. Immerhin ein Anfang. Laut Aussage der Dokumente war dies allerdings ein Anliegen der Corpsstudenten, nicht der Adelphen.

Deutscher „Liberalismus“ III

Die Journaille gibt sich solche Mühe, die FDP mit Druckerschwärze zu vergiften, muss man wirklich noch etwas zum Niedergang der Partei schreiben, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, den deutschen „ Liberalismus“ zu repräsentieren? Man muss, weil soviele Bäume schon gerodet werden mussten, ohne dass ein gescheiter Satz über die FDP und das deutsche Bürgertum zu Papier gebracht wurde. Und erst wenn der letzte Baum gerodet wurde und der letzte „Liberale“ sein Bundestagsmandat verloren hat werdet ihr merken, dass die ideologische Flexibilität der FDP keinem Wahlkampfpopulismus geschuldet ist.

Aber first things first: Wenn Philipp Rösler vor den Berliner Abgeordnetenwahlen den eurofeindlichen Joker auspackt, der eigentlich eine Sieben beim Mau-Mau-Spiel war (wobei die FDP in Berlin nicht mal Zwei ziehen durfte), dann schwingt er nicht nur mal kurz die Populismuskeule. Denn die nationale Formierung der „Liberalen“ ist ein Element, das sowohl der FDP als auch der bundesrepublikanischen bürgerlichen Elite immanent ist.
Zuerst zur FDP: Keine andere Partei der alten und neuen Bundesrepublik zeigte sich derart ideologisch flexibel, so wankelmütig zwischen dem, was man politisch rechts und links nennt, keine Partei symbolisiert die Hydra des politischen Liberalismus auf eine solch vulgäre Weise wie die FDP. Seien es die Werner Naumanns, Jürgen Möllemanns oder Teile der aktuellen FDP-Mannschaft im Saarland: Die FDP war stets bereit, die Sakralhalle der deutschen Nation zu betreten, wenn es um das eigene Überleben ging. Irgendwo zwischen Ralf Dahrendorf, Friedrich August von Hayek, Gustav Stresemann und Jörg Haider pendelt das Programm der FDP seit über sechzig Jahren hin und her. Jeder, der bei „liberaler“ Eurofeindschaft von Wahlkampftaktik redet, hat sich das deutsch-nationale Ornament der Partei nicht angesehen, in der sich die deutsche Elite zuhause fühlt: Auf dem flachen Land sind Julis und FDP durchsetzt mit Korpsgeist und korporiertem Habitus, mit einem Milieu also, für das die deutsche Nation von einer geschichtsphilosophischen Aura umgeben ist, an deren Seite man selbst in der nationalistischsten Barbarei noch stehen will. Die Tatsache, dass die lautesten deutsch-nationalen Quälgeister in der FDP derzeit nichts zu melden haben, bedeutet nicht, dass sie nicht längst darauf warten, aus der FDP das zu machen, was ihre korporierten Freunde in Österreich aus einer anderen „liberalen“ Partei gemacht haben. Mit regelmäßigen nationalen Stoßseufzern oder Interviews mit der neurechten Journaille erinnert man die Stahlhelmvisagen an der Basis dennoch auch von der FDP-Spitze herab daran, dass man „da oben“ auch den nationalen Flügel der Partei nicht vergessen hat. „Liberale“ Eurofeindschaft ist also durchaus auch als Lebenszeichen an die WählerInnen zu verstehen.
Der politische Liberalismus, gerade in der Form des deutschen „Liberalismus“, ist stets doppelzüngig: Gerade in einer bürgerlichen Sinnkrise, wie wir sie gerade erleben, zeigt sich, dass das „Freiheitliche“ das Nationale enthält wie die Wolke das Gewitter. Denn der rechtliberale Teil des Bürgertums, der in den Rundfunkgebühren schon den Kommunismus tapsten hört, also gegen den Staatszentrismus der Linken sich ausspricht, muss die Gesellschaft mit einer nationalen Überhöhung kitten, damit die Menschen in ihrem sinnlosen Treiben dennoch zu wissen glauben, für wen sie jeden morgen zu ihrer scheiß Arbeit gehen. Gerade in Krisenerscheinungen des Kapitalismus muss dieser Teil des Bürgertums das Eigene überhöhen, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu wahren: Kurz, wer zur Nation gehört und wer nicht. Es ist interessant, wie sehr dieser Teil des „Liberalismus“ den staatlichen Kollektivismus hasst, den nationalen Kollektivismus jedoch lobpreist. Es mag für eine kommunistische, antideutsche Strömung reizvoll (gewesen) sein, im politischen Liberalismus ein aufklärerisches Element aufspüren zu wollen, das in diesem aufgehoben zu sein scheint. Man darf aber nicht vergessen, dass sich auf der anderen Seite der Wertmedaille ein nationales Element verbirgt, das in kürzester Zeit aus einem „liberal“-bürgerlichen Milieu einen Mob machen kann. Ein Bekenntnis zum Liberalismus darf bei einem Kneipendisput ein Argument gegen staatsaffirmative SpinnerInnen von der linken Seite des Tisches sein, Normativität ersetzt jedoch die Kritik der politischen Ökonomie in keinster Weise.

Im Grunde genommen ist der politische Liberalismus die Widerlegung der Extremismustheorie, die sowohl dem Verfassungsschutz als auch einem Teil der Politikwissenschaft ihre Daseinsberechtigung gibt: Dass auch im politischen Liberalismus ein Element aufgehoben ist, das die so genannte Freiheitlich-Demokratische Grundordnung gefährden kann ist dieser Theorie unerklärlich. Some call it dialectic.

In Zeiten einer schwächelnden FDP besteht die Gefahr , dass sich die deutsche Elite nicht mehr in einer Partei aufgehoben fühlt. Was für eine politische Kraft in Deutschland entsteht, wenn keine Partei mehr versucht, alle Strömungen des Liberalismus in sich aufzusaugen, können wir nur erahnen. Das europäische Ausland gibt jedoch das beste Beispiel dafür, was das Krisenrezept des europäischen Bürgertums ist.

Fortsetzung folgt…

Journalismus und Lobhudelei

Die Burschenschaft Adelphia hat am 19. Mai Josef Schuster, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, auf ihr Verbindungshaus geladen, auf dem dieser über jüdisches Leben in Würzburg referierte.

Morgen erscheint in der Mainpost eine Reportage des Journalisten Manfred Schweidler, die die besagte Veranstaltung eigentlich nur als Aufhänger benutzt, um die abgeschmackten Argumente, mit deren Hilfe Burschenschafter Kritik abzublocken wissen, als journalistische Objektivität zu vermarkten.

Bevor wir uns der Struktur des eigentlichen Artikels zuwenden, darf man sich natürlich zu anfang fragen, weshalb es ein Journalist der Mainpost für derart wichtig hält, über eine Veranstaltung zu berichten, die von rund zwanzig Menschen besucht wird, von denen ein Großteil sowieso „Vereinsmitglieder“ sind. Man kann sich schwer vorstellen, dass für Schweidler nicht schon von vorneherein klar war, dass er mit seiner Reportage die Adelphen ins rechte Licht rücken wollte. Genau hier liegt überhaupt die Tücke der reportagenhaften Darstellungsform: Dass man durch diese in blumiger Weise eine persönliche Meinung als journalistische Wahrheit darstellen kann.

Schweidler beginnt seinen Text mit einer rhetorischen Aussage:
Burschenschaften wie der Adelphia geht der Ruf voraus, ein Relikt der Vergangenheit zu sein: autoritäre Männerbünde, die bunte Mützen tragen, ritualisiert trinken, singen oder fechten und mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.
Der Autor hegt überhaupt nicht das Interesse, diese Aussagen zu widerlegen. Wie auch? Die Adelphen sind ein autoritärer Männerbund, in dem ritualisiert getrunken wird, es wird gefochten und man trägt bunte Mützen. Man pflegt freundschaftliche Kontakte zur Normannia Heidelberg, die die antisemitischen Ausschweifungen Martin Hohmanns als Flugblatt veröffentlichte. Man lädt Hannes Kaschkat auf das Adelphenhaus, der als Rechtaußen der Burschenschafter gilt. Man ist in der Deutschen Burschenschaft, mit der einige andere korporierte Verbände aufgrund der mangelnden Abgrenzung zum Rechtsextremismus nichts mehr zutun haben wollen und in deren Reihen sich z.B. die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen befindet, welche drei führende NPD-Mitglieder zu ihren Mitgliedern zählt.
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um einen Ruf, der der Burschenschaft ganz zu Unrecht vorauseilt. Statt die Einwände der BurschenschaftsgegnerInnen wenigstens einer oberflächlichen Überprüfung zu unterziehen, darf Kriminaloberrat Heinz Henneberger, der Mitglied bei den Adelphen ist, die Kritik abschmettern:
Die Wirklichkeit sieht heute anders aus als das Klischee, das uns aufgeklebt wird“.
Damit ist das Thema abgehakt. Der korporierte Polizist hat gesprochen. Amen.

Stattdessen prüft Schweidler einen ganz anderen Vorwurf, der aus der plumpesten Ecke der linken Korporationskritik stammt: Nämlich den, dass Burschenschafter zwangsläufig Antisemiten seien. Dieser Vorwurf ist für viele mit dem anfangs aufgeführten Punkt verbunden, dass Burschenschafter „mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.“ Für viele der MainpostleserInnen ist keineswegs klar, dass man mit dem rechten Rand des politischen Spektrums symphatisieren kann, ohne AntisemitIn zu sein. Und vielleicht weiß nicht einmal der Autor, dass es nicht nur in den Reihen der „extremistischen“ Parteien Menschen gibt, die völkisch-rechtem Gedankengut anhängen. Schweidler aber erklärt seiner LeserInnenschaft eigentlich, dass Burschenschafter nicht die kahlgeschorenen Naziskins sind, die als Klischee in den Köpfen vieler Menschen auftauchen, wenn sie an den rechten Rand des politischen Spektrums denken. Der Autor hebt daher, neben dem Inhalt von Schusters Vortrag, die ritualisierte Diszipliniertheit der Burschenschafter hervor.
Gelegentlich erhebt sich einer der 25 Zuhörer, nimmt formell – wie es bei den Burschenschaften Brauch ist – seine orangene Kappe ab, ehe er höflich eine Frage stellt“.
Die/der LeserIn merkt: Die Typen mit den bunten Hüten, die können sich benehmen.
Am Ende wird der Repräsentant der jüdischen Gemeinden in Bayern bei der Burschenschaft mit einer Flasche (koscheren) Weines verabschiedet – und respektvollem Beifall. Wer anderes erwartet hatte, sah sich getäuscht.

Damit endet die Reportage, die Fragen stellt, und diese von den Burschenschaftern beantworten lässt. Die Grenzen zwischen Journalismus und Lobhudelei verschwimmen- und eine Reportage ist vorzüglich dazu geeignet, dies nicht auffallen zu lassen.

Liebes „Max & Julius“….

Liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“,

es ist Euch ja hoch anzurechnen, dass ihr herausgefunden habt, weshalb jemand „Solidarität mit Liebig 14″ an Eure Uniwände sprüht. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass ihr in die ACAB-Falle tappt und Liebig für einen türkischen Männervornamen haltet.
Aber halt mal, liebes „Unabhängiges Würzburger Hochschulmagazin Max & Julius“. Ihr fragt Euch am Schluss, „was jedoch die […] Slogans knapp 400 km entfernt vom Ort des Geschehens bringen sollen“?
Wenn Euch das schon zu weit ist, so hoffe ich doch, dass die AtomkraftgegnerInnen in Eurer Redaktion noch nicht gemerkt haben, dass Fukushima gut 9000 Kilometer weg ist.
Ein Tipp: Einfach mal einen längeren Spaziergang machen. Dann reicht der geistige Horizont vielleicht auch mal weiter als die 400 Schritte vom Studentenwohnheim zur Mensa.

Letzter Hype….ein Nachruf

Wenn man der Meinung ist, dass ein Nachruf dem Letzten Hype gerecht werden kann, dann ist folgender der beste, den man über den Hype schreiben kann.

Das Ende der Neun7

Gerüchte gibt’s ja viele (Zum Beispiel habe ich jetzt zwei mal gehört, dass Otto Walkes in Würzburg wohnt).

Offenbar stimmt aber das folgende: Die Neun7 erscheint kommenden Donnerstag zum letzten Mal (Quelle).

Ist schon schade, wenn der Lieblingsfeind verschwindet. Dürfen wir uns nun auf ein Comeback der Boulevard Würzburg freuen?

Hausverbot für Gunter Gabriel!

Was für eine schreckliche Vorstellung, in eine Kneipe zu gehen und Gunter Gabriel, den dunklen Herrscher des teutonischen Kitschcountry, zu treffen.
Aber im Red Lion hat man sich anscheinend tierisch gefreut, durfte man aus der Mainpost erfahren.
Wirte, die dem Gruselbarden nicht sofort Hausverbot erteilen, haben sowieso keinen Respekt verdient.
Und überhaupt:
Statt in Würzburg faul in der Kneipe rumzulungern, soll er lieber mein Boot streichen und sich eine gescheite Arbeit suchen (Ein hoch auf DJ Koze):

Finde den Unterschied….

Neun7 und die JungleWorld hatten an diesem Donnerstag recht ähnliche Ideen für ihr Titelbild. Finde den Unterschied!

SPON: „Selbsternannte Anarchisten“

Die Journaille ist reich an Sprache, aber arm an Geist. Und bedruckte oder digitale Seiten müssen ja auch gefüllt werden. Mit Füllwörtern beispielsweise.
„Mitunter“ ist so ein schönes Wörtchen, dessen Bedeutung, von der Süddeutschen Zeitung bis zum hinterletzten Blog (dem Letzten Hype zum Beispiel), sich niemand mehr entsinnen kann. Klingt aber nach guter Sprache, so ähnlich wie „sich gerieren“.
Bei SPON heißt es heute zu einer aufgebrachten Schar von griechischen Demonstranten, die ein Krankenhaus gestürmt hat, um einen verletzten Demonstranten zu besuchen:

„Eine Gruppe von 150 selbsternannten Anarchisten stürmte am Mittwoch ein Krankenhaus in Athen.“

Was fällt diesen „Anarchisten“ ein, sich selbst zu ernennen! Da könnte ja jeder kommen!
In Deutschland nennt man sich nicht einfach, man wird ernannt. Vom König, dem Staate oder der Handelskammer. Deshalb gibt es Parteibücher, Vereinsposten und gelernte Fachkräfte für Süßwarentechnik.

Meine Frage an SPON: Was soll das sein, ein nicht selbsternannter Anarchist? Und wer darf ihn denn ernennen? Bakunin, Kropotkin oder doch der Bundespräsident?

Was macht eigentlich…. die Heimatfront?

Erinnern Sie sich noch an den Aufmarsch an der Würzburger Heimatfront im letzten Frühling?
Nein?
Dann geht’s ihnen wie den 125.000 anderen Würzburgern, denen die Demo der Buntkappenträger völlig wurscht war.
Zur Gedächtnisauffrischung: Torsten Heinrich, M.A., schnappte sich eine Deutschlandfahne, lud ein paar Freunde mit und ohne Couleur ein und marschierte dann ein paar Samstage durch die Würzburger Innenstadt, um der gefallenen Soldaten in Afghanistan zu gedenken.
Da ab dem Spätsommer die Seite soldatengedenken.de down war, hoffte ich schon, dass der gescheiterte Versuch, das ganze in Berlin mit mehr Teilnehmern aufzuziehen, den Power-Bundi endgültig desillusioniert hatte.

Mitnichten!
Wir müssen ja alle gucken, wo wir bleiben. Und gerade die Magister unter den Akademikern haben es bald schwer im Beruf. Schon jetzt weiß ja an sich niemand mehr, was die Abkürzung M.A. bedeutet. Und auch mit Kriegskitsch lassen sich vielleicht ein paar Unzen verdienen. Zumindest hoffe ich das für Torsten Heinrich.
Denn bei soldatengedenken.de beginnt erst die Heimatfront. Der Frontverlauf führt uns über soldatenfreund.de zu salonstratege.de.

Bei soldatenfreund.de („Die Seite für Soldaten“) können sich alle Krautkrieger darüber erkundigen, welche Vergünstigungen sie bei Vorlage eines Soldatenausweises in Geschäften erhalten können. Bisher gibt es leider noch nicht viel zu bestaunen, außer ein paar Angebote bei Massage- und Sonnenstudios. Dabei wäre das Angebot doch noch erweiterbar:
- bei der dritten Schussverletzung zahlt die Krankenkasse ein Einzelzimmer
- jeder Soldat auf längerem Auslandsaufenthalt erhält für die Bespitzelung seiner Ehefrau zehn Prozent Rabatt bei einem Privatdetektiv
- beim Kauf von drei Büchern bekommen Soldaten „Im Westen nichts Neues“ gratis dazu
- Portofreie Versendung der Zeitschrift „Pralle Möpse“ zu den Soldaten im Ausland etc.. pp.

Salonstratege.de („Das moderne Militärmagazin“) dagegen ist eine Art „Men’s Health“ für Männer mit Gewalt- und Stiefelfetisch. Hier werden Kriegsmaschinerie vorgestellt und Kriegsspiele getestet.
Der Name lässt mich schmunzeln: Wie sieht er aus, der Salonstratege? Sitzt er zuhause in seinem Sessel, hat seine Holzbeine hochgelegt, raucht Pfeife und erzählt wie Opa vom Krieg? Ist er froh mal etwas anderes tun zu können als dauernd mit seinen Kindern „Schiffe Versenken“ zu spielen? Ist der Durchschnittssalonstratege eher ein Counterstrikespieler, der gerade einen Amoklauf plant oder ein Spielenarr, dem RISIKO einfach irgendwann nicht mehr genug war? Fragen über Fragen.
Ich bleibe lieber Salonmarxist.

Stell dir vor es gibt die Heimatfront, und keiner geht hin.

Presseschau II

Liebe Neun7,

herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen Titelgeschichte. Bei Deinen hundert Gründen, „warum das Leben auf dem Land so liebenswert ist“, hast Du wirklich fast nichts vergessen: Besonders wichtig sind mir natürlich Nr.55 („Beatabende“), Nr. 72 („Hausschlachtungen“) und nicht zu vergessen Nr. 79 („Asbach-Cola“).
Verdammt, ich hätte fast vergessen wie schön es doch früher war, bei den Rapsfeldern.

Abgerundet wird Deine Titelstory natürlich- wie immer- von den sexy Fotos. Die Bilder von den heißen Landmadeln, die sich natürlich im letzten Bild gerne ihre Oberteile ausziehen (auf dem Land sind die Frauen ja nicht so kompliziert wie in der Stadt): Großartig! Perfekt für eine Zielgruppe, die sich aus jungen Akademikern und sexuell frustrierter Arbeitern zusammensetzt. Für die Ersteren ist deine Zeitung die passende Ablenkung während des Proseminars, für die Zweiteren sind Eure sexy Photos die passende „Anregung“ für ihre Mittagspause. Eine Symbiose aus NEON und BlitzIllu: der nächste Medienpreis kommt bestimmt!

Aber nun noch etwas, Neun7. So ganz einverstanden war ich dann doch nicht mit Deinen Gründen für das Landleben. Wenn Du den Grund „Am Landleben mag ich das Bodenständige, Ursprüngliche“ schon ausgerechnet auf der Nr. 18 plazierst, dann wäre es nur folgerichtig, wenn auf der 88 auch „Weil hier Deutschland noch deutsch ist“ stünde.

Herzlichst, Dein Hunter S. Heumann

„Wir Franken gegen Atomstrom“

Patriotismus, das ist immer der Versuch, seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zu entkommen, sich Selbst als souveränes Ganzes zu imaginieren. Nichts bringt die Vorstellung des phantastischen Ganzen besser zur Sprache als der Du-bist-Deutschland-Slogan. Und jede Fußballweltmeisterschaft beweist, wie sehr die Deutschen diesem Gebot Folge leisten wollen.
Durch die neue Verbindung von Atomausstieg und Staatsräson war eigentlich längst abzusehen: Fanmeilendeutschland kann nun auch Antiatombewegung.

Und so kann man nun im Onlineshop von gesundepferdewelt.de/Werneck tolle Fahnen bestellen: Beispielsweise einen Frankenrechen, auf dem „Wir Franken mobil gegen Atomstrom“ steht oder, Dasselbe in Grün, mit der deutschen Flagge. Das Ganze kann man natürlich auch als Autofahne („keep the Fanmeilenfeeling alive!“) bestellen. Auch die Tiere werden zu deutschen Atomkraftgegnern gemacht: Neben der Verkaufsempfehlung der deutschen Antiatomfahne erfahren wir nämlich, dass in „Unserem schönen Land […] 5 Mio Hunde, 7 Mio Katzen, 1 Mio Pferde, 12 Mio Rinder, 26 Mio Schweine, 2 Mio Schafe, 42 Mio Legehennen – und Millionen von Vögeln, Kleintieren, Wildtieren und Insekten“ leben.
Den Patrotismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.

Wir sehen uns dann beim Autokorso in der Sanderstraße, wenn der nächste Meiler abgeschaltet wird.