Archiv der Kategorie 'AK Kritische StudentInnen'

Austritt der Adelphia Würzburg / Würzburger Verhältnisse

Als im letzten Sommer alle Welt erfahren durfte, was eigenlich jeder wissen konnte, dass es in manchen Burschenschaften Rassisten gibt und dass der äußerste rechte Rand der Burschenschaften in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sich organisiert, da scheint sich auch etwas im Bewusstsein mancher Adelphen verändert zu haben.
Und dies meine ich in doppelter Hinsicht: Zum einen trat die Adephia Würzburg im September aus der Deutschen Burschenschaft aus. Zum anderen scheint ein bestimmter Burschenschafter es auch für sinnvoll gehalten zu haben, interne Dokumente der Adelphen bei Indymedia zu veröffentlichen. Damit steht die Würzburger Burschenschaft nicht alleine da: Ein gespenstisches Datenleck innerhalb der DB führte dazu, dass einige riesige Anzahl interner Dokumente veröffentlicht wurde, und das Datenleck ist noch immer nicht geschlossen worden .

:: DB Verbandstagung ::

Die Wende der Adephen kam schnell: Nicht einmal ein halbes Jahr zuvor trug man die Verbandstagung der DB in Würzburg aus, und zwar zusammen mit der Burschenschaft Arminia-Rhenania zu München, der vorsitzenden Burschenschaft der DB im Geschäftsjahr 2011. Die Adelphen luden die Teilnehmer der Verbandstagung zum Begrüßungsabend und zum Frühschoppen auf ihr Haus, die eigentliche Tagung fand in der Residenz statt.Es ist typisch für die Würzburger Verhältnisse, dass die eigentliche Verbandstagung einer kritikwürdigen burschenschaftlichen Dachverbands in der Residenz stattfinden konnte, ohne dass sich eine Stimme im medialen Diskurs dagegen erhebt. In anderen Städten mit einer immerhin kritischeren liberalen Öffentlichkeit wurde die Verbandstagung der DB in ihrer Stadt wenigstens thematisiert, in Würzburg bleibt dies dem schattigen Halbdunkel der Blogs und linken Politikzirkel überlassen. Der Eisenacher Burschentag Mitte Juni und das bundesweite mediale Echo stellte für viele Burschenschafter, auch für die Adelphen, eine Zäsur dar: Seitdem wirkt die DB wie ein aufgeschreckter Haufen Hühner, manche Hacken aufeinander ein, manche verlassen den Stall. In der Main-Post war davon freilich nichts zu lesen: Hatte sich doch Manfred Schweidler nur wenige Tage vor dem Burschentag solche Mühe gegeben, Kritik an Burschenschaftern als Ressentiment der Vergangenheit abzutun.

:: Der Austritt ::

Bevor wir zum eigentlichen Dokument kommen stellt sich natürlich die Frage, was jemanden dazu treibt, interne Dokumente der Burschenschaft auf Indymedia zu veröffentlichen. So detailreich, wie die Daten sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es sich um einen Datendiebstahl eines Externen handelt. Alle anderen Spekulationen über die genauen Gründe sollen hier nicht weiter verhandelt werden. Wir gehen im Folgenden davon aus, dass es beim Dokument um den echten Antrag handelt, der im September auf dem Bundeskonvent der Adelphen angenommen wurde.
Welch Gründe werden im Dokument aufgeführt? Wen die eigene adelphische Geschichtsphilosophie interessiert, weshalb man laut Aussage des Antragsstellers aufgrund von Vorgängen im 19. Jahrhundert nicht unbedingt in der DB sein muss, darf gerne selbst nachlesen. Unser Interesse gilt dem aktuellen Geschehen.
Zum einen ist ein wesentlicher Grund für den Austritt die Verbandspolitik der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, deren Bestreben es offensichtlich sei, „den Dachverband der Deutschen Burschenschaft zu majorisieren oder gar zu sprengen“. Man unterstellt der BG „rassistische Motive“. Es ist tatsächlich erfreulich, dass ein Burschenschafter erkennt, dass es in der BG Rassismus gibt und dass man sich gegen diesen stellt.
Ein anderer Grund ist das mittlerweile vollkommen ramponierte Image der DB. „Die enorme Resonanz in der Presse hat gezeigt, wie schädlich diese Provokation für das Bild von Verbindungen im Allgemeinen und Burschenschaften im Besonderen in der Öffentlichkeit ist.“ Besonders interessant wird es, wenn sogar die Burschenschafter Angst haben, der staatlichen Repression gegen Rechtsextremismus ausgeliefert zu sein: „Im Hinblick auf mögliche zukünftige Repressalien der Mitglieder, die im Staatsdienst sind“ will man der DB nämlich austreten. In der Würzburger Welt ist ja zum Glück noch alles in Ordnung: da ist Heinz Henneberger von der Kriminalpolizei gerade Fux. Ich denke, die Aktivitas muss sich also keine Gedanken machen, auf welcher Seite zumindest in Würzburg ein bestimmter Teil der Staatsgewalt steht.
Der Antragssteller geht sogar soweit, auch nicht-deutschen Studenten einen Platz bei den Adelphen anzubieten: „Es ist dem Unterzeichner nicht erkenntlich, warum nicht, wenn auch in Ausnahmefällen, ein Nichtdeutscher, der eine entsprechende akademische Ausbildung und humanistisches Gedankengut, sowie eine Befürwortung des christlich abendländischen (wobei christlich für den Unterzeichner gänzlich unerheblich ist) Wertegedanken pflegt, nicht ein Freund im Sinne des „amico semper amicus“ und damit Bundesbruder in der Adelphia sein können soll.“

:: alles anders? ::

Ist nun alles anders bei den Adelphen? So erfreulich es ist, dass man, wenn auch spät, erkannt hat, welche Tendenzen innerhalb der DB sich da ihren Weg bahnen, ist der Antrag doch durchzogen vom typischen Jargon der Burschenschaften: Es geht gegen den Zeitgeist (Sicherlich ist es an jedem Akademiker […] sich gerade nicht dem Zeitgeist und der öffentlichen Meinung zu beugen..“), was auch immer das genau sein soll, und gegen die Gutmenschen, wer auch immer dies genau sein soll („Man ist der ständigen Kritik der von links intellektueller Gleichmacherei und Pseudo-Toleranz geprägten Gutmenschen ausgesetzt“). Kurz: Mit dem Austritt der DB verändert sich nichts an der burschenschaftlichen Weltdeutung, nichts an den soldatischen Tugenden, nichts an der korporierten Erziehungsgemeinschaft qua autoritärer Konditionierung. Kurz: die Adelphia bleibt ein Gralshüter der deutschen Nation. (Wer aus der Linken versucht, allen Burschenschaften Rassismus zu unterstellen, unterminiert die Kritik an den Korporationen. Das Niveau der linken Kritik bleibt leider meist unter jedem Niveau.)
Besonders zweifelhaft bleibt der Antrag, weil man sich schon in der Präambel gegen die „Überfremdung“ der Burschenschaft ausspricht: „Der Unterzeichner möchte weder der Überfremdung der Adelphia Tür und Tor öffnen noch hat er ähnliches vor.“ Überfremdung ist ein klarer Kode der extremen Rechten, dies sollte auch dem Verfasser des Antrags klar sein.

Kurz erwähnt werden muss an dieser Stelle noch, dass die Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg, welche sich in der Korporationslandschaft Würzburgs gerade zu etablieren versucht, nicht in den Würzburger Waffenring aufgenommen wurde. Das heißt, die BG-Teutonen müssen weiter alleine Fechten und werden nicht in der ganzen Korporationslandschaft begeistert begrüßt. Immerhin ein Anfang. Laut Aussage der Dokumente war dies allerdings ein Anliegen der Corpsstudenten, nicht der Adelphen.

Journalismus und Lobhudelei

Die Burschenschaft Adelphia hat am 19. Mai Josef Schuster, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, auf ihr Verbindungshaus geladen, auf dem dieser über jüdisches Leben in Würzburg referierte.

Morgen erscheint in der Mainpost eine Reportage des Journalisten Manfred Schweidler, die die besagte Veranstaltung eigentlich nur als Aufhänger benutzt, um die abgeschmackten Argumente, mit deren Hilfe Burschenschafter Kritik abzublocken wissen, als journalistische Objektivität zu vermarkten.

Bevor wir uns der Struktur des eigentlichen Artikels zuwenden, darf man sich natürlich zu anfang fragen, weshalb es ein Journalist der Mainpost für derart wichtig hält, über eine Veranstaltung zu berichten, die von rund zwanzig Menschen besucht wird, von denen ein Großteil sowieso „Vereinsmitglieder“ sind. Man kann sich schwer vorstellen, dass für Schweidler nicht schon von vorneherein klar war, dass er mit seiner Reportage die Adelphen ins rechte Licht rücken wollte. Genau hier liegt überhaupt die Tücke der reportagenhaften Darstellungsform: Dass man durch diese in blumiger Weise eine persönliche Meinung als journalistische Wahrheit darstellen kann.

Schweidler beginnt seinen Text mit einer rhetorischen Aussage:
Burschenschaften wie der Adelphia geht der Ruf voraus, ein Relikt der Vergangenheit zu sein: autoritäre Männerbünde, die bunte Mützen tragen, ritualisiert trinken, singen oder fechten und mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.
Der Autor hegt überhaupt nicht das Interesse, diese Aussagen zu widerlegen. Wie auch? Die Adelphen sind ein autoritärer Männerbund, in dem ritualisiert getrunken wird, es wird gefochten und man trägt bunte Mützen. Man pflegt freundschaftliche Kontakte zur Normannia Heidelberg, die die antisemitischen Ausschweifungen Martin Hohmanns als Flugblatt veröffentlichte. Man lädt Hannes Kaschkat auf das Adelphenhaus, der als Rechtaußen der Burschenschafter gilt. Man ist in der Deutschen Burschenschaft, mit der einige andere korporierte Verbände aufgrund der mangelnden Abgrenzung zum Rechtsextremismus nichts mehr zutun haben wollen und in deren Reihen sich z.B. die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen befindet, welche drei führende NPD-Mitglieder zu ihren Mitgliedern zählt.
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um einen Ruf, der der Burschenschaft ganz zu Unrecht vorauseilt. Statt die Einwände der BurschenschaftsgegnerInnen wenigstens einer oberflächlichen Überprüfung zu unterziehen, darf Kriminaloberrat Heinz Henneberger, der Mitglied bei den Adelphen ist, die Kritik abschmettern:
Die Wirklichkeit sieht heute anders aus als das Klischee, das uns aufgeklebt wird“.
Damit ist das Thema abgehakt. Der korporierte Polizist hat gesprochen. Amen.

Stattdessen prüft Schweidler einen ganz anderen Vorwurf, der aus der plumpesten Ecke der linken Korporationskritik stammt: Nämlich den, dass Burschenschafter zwangsläufig Antisemiten seien. Dieser Vorwurf ist für viele mit dem anfangs aufgeführten Punkt verbunden, dass Burschenschafter „mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.“ Für viele der MainpostleserInnen ist keineswegs klar, dass man mit dem rechten Rand des politischen Spektrums symphatisieren kann, ohne AntisemitIn zu sein. Und vielleicht weiß nicht einmal der Autor, dass es nicht nur in den Reihen der „extremistischen“ Parteien Menschen gibt, die völkisch-rechtem Gedankengut anhängen. Schweidler aber erklärt seiner LeserInnenschaft eigentlich, dass Burschenschafter nicht die kahlgeschorenen Naziskins sind, die als Klischee in den Köpfen vieler Menschen auftauchen, wenn sie an den rechten Rand des politischen Spektrums denken. Der Autor hebt daher, neben dem Inhalt von Schusters Vortrag, die ritualisierte Diszipliniertheit der Burschenschafter hervor.
Gelegentlich erhebt sich einer der 25 Zuhörer, nimmt formell – wie es bei den Burschenschaften Brauch ist – seine orangene Kappe ab, ehe er höflich eine Frage stellt“.
Die/der LeserIn merkt: Die Typen mit den bunten Hüten, die können sich benehmen.
Am Ende wird der Repräsentant der jüdischen Gemeinden in Bayern bei der Burschenschaft mit einer Flasche (koscheren) Weines verabschiedet – und respektvollem Beifall. Wer anderes erwartet hatte, sah sich getäuscht.

Damit endet die Reportage, die Fragen stellt, und diese von den Burschenschaftern beantworten lässt. Die Grenzen zwischen Journalismus und Lobhudelei verschwimmen- und eine Reportage ist vorzüglich dazu geeignet, dies nicht auffallen zu lassen.