„Was soll‘n die Nazis raus aus Deutschland?

…Was hätte das für‘n Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ (Die goldenen Zitonen)

Viel zu späte Anmerkungen zum NSU, der Würzburg-ist-bunt- und der Antifademo im Dezember

Eine Nazibande zieht über ein Jahrzehnt mordend durchs Land und der Inlandsgeheimdienst versagt auf ganzer Linie. Die zivilgesellschaftliche Empörung über die Terrorakte fällt recht schmal aus, denn die Deutschen glauben wirklich, dass ihr Land bunt sei. Die jahrelange nationale Selbstbeweihräucherung qua Fanmeilendeutschland, das popkulturelle Bekenntnis zur „Heimat“ von Lena bis Nena, zeigen ganze Wirkung.
Sie haben nie aufgehört, selbst den Rechtsradikalismus noch als Argument gegen „Multikulti“ zu interpretieren: Die deutschen PatriotInnen, die politisch Inkorrekten, die KämpferInnen gegen die so genannten „Gutbürger“, die sich auf den Mainpostkommentarspalten auskotzen, die BürgerInnen, die selbst noch brennende Asylbewerberheime als Grund für eine Verschärfung der Asylgesetzbegung anführten. Das Problem heißt Deutschland.

Wenigstens gab es in Würzburg, im Vergleich zu vielen anderen ach so bunten Städten, eine solche Demo, kann man sagen. Der antineonazistische Reflex des linken Bürgertums ist nicht der schlechteste. Die zivilgesellschaftliche Empörung muss jedoch, bei allem ernstgemeinten Engagement gegen den Rechtsterror, ein Deutschland zeichnen, das es so nicht gibt. Sie muss eine Stadt konstruieren, die auf breiter Front gegen den rechten Terror sich ausspricht, ohne die Gesellschaft anzugreifen, in der der Nationalsozialismus zuhause ist. Nahezu jeder Kommentar in den Kommentarspalten der Mainpost beweist das Gegenteil. „Blaubi“ schreibt: „ ‚So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus‘: die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Migranten wiederspiegelt lediglich den Integrationswillen der ‚Einreisenden‘“. „45acp“ schreibt: „Ich vermisse den Respekt der meisten Ausländer unserem Land gegenüber und höre immer nur Forderungen und Nörgeleien“. „Taucher“ schreibt: „Der bundesweit von bestimmten Kreisen angeheizte Gruppenzwang zum kollektiven Schuldkomplex ist abartig und hochneurotisch.
Hier schreiben keine organisierten Neonazis, hier schreibt Würzburg. Hier schreibt die Gesellschaft, deren flammendes Bekenntnis zur Nation dazu neigt, das „Fremde“ in Brand zu stecken. Man wird sich ja noch wehren dürfen.

Schneller auf den rechten Terror reagierten in Würzburg antifaschistische Zusammenhänge, die unter dem Motto „Naziterror stoppen! Gegen Rassismus auf allen Ebenen!“ im Dezember durch die Straßen zog. „Derzeit feiert die bürgerliche Heuchelei und Doppelzüngigkeit einen neuen Höhepunkt. Während man sich einerseits über die kühl geplanten und brutal durchgeführten Morde des sogenannten ‚Nationalsozialistischen ‚Untergrunds‘ (NSU) echauffiert, treibt gleichzeitig der bürgerliche Rassismus a la Sarrazin in Medien und Politik neue Blüten.“ Zu einer Demo, die den Widerspruch zwischen der Zeichnung eines antineonazistischen Deutschlands und einer Gesellschaft, die den Rassismus selbst hervorbringt, thematisiert, kann ich mich kritisch-solidarisch verhalten.
Es steht aber die Frage im Raum, weshalb man die Demo überhaupt verantstaltet: Der linksradikale Point-of-view kann nicht an die Frau bzw. an den Mann gebracht werden, das deutsche „Volk“ wird nicht von den so genannten Herrschenden, wer auch immer das sein soll, zu einem Volk von RassistInnen gemacht, das deutsche „Volk“ ist ein sich seiner vernunftpotentiale selbstentmündigender Haufen, der dann und wann zum völkischen Mob wird. Dieser Standpunkt ist nicht vermittelbar, nicht durch eine Demo, nicht durch eine immitierte Stärke der antifaschistischen Bewegung.

Viele Konfliktlinien, die die radikale Linke hervorbrachte, geraten in Vergessenheit: Da die AnhängerInnen der Szene aus jugendkulturellen Milieus stammen und spätestens ab Mitte zwanzig damit beschäftigt sind, ihre „Jugendsünden“ zu verdrängen, können sich die wenigsten daran erinnern, was die antideutsche Antifa begriffen hatte. Bevor antideutsch ein identitäres Label für peinliche Wald- und Wiesenpolitikanten aus den Landkreisen wurde, die viel gelesen, aber nichts begriffen haben, verstand der klügere Teil der Antifaschistischen Aktion aus den neunziger Jahren wenigstens, dass die reflexhafte Feststellung, dass irgendein Scheißkaff bunt sei, nichts anderes als eine Lüge ist, die die Deutschen jedoch allzugerne selbst glauben. Viele Aueinandersetzungen der radikalen Linken sind von gestern und dennoch aktuell wie eh und je, obwohl ihr Personal mittlerweile aus ganz anderen Personen besteht, „alte“, linksradikale SpießerInnen wie mich ausgenommen. Das Dunkeldeutschland von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen ist aber noch immer da. „Ist es nicht eher so, dass jede Haltung und Handlung gegen die gesellschaftliche, geographische und politische Konstellation dieses Landes einen Akt der Menschlichkeit darstellt? Dass das Destruktive im Land der Deutschen das einzige Konstruktive ist? Ja, Sisyphusarbeit, vielleicht erfolglos, vielleicht frustrierend, vielleicht lebensgefährlich. Es ist aber die einzige Form, das Leben hier einigermaßen erträglich zu machen. Die einzige Form, für die es sich heute lohnt, hier etwas zu machen. Alles andere erregt den Verdacht, dass man irgendetwas Großes mit diesem Land und seinem Inventar vorhabe. Und das ist tödlich.

Dieses wundervolle Licht in Würzburg, wie farbig, ich mag es kaum mit schwarzer Tinte aufschreiben“ schrieb einst Gertraud Rostosky. Das Licht der Vernunft war es nicht.