Archiv für Januar 2012

Verfassungsschutz und Linke II

…und dieser „VS-Bericht“ von Karl Marx erinnert mich an viele meiner FreundInnen, zu finden hier.

Spitzelbericht der preußischen Polizei
über Karl Marx von 1852/53

Der Chef dieser Partei (der Kommunisten) ist Karl Marx; die Unterchefs sind Friedrich Engels in Manchester; Freiligrath und Wolff (Lupus genannt) in London; Reine in Paris; Weydemeyer und Cluß in Amerika; Bürgers und Daniels waren es in Köln; Weerth war es in Harnburg. Alle außer diesen sind nur einfache Mitglieder. Der schaffende und handelnde Geist, die eigentliche Seele der Partei ist aber Marx; darum will ich Sie auch mit seiner Persönlichkeit bekannt machen.

Marx ist von mittlerer Statur, 34 Jahre alt; trotz seines besten Alters werden seine Haare schon grau; seine Gestalt ist kräftig; seine Gesichtszüge mahnen sehr an Szenere (einen ungarischen Revolutionär), nur ist sein Teint mehr braun, sein Haar und Bart ganz schwarz; letzteren rasiert er gar nicht; sein großes, durchdringend feuriges Auge hat etwas dämonisch Unheimliches; man sieht ihm übrigens auf den ersten Blick den Mann von Genie und Energie an; seine Geistesüberlegenheit übt eine unwiderstehliche Gewalt auf seine Umgebung aus, Im Privatleben ist er ein höchst unordentlicher, zynischer Mensch, ein schlechter Wirt; er führt ein wahres Zigeunerleben, Waschen, Kämmen und Wäschewechsel gehört bei ihm zu den Seltenheiten; er berauscht sich gern. Oft faulenzt er tagelang, hat er aber viel Arbeit, dann arbeitet er Tag und Nacht mit unermüdlicher Ausdauer fort; eine bestimmte Zeit zum Schlafen und Wachen gibt es bei ihm nicht; sehr oft bleibt er ganze Nächte auf, dann legt er sich wieder mittags ganz angekleidet aufs Kanapee und schläft bis abends, unbekümmert um die ganze Welt, die bei ihm frei aus- und eingeht.

Seine Gattin ist die Schwester des preußischen Ministers von Westphalen, eine gebildete und angenehme Frau, die aus Liebe zu ihrem Mann sich an dieses Zigeunerleben gewöhnt hat und sich in diesem Elend nun ganz heimisch fühlt. Sie hat zwei Mädchen und einen Knaben, alle drei Kinder sind recht hübsch und haben die intelligenten Augen des Vaters.

Als Gatte und Familienvater ist Marx, trotz seines sonst unruhigen und wilden Charakters, der zarteste und zahmste Mensch. Marx wohnt in einem der schlechtesten, folglich auch billigsten Quartiere von London. Er bewohnt zwei Zimmer, das eine mit der Aussicht auf die Straße ist der Salon, rückwärts ist das Schlafzimmer. In der ganzen Wohnung ist nicht ein reines und gutes Stück Möbel zu finden, alles ist zerbrochen, zerfetzt und zerlumpt, überall klebt fingerdicker Staub, überall die größte Unordnung. In der Mitte des Salons steht ein altväterlicher großer Tisch, mit Wachsleinwand behangen. Auf diesem liegen seine Manuskripte, Bücher, Zeitungen, dann die Spielsachen der Kinder, das Fetzenwerk des Nähzeugs seiner Frau, dann einige Teetassen mit abgebrochenen Rändern, schmutzige Löffel, Messer, Gabeln, Leuchter, Tintenfaß, Trinkgläser, holländische Tonpfeifen, Tabakasche, mit einem Wort alles drunter- und drüber gehäuft, und alles dies auf einem einzigen Tisch.

Wenn man bei Marx eintritt, werden die Augen von dem Steinkohlen- und Tabaksqualm derart umflort, daß man im ersten Augenblick wie in einer Höhle herumtappt, bis sich der Blick mit den Dünsten allmählich befreundet und man wie im Nebel einige Gegenstände ausnimmt. Alles ist schmutzig, alles voll Staub, mit dem Niedersitzen ist es eine wahrhaft gefährliche Sache. Da steht ein Stuhl nur auf drei Füßen, dort spielen die Kinder und machen ihre Küche auf einem anderen Stuhl, der zufällig noch ganz ist. Richtig, den trägt man dem Besucher an, aber die Kinderküche wird nicht weggeputzt, setzen Sie sich, so riskieren Sie ein Paar Beinkleider. Alles dies bringt aber Marx und seine Gattin durchaus in keine Verlegenheit. Man empfängt auf das freundlichste, man trägt Pfeife, Tabak und was eben da ist mit Herzlichkeit an. Eine geistreiche angenehme Konversation ersetzt endlich die häuslichen Mängel, macht das Ungemach erst erträglich. Man söhnt sich mit der Gesellschaft sogar aus, findet diesen Zirkel interessant, ja originell. Das ist das getreue Bild von dem Familienleben des Kommunistenchefs Marx.

Aus: H.M. Enzensberger, Gespräche mit Marx und Engels. Insel Tb 19.

Verfassungsschutz und LINKE I

Der Verfassungsschutz müsste hunderte neue MitarbeiterInnen einstellen, würde er alle Land- und BundestagspolitikerInnen überwachen, die Israel nicht trotz, sondern wegen Auschwitz kritisieren und Israelkritik als leidenschaftlich betriebene deutsche Volkssportart betreiben. Und man merkt spätestens, dass es keine objektive staatliche Extremismusbekämpfung gibt, wenn man vergeblich nach dem Namen Martin Hohmann in den Archiven des VS sucht.

Die Priorität des Verfassungsschutzes ist eine andere, was die Offenlegung der vom VS überwachten Abgeordneten der LINKEN ein weiteres Mal beweist. Es geht eben nicht nur um den Schutz des Grundgesetzes, sondern auch um parteipolitische Intentionen unter dem Deckmantel des „politikwissenschaftlichen“ Extremismusbegriffs. Sich offenbar der nötigen massiven Etaterhöhung für den VS bewusst, wenn es um eine grundlegende Übewachung zweifelhafter IsraelkritikerInnen ginge, hält man Gregor Gysi, Petra Pau und Katja Kipping offenbar für gefährlicher als leidenschaftliche AntizionistInnen wie Inge Höger, Annette Groth und Sevim Dağdelen.

Ein besonderes Schockervideo bietet Stefan Ziefles Vortrag vom „Marx is Muss“ Kongress 2010 mit dem Thema „Ist Kritik an Israel antisemitisch“, mit dem sich hier schon intensiv auseinandergesetzt wurde.
Niemand, der dieses Video gesehen hat, kann danach noch behaupten, es gäbe keine problematische linke „Israelkritik“. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass ein Teil der LINKEN dies auch weiterhin behaupten wird.

Stefan Ziefle – Ist Kritik an Israel Antisemitisch? from marx21 on Vimeo.

A tribute to BZA / Ware und Kunst

Manche Dinge sind erst ein paar Jahre vorbei, und dennoch fühlen sie sich so an, als habe der Lauf der Provinzgeschichte alle ihre Spuren beseitigt: Lokalitäten wie das Autonome Kulturzentrum oder das Fiasko gehören für mich zu solchen Dingen.

Und noch vor ein paar Jahren hatte Würzburg ein unfreiwilliges Markenzeichen, an das ich mich gerne erinnere, und die Polizei sich wahrscheinlich auch: Sowohl auf den separiertesten Vorstadtwohnblocks als auch am bürgerlichen Traum vom Eigenheim leuchtete ein Schriftzug, hell wie die Nacht: Die Graffiticrew B-Z-A dominierte mit einem einfachen Schriftzug und einem dazugehörigen Männlein den städtischen und suburbanen Raum auf eine Art und Weise, die man im Nachhinein nur als größenwahnsinnig betrachten kann. Noch heute finden sich auf der Homepage der Stadt Würzburg zum Stichwort B-Z-A die Worte, dass es sich hierbei um „eine nicht unbekannte Würzburger Sprayer-Bande“ handele. Irgendwann wurden sie wohl gebustet.

Graffiti und die öffentliche Debatte über seine Ästhetik sind die besten Beispiele dafür, dass die Warenförmigkeit jede Zelle menschlichen Schaffens durchdrungen hat. Nichts, außer die Existenz des Kapitalismus, gewährt, dass Straßentags als Vandalismus gelten, und Streetart als Kunst. Denn Streetart, die sich selbst als solche bezeichnet, hat den unbewussten Schritt schon getan, selbst als Kunst wahrgenommen werden zu wollen und den öffentlichen Raum in den Kategorien der bürgerlichen Ästhetik zu betrachten. Die bekannte Aussage „Streetart is not a crime!“ bezeichnet diesen selbstentwaffnenden Schritt, den Graffiti und Streetart in der Regel vollziehen. Ein Hundi hier, ein Blümelein dort, fertig ist das Streetart-Stadtbild, das auch die WochenendeinkäuferInnen aus Theilheim als bereichernd empfinden. Selbst, wenn sich Streetart-MalerInnen nicht mit ihrer Leidenschaft ihre Brötchen verdienen und ihre Streetart zu Kohle machen können: Sie kommen in der öffentlichen Diskussion nur derart gut weg, weil sie das gleiche verwelkte Empfinden von menschlicher Kreativität besitzen wie diejenigen, die den Markwert ihrer Stadt erhöhen möchten. Stadtbildkommissionen haben nichts anderes im Sinn. Dabei ist eine Dialektik von Verschönerung und Verschandelung schon immer in Graffiti angelegt: Noch das negativste Element einer Subkultur, der Schriftzug an der Wand als Aufbegehren gegen eine Welt, die so schreiend schön ist, dass sie eigentlich alle zum Kotzen finden, kann durch die Kombination von strafrechtlicher Verfolgung und sozialpädagogischen Graffitiworkshops in das umgewandelt werden, was man einen Beitrag für die Gesellschaft nennt. Und dadurch die Funktion von Kunst erfüllen, zu der sie der Kapitalismus verstümmelt hat.
Der Anfangskeim von Graffiti, vor Sozialpädagogik, Graffitikunstseminaren und Designer-Chique, war das Aufbegehren gegen das, was man Stadtbild nennt und sich gegen den Menschen selbst richtet. Graffiti, betrachtet als die Kunst der Zerstörung, kommt menschlichem Schaffen näher als jedes eingerahmte Piece eines Bansky.
In diesem Sinne, ein Hoch auf die große Kunst- ein hoch auf B-Z-A.

Simon Funk

P.S: Leider Gottes hat ein gewisser „Freund“ aus versehen einen großen Teil meiner Bilddateien gelöscht, daher auch keine Tags von BZA. Falls ich noch welche finde und sie noch nicht entfernt wurden, werde ich diese nachreichen.

Mein Leben als Hater

Jede Rap-Kapelle braucht einen berufsmäßigen Hater, um sich selbst interessant zu machen. Als mir eines Tages das fliegende Spaghettimonster vor der orthodoxen Kirche in der Zeller Straße begegnet ist, gab es mir den Auftrag, Plastic Borderline zu haten. Und seitdem mache ich eben, was ein Hater tun muss: Ich predige Hass gegen schlechte Rapmusik. Ich zahle sogar fünf Euro Eintritt zu einem Plastic-Borderline-Konzert, nur um böse in Richtung Bühne zu gucken und „BUH!“ zu rufen.

Jetzt habe ich mit Freude festgestellt, dass die Anzahl der Hater zunimmt.

Plastic Borderline, der Disstrack kommt bestimmt!
Und ja, ich schreibe Euren Crewnamen bewusst falsch, weil ich weiß wie es Euch aufregt!

Euer Simon Funk

EDIT: Die Hatewelle geht auf dem Würzblog weiter…

Weisheiten von der Straße

„Was soll ich woanders, wenn’s mir daheim scho‘ ned g‘fälld?“

Unbekannter Mann an der Straßenbahnhaltestelle

Verschöööönerungsverein!

Hey, ihr Heimatschützer vom Würzburger Verschönerungsverein,

seid ihr nicht sonst damit beschäftigt, die Blumen an Denkmälern, an die sich zurecht niemand mehr erinnern kann, zu gießen? Seid ihr nicht sonst immer dafür, historische Bauten zu erhalten, damit Würzburg in euren Heizdeckenhirnen immer das gute alte Postkartenmotiv bleibt?

Wenn das immer noch zutrifft, weshalb protestiert ihr nicht dagegen, dass Würzburgs schönste Ruine den kulturlosen, zeitgeistaffinen Architekten zum Opfer fällt und jetzt ein Hotelturm wird? Habt ihr nicht schon all die Jahre versagt, da ihr zugelassen habt, dass vor mittlerweile sechs Jahren die historische Inschrift aus der Frühgotik von dieser Ruine entfernt wurde?

Was wird uns noch zugemutet? Eine Autobahn durch den Ringpark? Ein Weltraumhafen auf der Marienfestung?
Wehret den Anfängen!

Euer Hunter (entsetzt)

„Den Hydroschraubenschlüssel!“

An alle Fans von Sprüchen wie „Wenn das Universum ein helles Zentrum hat, ist Grombühl am weitesten davon entfernt“ und anderen alltagstauglichen Lebensweisheiten vom Krieg der Sterne:

Wahn und Wirklichkeit

Es fühlt sich so an, als sei die Erdrotation ins Stocken geraden. Als würde sich die Welt, wie wir sie kennen, immer langsamer drehen. Und niemand weiß, welche Macht sie wieder bewegen soll.
Die Erde dreht sich. Noch. Doch die erfahrbare Welt, wie wir sie kennen, scheint müde. Scheint nicht mehr imstande, ist weder gewillt noch fähig, sich selbst zu erneuern. Was wir von Welt kennen, ist noch vorhanden, nur verliert es seine Bedeutung. Politik, Gesellschaft, Vernunft, Emanzipation, Bürgerlichkeit, Aufklärung, all diese Elemente sind noch da. Doch kommen zu ihrem Ende.
Bilde ich mir nur ein, dass die Gesellschaft auf ein Ende zusteuert, und sich der Halm, an den sich der Pöbel klammert, die Barbarei ist? Wann habe ich das letzte mal mein Zimmer verlassen? Zum Tabakkaufen. Halb fünf.
Ist es der selbe Grauschleier, der die Welt in die Depression reißt, der mir vor Augen schwebt? Wenn er das wäre, müsste er nicht anderen auch ins Gesicht geschrieben stehen? Wie will ich das herausfinden, wenn ich die Menschen nicht mehr anblicken kann, mich ihnen nicht mehr widmen kann, weil der dunkle Schleier eine Marmorwand errichtet hat zwischen ihnen und mir.
Ich kann nur hoffen, dass ich depressiv bin. Alles andere wäre eine Katastrophe.