Archiv für September 2011

Deutscher „Liberalismus“ III

Die Journaille gibt sich solche Mühe, die FDP mit Druckerschwärze zu vergiften, muss man wirklich noch etwas zum Niedergang der Partei schreiben, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, den deutschen „ Liberalismus“ zu repräsentieren? Man muss, weil soviele Bäume schon gerodet werden mussten, ohne dass ein gescheiter Satz über die FDP und das deutsche Bürgertum zu Papier gebracht wurde. Und erst wenn der letzte Baum gerodet wurde und der letzte „Liberale“ sein Bundestagsmandat verloren hat werdet ihr merken, dass die ideologische Flexibilität der FDP keinem Wahlkampfpopulismus geschuldet ist.

Aber first things first: Wenn Philipp Rösler vor den Berliner Abgeordnetenwahlen den eurofeindlichen Joker auspackt, der eigentlich eine Sieben beim Mau-Mau-Spiel war (wobei die FDP in Berlin nicht mal Zwei ziehen durfte), dann schwingt er nicht nur mal kurz die Populismuskeule. Denn die nationale Formierung der „Liberalen“ ist ein Element, das sowohl der FDP als auch der bundesrepublikanischen bürgerlichen Elite immanent ist.
Zuerst zur FDP: Keine andere Partei der alten und neuen Bundesrepublik zeigte sich derart ideologisch flexibel, so wankelmütig zwischen dem, was man politisch rechts und links nennt, keine Partei symbolisiert die Hydra des politischen Liberalismus auf eine solch vulgäre Weise wie die FDP. Seien es die Werner Naumanns, Jürgen Möllemanns oder Teile der aktuellen FDP-Mannschaft im Saarland: Die FDP war stets bereit, die Sakralhalle der deutschen Nation zu betreten, wenn es um das eigene Überleben ging. Irgendwo zwischen Ralf Dahrendorf, Friedrich August von Hayek, Gustav Stresemann und Jörg Haider pendelt das Programm der FDP seit über sechzig Jahren hin und her. Jeder, der bei „liberaler“ Eurofeindschaft von Wahlkampftaktik redet, hat sich das deutsch-nationale Ornament der Partei nicht angesehen, in der sich die deutsche Elite zuhause fühlt: Auf dem flachen Land sind Julis und FDP durchsetzt mit Korpsgeist und korporiertem Habitus, mit einem Milieu also, für das die deutsche Nation von einer geschichtsphilosophischen Aura umgeben ist, an deren Seite man selbst in der nationalistischsten Barbarei noch stehen will. Die Tatsache, dass die lautesten deutsch-nationalen Quälgeister in der FDP derzeit nichts zu melden haben, bedeutet nicht, dass sie nicht längst darauf warten, aus der FDP das zu machen, was ihre korporierten Freunde in Österreich aus einer anderen „liberalen“ Partei gemacht haben. Mit regelmäßigen nationalen Stoßseufzern oder Interviews mit der neurechten Journaille erinnert man die Stahlhelmvisagen an der Basis dennoch auch von der FDP-Spitze herab daran, dass man „da oben“ auch den nationalen Flügel der Partei nicht vergessen hat. „Liberale“ Eurofeindschaft ist also durchaus auch als Lebenszeichen an die WählerInnen zu verstehen.
Der politische Liberalismus, gerade in der Form des deutschen „Liberalismus“, ist stets doppelzüngig: Gerade in einer bürgerlichen Sinnkrise, wie wir sie gerade erleben, zeigt sich, dass das „Freiheitliche“ das Nationale enthält wie die Wolke das Gewitter. Denn der rechtliberale Teil des Bürgertums, der in den Rundfunkgebühren schon den Kommunismus tapsten hört, also gegen den Staatszentrismus der Linken sich ausspricht, muss die Gesellschaft mit einer nationalen Überhöhung kitten, damit die Menschen in ihrem sinnlosen Treiben dennoch zu wissen glauben, für wen sie jeden morgen zu ihrer scheiß Arbeit gehen. Gerade in Krisenerscheinungen des Kapitalismus muss dieser Teil des Bürgertums das Eigene überhöhen, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu wahren: Kurz, wer zur Nation gehört und wer nicht. Es ist interessant, wie sehr dieser Teil des „Liberalismus“ den staatlichen Kollektivismus hasst, den nationalen Kollektivismus jedoch lobpreist. Es mag für eine kommunistische, antideutsche Strömung reizvoll (gewesen) sein, im politischen Liberalismus ein aufklärerisches Element aufspüren zu wollen, das in diesem aufgehoben zu sein scheint. Man darf aber nicht vergessen, dass sich auf der anderen Seite der Wertmedaille ein nationales Element verbirgt, das in kürzester Zeit aus einem „liberal“-bürgerlichen Milieu einen Mob machen kann. Ein Bekenntnis zum Liberalismus darf bei einem Kneipendisput ein Argument gegen staatsaffirmative SpinnerInnen von der linken Seite des Tisches sein, Normativität ersetzt jedoch die Kritik der politischen Ökonomie in keinster Weise.

Im Grunde genommen ist der politische Liberalismus die Widerlegung der Extremismustheorie, die sowohl dem Verfassungsschutz als auch einem Teil der Politikwissenschaft ihre Daseinsberechtigung gibt: Dass auch im politischen Liberalismus ein Element aufgehoben ist, das die so genannte Freiheitlich-Demokratische Grundordnung gefährden kann ist dieser Theorie unerklärlich. Some call it dialectic.

In Zeiten einer schwächelnden FDP besteht die Gefahr , dass sich die deutsche Elite nicht mehr in einer Partei aufgehoben fühlt. Was für eine politische Kraft in Deutschland entsteht, wenn keine Partei mehr versucht, alle Strömungen des Liberalismus in sich aufzusaugen, können wir nur erahnen. Das europäische Ausland gibt jedoch das beste Beispiel dafür, was das Krisenrezept des europäischen Bürgertums ist.

Fortsetzung folgt…

Lexikon der Städtebeschimpfungen

Man muss ja zugeben, dass es nicht nur Würzburg verdient hat, mit pechschwarzem Hohn besudelt zu werden: Wer schon einmal in Freiburg, Rostock oder Hof war weiß mit Sicherheit, was ich meine. Unser alter Showpraktikant beim Letzten Hype, Karl von Medina, bittet uns, das folgende Buch weiterzuempfehlen: Lexikon der Städtebeschimpfungen.
Zu Würzburg wird Heinrich von Kleist zitiert, dessen Schmähschriften gegen Würzburg viel zu unbekannt sind: Kleist lebte im Jahre 1800 in Würzburg, zum Grund seines Aufenthaltes in Würzburg gibt es bisher lediglich Vermutungen.
Zu Würzburg schreibt Kleist:
„Nach Vergnügungen fragt man hier vergebens. […] Nirgends findet man hier ein Auge, das auf eine interessante Frage eine interessante Antwort verspräche. Auch hier erinnert das Läuten der Glocken unaufhörlich an die katholische Religion, wie das Geklirr der Ketten den Gefangenen an seine Sklaverei.“

Running Man for real.

Es ist interessant, wie sich die dystopischen Bilder der Vergangenheit in den Medien der Gegenwart widerspiegeln.
Filme wie „Running Man“ oder die Romanvorlage „Menschenjagd“ zeichnen das Bild einer Zukunft, die das Spektakuläre in seiner trivialsten Form- als Fernsehunterhaltung- voll und ganz als Mittel der Zähmung perfektioniert hat und selbst den Überlebenskampf eines Menschen noch als glitzerndes Showspektakel vermarkten kann.

Im Jahre 2011 ist es nicht die abwegigste Idee, eine Show zu produzieren, in der einige MigrantInnen, die gerade aus Westeuropa in ihre Heimatländer abgeschoben werden sollen, noch einen Koffer Geld gewinnen können, bevor man sie aus dem Land wirft. Das spektakuläre Bild einer Spielshow, und das in ihr zwangläufig enthaltene Gute-Laune-Feeling einer Unterhaltungssendung, verbrennt spielerisch leicht das Bewusstsein für den materiellen und lebensbedrohlichen Ernst der Lage, in dem sich die MigrantInnen befinden.
Jetzt kommt in Holland die Show „Weg van Nederland“ ins Fernsehen: Hier kämpfen sie tatsächlich um Geld, die abschiebebedrohten MigrantInnen, zumindest behauptet dies der Sender. Dadurch, dass nicht nur die KandidatInnen, sondern auch die ZuschauerInnen etwas gewinnen können (nämlich eine Reise in die Karibik), wird die Show letztendlichend zur Farce.

Klar ist, dass es sich bei „Weg van Nederland“ wahrscheinlich um eine nicht ganz ernst gemeinte Provokation des Senders handelt.
Die Frage aber, zu wieviel in der Vergangenheit ausgedachter Dystopie die reale Gegenwart fähig ist, wird das Fernsehen nicht zum letzten Mal aufwerfen.

Lieber Antitierbenutzungshof Kollnburg,

in freudiger Erwartung öffnete ich vor kurzer Zeit das Paket eines bekannten veganen Onlineversands und entdeckte darin nicht nur Sojabeefjerky, vegane Seitanknackwürste und kiloweise texturiertes Granulat, sondern auch Eure Werbebroschüre, die zur Unterstützung des Antitierbenutzungshofes aufrief.

Auf dem Antitierbenutzungshof leben derzeit insgesamt 41 nichtmenschliche Tiere…“ war darin zu lesen, und zwar deshalb, da Ihr „gegen jede Form des (Be)nutzens von Tieren“ seid.

Hiermit möchte ich mich gerne als Mitbewohner auf dem Antitierbenutzungshof bewerben.
Motivation: Als menschliches Tier werde auch ich täglich benutzt. Mein Chef beutet täglich meine menschlich-tierische Arbeitskraft aus, um einen Mehrwert abzuschöpfen. Meine Freunde nutzen mich aus und leihen sich ständig Kohle von mir, die sie nie wieder zurück zahlen. Sie stellen sogar Deckel in unserer Stammkneipe auf meinen Namen aus! Meine Verwandschaft benutzt meine übertragbare Monatskarte, um kostenfrei mit der Bahn zu fahren. Die ARGE hat mir vor einigen Jahren gesagt, ich solle mich für die Gesellschaft nützlich machen, das gleiche sagten meine Eltern. Beide drängten mich dazu, einen Job anzunehmen, den sie- nicht ich!! – für nützlich hielten.
Kurz gesagt: Ich fühle mich voll und ganz benutzt von der gesellschaftlichen Gesamtsscheiße. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mein ganzes kurzes menschliches Tierleben so weitergehen soll.
Zu meiner Person: Ich bin zutraulich, habe einen Hängebauch, die Menschen nennen mich Hunter und meine Katze nennt mich „Brrrr- Miau“. Ich bin gerne in der freien Natur und faulenze gerne. Dennoch bin ich kein fauler Hund faules Menschentier, sondern hätte kein Problem damit, auch mal einen Stall auszumisten.

Ich bitte Euch mir mitzuteilen, wann Euer nächstes WG-Casting stattfindet und hoffe auf gute Chancen und ein Ende meines Benutztwerdens.

Euer
Hunter (Tierfreund)

Lieber Joachim Hermann,

lieber Inlandsgeheimdienst bayerischer Provenienz,
liebe Landeszentrale für politische Bildungsarbeit,

ihr habt es endlich geschafft. Mit Eurer neuen Seite namens „Bayern gegen Linksextremismus“ habt Ihr mich endlich in die Arme des Staates getrieben.
Auch ich unterstütze Eure Initiative gegen schlechte Rapgruppen wie „Kurzer Prozess“ aus vollem Herzen, auch wenn es mir recht egal ist, welche Texte die jungen Burschen denn sprechsingen. Ich unterstütze Eure HipHop-Qualitätsoffensive eher aus ästhetischen Gründen: „Kurzer Prozess“ hat einfach keinen Flow und die Beats sind sowas von unter aller Kanone, das kann sich kein Mensch anhören. Ich wundere mich, weshalb die erwähnten Aspekte bisher keine Erwähnung auf Eurer Homepage fanden.
Da mir der Kampf gegen hässliche Musik ebenso wie Euch am Herzen liegt, stehe ich in Zukunft, sozusagen als Inoffizieller Mitarbeiter, gerne zur Verfügung, um gegen grottigen Rap wie etwa „Holger Burner“ oder „Schlagzeiln“ vorzugehen.
Um zu beweisen, dass meine Kenntnis der Materie sich nicht nur auf Rapmusik beschränkt, gebe ich Euch noch einige andere wichtige Hinweise, die zur Stärkung der Demokratie beitragen werden:
1. Ihr merkt auf Eurer Heimseite an, dass das Café Marat in München benannt ist „in Anlehnung an Jean Paul Marat, einen radikalen Unterstützer der französischen Revolution und Befürworter politischer Gewalt“, was für Euch ein treffendes Argument ist, um den Münchner Kulturtreff zu diffamieren.
Eurer Argumentation folgend, habe ich noch einige andere Treffpunkt von Extremisten in Bayern entdeckt: Das Richard-Wagner-Gymnasium in Bayreuth beispielsweise ist benannt nach einem bekannten Antisemiten und Hassmusiker. Die Fangemeinde des besagten Hassmusikers veranstaltet jeden Jahr sogar eigene Festspiele, auf denen die antidemokratische „Message“ der extremistischen Musik verbreitet werden soll. In Würzburg benannte man in der Vergangenheit eine ganze Sporthalle nach dem Nationalsozialisten Carl Diem. Als die Presse diesen problematischen Namen thematisierte, benannte man das Areal kurzerhand- aus Tarnungsgründen- in S-Oliver-Arena um.
2. Die Gruppe „Anarchistische Umtriebe Augsburg“ findet auf Eurer innovativen Homepage u.a. deshalb Erwähnung, weil sie die Bundeswehr als „Nachfolgeorganisation der Wehrmacht diffamiert“. In diese „Diffamierung“, die selbtverständlich jeglicher Realität entbehrt, reiht sich auch die militante Gruppe „Gebirgsjägerbrigade 23“ ein, die das südliche Bayern mit Wehrsportübungen terrorisiert. Die erwähnten Gebirgsjäger treffen sich jedes Jahr in Mittenwald, um der gefallenen „Kameraden“, der- aufgepasst!- Wehrmacht, zu „gedenken“ und tragen damit zur besagten Diffamierung bei. Ich bin im Besitz zahlreicher weiterer Informationen über Menschen, die den völlig aus der Luft gegriffenen Zusammenhang zwischen Wehrmacht und Bundeswehr ohne jedes Schamgefühl propagieren.
Daher würde ich mich freuen, wenn ich mich in Zukunft als Inoffizieller Mitarbeiter für die bayerische Demokratie einsetzen dürfte.

Ihr antiextremistischer Liebesmusikant
Hunter S. Heumann