Die unerträgliche Leichtigkeit des grünbürgerlichen Scheins oder: Besuche bei Tegut

Überflutet von Eindrücken- Presslufthämmer; Textfragmente; Informationsschnipsel; vorbei rasende Menschenmengen; bunte, graue Werbetafeln- ertappte ich mich einige Male dabei, wie ich in den Tegut floh. Selbst ohne die Absicht, etwas zu kaufen.
Ich war der Meinung, dorthin fliehen zu müssen. Um mich besser zu fühlen.
Hier gibt es keine Baumaschinen, die die Ruhe zerbersten könnten. Stattdessen sanfte Streichmusik, gerade an der Grenze des Hörbaren. Die subproletarische Großfamilie mit ihren lärmenden Bälgern, auf die man im Discounter trifft: Hier wirkt sie wie ein Fremdkörper. Das grüne Bürgertum ist unter sich, nichts erinnert an die Welt außerhalb dieser Sphäre. Oft treffe ich Freunde. Ich habe das Gefühl, dazu zugehören. Zu Tegut, seinen KundInnen, seiner Philosophie, seinem süßen Glücksversprechen.
Ich fühle mich gut. Einatmen, ausatmen.
Mir fallen auf Anhieb mehrere Produkte ein, die in den letzten Jahren aus dem Sortiment verschwunden sind. Es schmerzte, als sei ein Teil von mir gestorben. Seitanlendchen, sauer eingelegte Sojasprossen, der grüne Eistee von Alnatura, dieser Sojajoghurt, Vollkornbagels, die Tofuterrine von der Frischtheke. Ich bin der grüne Konsument. Ich bin die Ware.
„Deine Idee, dein Eis“: Was sollte ich bei einem Produkt wie „Eiszauber“ auch anderes vermuten? Neulich starrte ich apathisch Südfrüchte an, von denen ich noch nie gehört habe. Sharon, Physalis. Wie herrlich süß sie wohl schmecken? Tief stecke ich meine Nase in die Vollkornabteilung. Zermahlenes, geröstetes Getreide. Ich denke an ein malerisches Mühlwerk. Der Nexus von Produktion und Konsumption scheint in diesem Moment so deutlich. Das Korn duftet herrlich. Manchmal, am Monatsende, wenn das Geld knapp wird, macht mich die Käseecke furchtbar traurig. Der spanische Feigenkäse rückt dann in weite Ferne.
Es käme mir nie in den Sinn, hier etwas zu stehlen. Ich hätte das Gefühl, mir selbst einen Finger abzuschneiden.

Zuhause, wenn ich mir den Bauch mit all den tollen Produkten voll gestopft habe, fühle ich mich seltsam unbefriedigt und einsam.