In der Pilsstube oder: Die Stadt als undurchdringliche Ansammlung von Oberflächen (Teil 1)

Viele Menschen verlassen die Stadt mit einer gewissen Häme. Als hätten sie eine brenndende Lunte in ihr WG-Wohnzimmer geworfen und vor dem zuschlagen der Feuerschutztür noch „Macht’s gut ihr Trottel!“ gerufen. Am liebsten verlassen sie die Stadt, indem sie ironische Gänsefüßchen um das Wort „Stadt“ wickelt, wenn sie von Würzburg reden. Diese Leugnung der Verbindung von städtischer Lebensform und Würzburg ist ebenso richtig wie absolut falsch. Denn so korrekt es ist, die Verbindung der Begriffe „Stadt“ und „Würzburg“ mit Vorsicht zu genießen, so falsch ist die Annahme, man lebe hier in einem Dorf. Menschen, die in Häuseransammlungen aufwuchsen, die sich wie Stalldorf oder Gaurettersheim anhören, werden dies nicht leugnen können.
Was ist also die Stadt? Ein Rätsel. Weil niemand vollständig verstehen wird, wie sie funktioniert, wie sie strukturiert ist. Wir könnten die kommunalen Verwaltungsorgane und ihre Sub- wie Objekte untersuchen, und dennoch werden wir nichts darüber erfahren, in welchem Zusammenhang das subproletarische Milieu und das akademische stehen. Wir können uns geographisch der Strukturierung einer Stadt annähern, und dennoch erfahren wir absolut gar nichts über die Frage, wie die Stadtteilumgebung sich auf die psychische Verfasstheit ihrer Bewohner auswirkt. Ich bin deshalb dazu übergegangen, den Grad der Urbanität am Grad der Verrätselung zu beurteilen. Verrätselung meint für mich: Die Oberflächen, die für uns sichtbar sind, ohne andere, darüber oder darunten liegende Oberflächen sehen zu können. In Stalldorf, um wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren, wird es uns ganz sicher auffallen, wenn ein Lebensmittelladen seine Pforten schließt. Falls uns dies nicht auffallen sollte, ist dies eher einer intendierten Ignoranz geschuldet, statt der Zugehörigkeit zu einem Milieu, dass uns lediglich eine milieuabhängige Oberfläche von Stalldorf sehen lässt. Anders verhält es sich mit zunehmendem Verätselungsgrad in urbaneren Kommunen: Aufgrund der Masse an Sinneseindrücken nehmen wir größtenteils die Oberfläche von Stadt wahr, die wir aufgrund unserer Klassenlage auch sehen können: der Student sieht den Designerladen und die akademische Buchhandlung, die Mensa und den Denklerblock. Der alternde Postbeamte sieht vielleicht das Hutmachergeschäft, den Eisenwarenladen in der kleinen Gasse und das Damenkränzchencafé am Markt. Ich betrachte als Arbeitsdefinition die Stadt als eine Ansammlung von Oberflächen, die übereinander angeordnet sind. Unser Blick auf Stadt ist geprägt von einer bestimmten, milieubedingten Sichtweise auf Stadt. Was die Oberflächen bildet, zusammenhält, was sie zueinander strukturiert, stellt sich uns in gewisser Weise als Rätsel dar, ist aber einzig und alleine die tote Arbeit, die uns vergesellschaftet. Die psychogeophraphische Methode ist ein Versuch, einen Blick auf die verschiedenen Oberflächen und ihr Verhältnis zu erhalten.
Und so haben viele Menschen laut lachend die Stadt verlassen, weil sie ihnen zu klein, zu spießig, zu provinziell war, ohne dass sie jemals den Versuch unternommen hätten, den Blick auf eine andere Oberfläche zu richten.

(Teil 2: Die Zellerau als Rätsel)