Stürmendes Tibet

In Würzburgs bekannter Graffitiunterführung ist ein Werk zu finden, dass auf eine anschauliche Weise verdeutlicht, wie eng die Tibetsolidarität mit einem zweifelhaften Bild von Tibet und China verknüpft ist: „Seine Heiligkeit“ Tendzin Gyatsho und der tibetische Buddhismus dienen der Tibetsolidarität seit vielen Jahrzehnten als Projektionsfläche für antimodern-spirituelle Wünsche oder eine herbeigesehnte ethnische Homogenität Tibets, die sich als „Lob der Differenz“ tarnt. Anlass für das Graffito in der besagten Unterführung war wohl der antichinesische Aufstand in Tibet im Jahre 2008, den die TibetfreundInnen gerne einseitig als legitime Volksbefreiung gegen eine Fremdherrschaft betrachten.
Nun zu unserem Bild:

Der Autor des Graffitos benutzt- sei’s bewusst oder unbewusst- eine Bildersprache, die in mehreren Punkten strukturell an die Bildsprache der antisemitischen Karikatur anknüpft: Der dargestellte buddhistische Junge wird in einem schädelförmigen Suppentopf gekocht. Um ihn herum: lodernde Flammen und allerlei Todesanspielungen als Darstellung des absoluten Bösen. Es scheint ganz offensichtlich: Hier macht sich eine kannibalische Macht des Kindermordes schuldig. Ohne dies darzustellen, wissen alle, die eine rudimentäre Ahnung vom Konflikt um Tibet haben, wer die Kindermörder sind, wer das abolute Böse verkörpert: China.
Das Kind stellt den genauen Gegensatz zu diesem Bösen dar: Es ist wehrlos, strahl eine unschuldige Naivität aus. Während das absolute Böse Tod und Krieg beschert- schlecht auf dem Foto zu erkennen ist eine Stange Dynamit, die unter dem Kochtopf liegt- verkörpert der buddhistische Junge den Frieden: Ihn umgibt eine Aura des Lichts, ein hell erstrahlender Friedensvogel scheint machtlos gegen einen übermächtigen, finsteren Feind.
Erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist der Drache, der im Herz des Feuers nistet. Nicht irgendein Drache, sondern Lóng, das chinesische Fabelwesen. Es wird somit erst auf den zweiten Blick erkennbar, wie deutlich die Personifizierung des absoluten Bösen mit China verbunden ist. Lóng streckt seine Klauen nicht etwa in die Richtung seines Opfers, sondern breitet sie in die Richtung weiterer, nicht auf dem Graffito zu sehenden Opfer, aus, als sei sein blutrünstiger Steifzug noch lange nicht vorbei.

Das hier dargestellte Graffito ist weit davon weg, eine harmlose „tibetsolidarische“ Darstellung zu sein: Es ist ein Hetze, gegen China und den Großteil seiner Bevölkerung.