Archiv für Juni 2011

Reinhold Enzelberger alias Enzo

Kennergelernt habe ich Enzo an einem volltrunkenen Abend im AKW: Ein Hühne stand da vor mir, in einem weißen Gewand. Er sah aus wie der Priester einer Weltuntergangssekte. Trug ein breites Band um den Hals, auf dem in großen Lettern „Enzo“ stand. Als Enzo mir sein Buch“Liebesbriefe an Frauen“ präsentierte, wusste ich sofort, dass es die paar Mark wert sein wird.

Jetzt habe ich Enzos Blog entdeckt, auf dem es gesammelte Werke und Fernsehauftritte von Reinhold Enzelberger zu sehen gibt. Folgendes Video ist ein Zusammenschnitt seiner Fernsehauftritte in grottiger VHS-Qualität und wohl nur für echte Fans zu ertragen (besonders sehenswert: Enzos Auftritt in einem Berliner Fernsehstudio ab Minute 9):

Stürmendes Tibet

In Würzburgs bekannter Graffitiunterführung ist ein Werk zu finden, dass auf eine anschauliche Weise verdeutlicht, wie eng die Tibetsolidarität mit einem zweifelhaften Bild von Tibet und China verknüpft ist: „Seine Heiligkeit“ Tendzin Gyatsho und der tibetische Buddhismus dienen der Tibetsolidarität seit vielen Jahrzehnten als Projektionsfläche für antimodern-spirituelle Wünsche oder eine herbeigesehnte ethnische Homogenität Tibets, die sich als „Lob der Differenz“ tarnt. Anlass für das Graffito in der besagten Unterführung war wohl der antichinesische Aufstand in Tibet im Jahre 2008, den die TibetfreundInnen gerne einseitig als legitime Volksbefreiung gegen eine Fremdherrschaft betrachten.
Nun zu unserem Bild:

Der Autor des Graffitos benutzt- sei’s bewusst oder unbewusst- eine Bildersprache, die in mehreren Punkten strukturell an die Bildsprache der antisemitischen Karikatur anknüpft: Der dargestellte buddhistische Junge wird in einem schädelförmigen Suppentopf gekocht. Um ihn herum: lodernde Flammen und allerlei Todesanspielungen als Darstellung des absoluten Bösen. Es scheint ganz offensichtlich: Hier macht sich eine kannibalische Macht des Kindermordes schuldig. Ohne dies darzustellen, wissen alle, die eine rudimentäre Ahnung vom Konflikt um Tibet haben, wer die Kindermörder sind, wer das abolute Böse verkörpert: China.
Das Kind stellt den genauen Gegensatz zu diesem Bösen dar: Es ist wehrlos, strahl eine unschuldige Naivität aus. Während das absolute Böse Tod und Krieg beschert- schlecht auf dem Foto zu erkennen ist eine Stange Dynamit, die unter dem Kochtopf liegt- verkörpert der buddhistische Junge den Frieden: Ihn umgibt eine Aura des Lichts, ein hell erstrahlender Friedensvogel scheint machtlos gegen einen übermächtigen, finsteren Feind.
Erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist der Drache, der im Herz des Feuers nistet. Nicht irgendein Drache, sondern Lóng, das chinesische Fabelwesen. Es wird somit erst auf den zweiten Blick erkennbar, wie deutlich die Personifizierung des absoluten Bösen mit China verbunden ist. Lóng streckt seine Klauen nicht etwa in die Richtung seines Opfers, sondern breitet sie in die Richtung weiterer, nicht auf dem Graffito zu sehenden Opfer, aus, als sei sein blutrünstiger Steifzug noch lange nicht vorbei.

Das hier dargestellte Graffito ist weit davon weg, eine harmlose „tibetsolidarische“ Darstellung zu sein: Es ist ein Hetze, gegen China und den Großteil seiner Bevölkerung.

Journalismus und Lobhudelei

Die Burschenschaft Adelphia hat am 19. Mai Josef Schuster, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, auf ihr Verbindungshaus geladen, auf dem dieser über jüdisches Leben in Würzburg referierte.

Morgen erscheint in der Mainpost eine Reportage des Journalisten Manfred Schweidler, die die besagte Veranstaltung eigentlich nur als Aufhänger benutzt, um die abgeschmackten Argumente, mit deren Hilfe Burschenschafter Kritik abzublocken wissen, als journalistische Objektivität zu vermarkten.

Bevor wir uns der Struktur des eigentlichen Artikels zuwenden, darf man sich natürlich zu anfang fragen, weshalb es ein Journalist der Mainpost für derart wichtig hält, über eine Veranstaltung zu berichten, die von rund zwanzig Menschen besucht wird, von denen ein Großteil sowieso „Vereinsmitglieder“ sind. Man kann sich schwer vorstellen, dass für Schweidler nicht schon von vorneherein klar war, dass er mit seiner Reportage die Adelphen ins rechte Licht rücken wollte. Genau hier liegt überhaupt die Tücke der reportagenhaften Darstellungsform: Dass man durch diese in blumiger Weise eine persönliche Meinung als journalistische Wahrheit darstellen kann.

Schweidler beginnt seinen Text mit einer rhetorischen Aussage:
Burschenschaften wie der Adelphia geht der Ruf voraus, ein Relikt der Vergangenheit zu sein: autoritäre Männerbünde, die bunte Mützen tragen, ritualisiert trinken, singen oder fechten und mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.
Der Autor hegt überhaupt nicht das Interesse, diese Aussagen zu widerlegen. Wie auch? Die Adelphen sind ein autoritärer Männerbund, in dem ritualisiert getrunken wird, es wird gefochten und man trägt bunte Mützen. Man pflegt freundschaftliche Kontakte zur Normannia Heidelberg, die die antisemitischen Ausschweifungen Martin Hohmanns als Flugblatt veröffentlichte. Man lädt Hannes Kaschkat auf das Adelphenhaus, der als Rechtaußen der Burschenschafter gilt. Man ist in der Deutschen Burschenschaft, mit der einige andere korporierte Verbände aufgrund der mangelnden Abgrenzung zum Rechtsextremismus nichts mehr zutun haben wollen und in deren Reihen sich z.B. die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen befindet, welche drei führende NPD-Mitglieder zu ihren Mitgliedern zählt.
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um einen Ruf, der der Burschenschaft ganz zu Unrecht vorauseilt. Statt die Einwände der BurschenschaftsgegnerInnen wenigstens einer oberflächlichen Überprüfung zu unterziehen, darf Kriminaloberrat Heinz Henneberger, der Mitglied bei den Adelphen ist, die Kritik abschmettern:
Die Wirklichkeit sieht heute anders aus als das Klischee, das uns aufgeklebt wird“.
Damit ist das Thema abgehakt. Der korporierte Polizist hat gesprochen. Amen.

Stattdessen prüft Schweidler einen ganz anderen Vorwurf, der aus der plumpesten Ecke der linken Korporationskritik stammt: Nämlich den, dass Burschenschafter zwangsläufig Antisemiten seien. Dieser Vorwurf ist für viele mit dem anfangs aufgeführten Punkt verbunden, dass Burschenschafter „mit dem rechten Rand des politischen Spektrums sympathisieren.“ Für viele der MainpostleserInnen ist keineswegs klar, dass man mit dem rechten Rand des politischen Spektrums symphatisieren kann, ohne AntisemitIn zu sein. Und vielleicht weiß nicht einmal der Autor, dass es nicht nur in den Reihen der „extremistischen“ Parteien Menschen gibt, die völkisch-rechtem Gedankengut anhängen. Schweidler aber erklärt seiner LeserInnenschaft eigentlich, dass Burschenschafter nicht die kahlgeschorenen Naziskins sind, die als Klischee in den Köpfen vieler Menschen auftauchen, wenn sie an den rechten Rand des politischen Spektrums denken. Der Autor hebt daher, neben dem Inhalt von Schusters Vortrag, die ritualisierte Diszipliniertheit der Burschenschafter hervor.
Gelegentlich erhebt sich einer der 25 Zuhörer, nimmt formell – wie es bei den Burschenschaften Brauch ist – seine orangene Kappe ab, ehe er höflich eine Frage stellt“.
Die/der LeserIn merkt: Die Typen mit den bunten Hüten, die können sich benehmen.
Am Ende wird der Repräsentant der jüdischen Gemeinden in Bayern bei der Burschenschaft mit einer Flasche (koscheren) Weines verabschiedet – und respektvollem Beifall. Wer anderes erwartet hatte, sah sich getäuscht.

Damit endet die Reportage, die Fragen stellt, und diese von den Burschenschaftern beantworten lässt. Die Grenzen zwischen Journalismus und Lobhudelei verschwimmen- und eine Reportage ist vorzüglich dazu geeignet, dies nicht auffallen zu lassen.