Presseschau I

Welche Erkenntnis kann man durch Userkommentare und Leserbriefe gewinnen? Jedenfalls demetiert das enthemmte Geschmiere der MainpostleserInnen die These, dass in den Hirnwindungen der Würzburger Wutbürger ein emanzipatorischer Gedanke stecke.

Und so wird selbstverständlich auch am 16. März krakeelt.
Kaum jemand, der sich im lokalhistorischen Diskurs äußern darf, würde auf die Idee kommen, sich beim Zelebrieren der Kollektivtrauer von den paar Menschen stören zu lassen, die vor dem 16. März 1945 weggeschafft worden waren. Sonst wären sich die Würzburger nicht darin einig, dass der 16. März 1945 der schwärzeste Tag der Stadtgeschichte gewesen sei.

Und so kann auch Günther Rinke, der zum 16. März einen Leserbrief an die Mainpost sandte, nicht verstehen, dass sich manche Menschen nicht ins geistige Kondoleszenzbuch eintragen, sondern etwas anderes mit ihrer Zeit anzufangen wissen, ja sogar lachen können. „Ich bin doch sehr erstaunt, welche Veranstaltungen am 16. März in diesem Jahr in Würzburg stattfinden“, schreibt er in seinem Leserbrief, in dem er sich darüber beklagt, dass am 16. März Kabarett in der Posthalle und im Bockshorn stattfinden darf, während doch die Glocken in der ganzen Stadt läuteten, um an Würzburgs schwarzen Tag erinnern. Rinke beendet seinen Leserbrief mit einer eigentlich rhetorischen Frage: „Wer hat diese Veranstaltungen genehmigt?

Nun ist mir weder bekannt, dass der 16. März ein eingetragener stiller Feiertag ist, noch gibt es ein Gesetz, das einer festen Spielstätte, wie sie das Bockshorn ist, vorschreibt, dass jede Veranstaltung vom Souverän genehmigt werden müsse. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn man in diesem Land allmählich dazu übergeht, am 09. November nicht mehr der Opfer der Reichskristallnacht zu gedenken, sondern den Tag des Mauerfalls feiert, wo bleibt da die Hysterie der Mainpostleser? Als am Holocaustgedenktag die Karnevalsgilde feierte, statt der Befreiung Auschwitz‘ zu gedenken, wo war die aufgebrachte Leserschaft der Mainpost? Und was hat Herr Rinke am vergangenen 09.11. oder am 27.01. gemacht?

Wahrscheinlich nicht besonderes, denn an diesen Tagen läuten sie nicht, die Kirchenglocken dieser Stadt.