Archiv für April 2011

Presseschau I

Welche Erkenntnis kann man durch Userkommentare und Leserbriefe gewinnen? Jedenfalls demetiert das enthemmte Geschmiere der MainpostleserInnen die These, dass in den Hirnwindungen der Würzburger Wutbürger ein emanzipatorischer Gedanke stecke.

Und so wird selbstverständlich auch am 16. März krakeelt.
Kaum jemand, der sich im lokalhistorischen Diskurs äußern darf, würde auf die Idee kommen, sich beim Zelebrieren der Kollektivtrauer von den paar Menschen stören zu lassen, die vor dem 16. März 1945 weggeschafft worden waren. Sonst wären sich die Würzburger nicht darin einig, dass der 16. März 1945 der schwärzeste Tag der Stadtgeschichte gewesen sei.

Und so kann auch Günther Rinke, der zum 16. März einen Leserbrief an die Mainpost sandte, nicht verstehen, dass sich manche Menschen nicht ins geistige Kondoleszenzbuch eintragen, sondern etwas anderes mit ihrer Zeit anzufangen wissen, ja sogar lachen können. „Ich bin doch sehr erstaunt, welche Veranstaltungen am 16. März in diesem Jahr in Würzburg stattfinden“, schreibt er in seinem Leserbrief, in dem er sich darüber beklagt, dass am 16. März Kabarett in der Posthalle und im Bockshorn stattfinden darf, während doch die Glocken in der ganzen Stadt läuteten, um an Würzburgs schwarzen Tag erinnern. Rinke beendet seinen Leserbrief mit einer eigentlich rhetorischen Frage: „Wer hat diese Veranstaltungen genehmigt?

Nun ist mir weder bekannt, dass der 16. März ein eingetragener stiller Feiertag ist, noch gibt es ein Gesetz, das einer festen Spielstätte, wie sie das Bockshorn ist, vorschreibt, dass jede Veranstaltung vom Souverän genehmigt werden müsse. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn man in diesem Land allmählich dazu übergeht, am 09. November nicht mehr der Opfer der Reichskristallnacht zu gedenken, sondern den Tag des Mauerfalls feiert, wo bleibt da die Hysterie der Mainpostleser? Als am Holocaustgedenktag die Karnevalsgilde feierte, statt der Befreiung Auschwitz‘ zu gedenken, wo war die aufgebrachte Leserschaft der Mainpost? Und was hat Herr Rinke am vergangenen 09.11. oder am 27.01. gemacht?

Wahrscheinlich nicht besonderes, denn an diesen Tagen läuten sie nicht, die Kirchenglocken dieser Stadt.

Heidi’s Schnitzeleck

Heidi’s Schnitzeleck (selbstverständlich geschrieben mit „Deppenapostroph“). Ich liebe Lokalitäten, die nach Vornamen benannt sind.
Die besten Beispiele dafür sind „Gitti’s Pilsstube“ in der Sanderau, „Zum Udo“ oder „Onkel“.

Kelly’s Microwaves

Das bürgerliche Glücksversprechen bleibt definitiv uneingelöst, solange es Produkte wie Kelly’s Microwaves gibt. Wütend hat mich der Konsum des Produkts gemacht, noch wütender aber die Tatsache, dass nicht alle Menschen, die das Zeug probiert haben, den Kapitalismus zu hassen begannen.

Aber first things first. Ein Freund, der weiß, dass ich etwas übrig habe für die kleinen Absurditäten der Warenwelt, schenkte mir vor kurzem eine Packung Kartoffelchips für die Mikrowelle:

Diese werden als eine Beilage zu Fleisch und Gemüse vermarktet, die in 50 Sekunden „fertig“ ist. „Weltneuheit“ steht auf der Packung. Die Idee, Chips als Beilage zu vertilgen, ist alleine schon eine Beleidigung aller Beilagen dieser Welt, sogar des Rosenkohls.
Ich halte mich also brav an die Anleitung, reiße die Tüte auf und erwärme die Kartoffelchips 50 Sekunden in der Mikrowelle. Danach habe ich warme Kartoffelchips. Wow. Schmeckt trotzdem nach eingeschlafenen Füßen.

Waves

Noch darüber nachdenkend, was denn das eigentlich Neue an Kelly’s Microwaves sein soll, und was das Produkt von Aldichips unterscheidet, die man ein paar Minuten auf die Heizung legt, entdecke ich im Internet eine nicht kleine Fangemeinde, die sogar den Kelly’s Microwave Rap performt:

In Österreich ist das wohl ein großes Ding. Wissen Sie, was in Österreich noch ein großes Ding ist? Sehen Sie.